Darum gehts
- Zwei Brände in Visp und Crans-Montana enthüllen relevante Brandschutzmängel
- Gericht ordnet neue Ermittlungen zu Visp-Brand mit zwei Toten an
- Crans-Montana: Silvester-Brand 2025/26 fordert 40 Todesopfer, keine Kontrollen durchgeführt
Ein Jahr, zwei Brände, dieselben Lücken: Im Wallis steht das Brandschutzsystem vor einer existenziellen Bewährungsprobe. Ein kleiner Brand in Visp mit zwei Todesopfern legt strukturelle Risse offen – ein Jahr später explodieren sie im Inferno von Crans-Montana mit 40 Toten. Visp war das Labor, Crans-Montana der brutale Stresstest.
Kleines Feuer, grosse Lektionen: Der Visp-Fall
Am 14. Oktober 2024 kostete ein Brand in einem Visper Wohn- und Geschäftshaus zwei Menschen das Leben. Eine defekte Waschmaschine im Treppenhaus – trotz wiederholter Hinweise des Vermieters nicht behoben – entfachte das Feuer. Rauchvergiftung durch den Kamineffekt im engen Treppenhaus führte zum Tod. Brandschutzberichte von 2017 und 2023 forderten Umbauten, etwa ein funktionierendes Dachfenster zur Rauchabfuhr – nichts geschah.
Die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren ein: technisches Versagen, keine Fremdeinwirkung. Angehörige protestierten: Wo blieb die Kontrolle durch Gemeinde und Kanton? Das Kantonsgericht gab ihnen jetzt recht, mit einer am 27. Januar ausgestellten Verfügung, wie der «Walliser Bote» berichtet. Das ist brisant: Die Verantwortung von Gemeinde und Kanton muss geprüft werden.
Das Gericht kritisiert formelle Fehler und ordnet neue Ermittlungen an: War die Installation der Waschmaschine im Holzschrank regelwidrig? Hat der Vermieter seine Pflichten verletzt? Und vor allem: Warum kontrollierte die Gemeinde Visp die Umsetzung der Mängelberichte nicht? Die Berichte gingen ans kantonale Feuerwehramt – warum blieb das ohne Folgen?
Systemdefizite in Visp
Der Fall legt das Walliser Modell offen: Die Gemeinden führen die periodischen Kontrollen durch; der Kanton greift nur bei Meldungen ein. Visp kontrollierte 2022, meldete Mängel, setzte Fristen – und wartete. Es gab keine Nachverfolgung, keine Eskalation. Der Kanton erklärte später, die Sicherheit sei gewährleistet gewesen. Das Gericht sieht das anders und prüft nun eine strafrechtliche Relevanz möglicher Pflichtverletzungen von Gemeinde und Kanton.
Die Gemeinde Visp betont, alle Kontrollen durchgeführt und Berichte an Eigentümer und Kanton weitergeleitet zu haben. Sicherheitsdirektorin Marie-Claude Noth-Ecoeur wird zitiert, es sei nur ein Bericht eingegangen, kein Eingreifen nötig gewesen. Das Gericht und die Gemeinde sprechen jedoch von mehreren Berichten. Der Fall Visp zeigt: Desorganisation, fehlende Nachverfolgung, Unklarheit bei der Aufsicht.
Crans-Montana: Systemversagen im Grossen
Ein Jahr später, Silvester 2025/26: 40 Tote in der Inferno-Bar «Le Constellation». Seit Jahren keine Brandschutzkontrollen – die Gemeinde räumt es ein. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den früheren und den amtierenden Sicherheitschef sowie gegen die Betreiber. Offen bleibt, ob auch der Gemeindepräsident und der Gemeinderat haften. Experten sagen: ja – bei mangelhafter Aufsicht über Mitarbeitende, wie in jedem Unternehmen.
Vom Labor zum Stresstest
Visp war der Warnschuss: bekannte Mängel, keine Konsequenzen. Crans-Montana ist der Donnerschlag: Massensterben durch dasselbe strukturelle Aufsichts-Vakuum. Das Kantonsgericht könnte mit dem Visp-Entscheid einen Präzedenzfall schaffen.
Werden Pflichtverletzungen von Behörden strafrechtlich relevant, trifft das Crans-Montana umso härter. Der Walliser Sicherheitsminister Stéphane Ganzer sagt, die Gemeinden seien verantwortlich, der Kanton koordiniere. Die Realität zeigt ein System, das unter Belastung versagte. Nun entscheidet die Walliser Justiz: Reform – oder Rechtsbruch.