Opfer-Mütter über das Inferno von Crans-Montana
«Sie hat alles gesehen»

Sie verlor ihren Sohn, ihre Töchter überlebten schwer verletzt: Zwei Opfer-Mütter sprechen im SRF-«Club» offen über das Inferno von Crans-Montana – über transplantierte Haut, Todesangst, leere Kinderzimmer und ihren Kampf um Wahrheit und Gerechtigkeit.
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Laetitia Brodard-Sitre hat beim Inferno in der Bar «Le Constellation» in der Neujahrsnacht in Crans-Montana ihren 16-jährigen Sohn Arthur verloren.
Foto: SRF
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Daniel KestenholzRedaktor Nachtdienst

Laetitia Brodard-Sitre (42) verlor ihren Sohn Arthur (†16) im Inferno von Crans-Montana VS. Die beiden Töchter von Leila Micheloud (51) erlitten schwere Verbrennungen und überlebten. Im «Club» von SRF am Dienstagabend gaben zwei Opfer-Mütter bislang unbekannte Details zur Tragödie, zum Schmerz, zur Bewältigung des Infernos preis.

Michelouds Tochter Meissa (18), die erst in St. Gallen behandelt wurde und jetzt in Sitten VS gepflegt wird, war Augenzeugin des Dramas: «Sie ist die ganze Zeit bei Bewusstsein», erzählt Micheloud. «Sie hat alles gesehen. Sie hat gesehen, wie Menschen sterben, auf dem Boden liegen. Sie selbst war auch auf dem Boden und über ihr waren Menschen, die verstorben sind. Sie konnte sich wie durch ein Wunder befreien und überleben.»

«Vollkommen transplantiert»

Michelouds ältere Tochter Farah (20) wird in Morges VD behandelt – sie habe schwere Verletzungen erlitten. «Farah hatte eine Hauttransplantation, 35 Prozent Verbrennungen. Sie ist am rechten Arm, am Rücken vollkommen transplantiert. Man hat auch am rechten Oberschenkel und am rechten Gesäss Transplantationen vornehmen müssen.»

Sie sei ein junges Mädchen, das «mit diesen Narben leben muss», sagt die Mutter. Dabei sei ihre Tochter noch nicht über den Berg. «Die Hauttransplantationen müssen jetzt einwachsen. Sie haben da eine Kompression, das ist eine Kleidung, die massgeschneidert wird. Die transplantierte Haut muss jeden Tag kontrolliert werden. Ob die Haut anwächst, ob sie infiziert ist. Das ist keine Operation, nach der alles vorbei ist. So funktioniert das leider nicht.» Eben habe sich Farahs Hand entzündet.

Am 3. Januar kam der Anruf

Sie müsse da durch, sagt Micheloud. Jeder Tag sei ein Kampf. «Es ist wie ein Tunnel, da muss man durch.» Erst habe sie nicht mehr nach Hause gehen können: «Die geschlossenen Zimmer meiner Töchter machten mir Angst. Ich schloss das Haus ab, weil meine Töchter nicht da sind. Jetzt versuche ich langsam, zurückzukehren. Ich putze ihre Zimmer, weil ich möchte, dass sie eines Tages wieder nach Hause kommen.»

Laetitia Brodard-Sitre hatte am Unglücksmorgen erfahren, dass ihr Sohn unter den Opfern ist. Ob im Spital oder tot, wusste sie nicht. Sie zeigte Journalisten Fotos von Arthur. Dann der schreckliche Moment der Gewissheit: «Am 3. Januar um 9 Uhr abends, nach der Gedenkzeremonie im Tempel von Lutry, habe ich den gefürchteten Anruf von der Walliser Kantonspolizei erhalten. Da musste ich mich dem stellen, was ich am meisten gefürchtet hatte.»

Begraben ist Arthur im waadtländischen Lütry. «Hier gibt es Jugendliche», sagt Brodard-Sitre, «die in einem Monat schon bei zehn Beerdigungen waren.» Sie selber könne nicht weit entfernt von Arthurs Grab schlafen.

«Wir wollen Antworten»

Wie Micheloud hat auch sie einen Opferverein gegründet. Für das Leiden als Eltern gebe es kein Wort, doch sie habe die Kraft und Energie, für die Wahrheit zu kämpfen: «Fünf Jahre lang gab es zwei Personen, die für die Sicherheit verantwortlich waren. Fünf Jahre lang gab es keine Kontrollen, Informatikprobleme, zu wenig Personal – fünf Jahre lang.»

Micheloud: «Es geht nicht um Hass. Ich bin nicht wütend. Ich will einfach die Wahrheit. Wir als Eltern wollen Gerechtigkeit. Wir wollen Antworten. Die Gemeinde muss ihre Verantwortung übernehmen. Der Kanton muss seine Verantwortung übernehmen. Jeder muss seine Verantwortung übernehmen.»

Brodard-Sitre betont die Rolle der Medien bei den Ermittlungen: «Wir müssen mit den Medien arbeiten. Wenn es die Medien nicht gäbe, wären die Ermittlungen noch nicht so weit, wie sie sind. Die Fehler», sagt sie, «müssen aufgedeckt werden.»

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