Darum gehts
- Angehörige von Trystan Pidoux reisen nach Sitten zur Befragung der Morettis
- Familie protestiert ohne Fahrkarten, Konflikt mit SBB bleibt friedlich
- Befragung endet früh: Angehörige kritisieren Schweizer Justiz und Morettis Abwesenheit
Donnerstagmorgen, kurz vor sieben Uhr. In Lausanne steigt eine Gruppe von Angehörigen in den Zug nach Sitten – Eltern, Geschwister, Freunde von Trystan Pidoux (†17), einem der Opfer der Brandkatastrophe von Crans-Montana VS. Ihr Ziel: die Staatsanwaltschaft Sitten. Hier sollen Jessica (40) und Jacques Moretti (49), die Wirte der Inferno-Bar Le Constellation, befragt werden. Zuvor hatten die Opferfamilien angekündigt, dass sie Jessica Moretti «konfrontieren» und ihr «in die Augen schauen» wollten, bevor sie von der Walliser Staatsanwaltschaft angehört wird. Blick durfte die Familie auf dem Weg nach Sitten begleiten.
In Lausanne steigen mehrere Personen in den Waggon: Trystans Vater Christian Pidoux und Mutter Vinciane Stucky, seine Geschwister Elyas, Yaëlle und Tobyas. Aber auch Freunde, darunter Allegra Petruzzi, die Ende Januar den weissen Marsch in Lutry organisiert hatte. Und Ludo, der seit dem Brand zum Unterstützer der trauernden Familie geworden ist.
«Andere Eltern sollen sich uns in Sitten anschliessen», sagt Trystans Vater. Die Anhörung soll den ganzen Tag dauern.
Die erste Rückkehr ins Wallis
Für alle ist es das erste Mal, dass sie seit dem tragischen 1. Januar wieder ins Wallis zurückkehren. «Ich fühle mich überhaupt nicht sicher, wenn ich in diesen Kanton zurückkehre. Ich habe kein Vertrauen in irgendeine Walliser Behörde», sagt Vinciane Stucky, während ihre Kinder um sie herum sitzen und ein Schild mit einem Foto ihres verstorbenen Bruders umklammern. Hinter ihnen, allein mit einer italienischen Journalistin, fordert Trystans Vater uns auf, die kleine Gruppe zu filmen und zu fotografieren.
Die trauernde Mutter äussert gegenüber Blick ihren Wunsch, an der Anhörung von Jessica Moretti teilzunehmen. Sie möchte mit der Frau, die sie unverblümt als «Mörderin» ihres Sohnes bezeichnet, im selben Raum sein, noch bevor ein Prozess beginnt: «Wenn die Notausgangstür geöffnet worden wäre, hätte Trystan seinen Freund retten können und er wäre noch am Leben. Es gibt keine Vergebung, keine Resilienz, kein Vergessen. Das ist es, was ich ihr heute in Sitten klarmachen will.»
Ludo, der ihr gegenübersitzt, hat sich auf seinen rechten Arm das schicksalhafte Datum tätowieren lassen: 1.1.2026. «Ich habe beschlossen, mir ein Tattoo stechen zu lassen, um diesen Moment zu verewigen, der nun Teil meines Lebens ist», erklärt der Walliser. «Ich will Trystans Familie zeigen, dass ich sie nie im Stich lassen werde.»
Reise ohne Fahrkarten und Konflikt mit den SBB
Alle hatten die Entscheidung getroffen, keine Zugfahrkarten zu kaufen. Ein Zeichen des Protests, nachdem ein Vater und seine Tochter, die eine Verletzte im Spital besuchen wollten, eine Geldstrafe erhalten hatten.
Kurz vor Vevey taucht tatsächlich eine SBB-Kontrolleurin auf, die nach den Fahrkarten fragt. Bei ihrer Ankunft steht Trystans Vater auf und die Journalistin und Verwandte beginnen zu filmen – was der Mitarbeiterin nicht gefällt. Der Vater erklärt ihr die Situation und die Kontrolleurin setzt schliesslich ihren Weg fort. Der Ton der Konfrontation ist höflich, aber bestimmt.
«Diese Kontrolleurin schien sehr menschlich zu sein», kommentiert Pidoux wenig später. «Als sie verstanden hatte, sagte sie, dass sie mit ganzem Herzen bei uns sei. Wenn man die Leute individuell nimmt, bleiben sie menschlich.» Dennoch erwarten Polizeibeamte die Gruppe bei ihrer Ankunft kurz nach 8 Uhr auf dem Bahnsteig in Sitten und erwähnen, dass sie von den SBB kontaktiert worden waren.
Ein Treffen in Ruhe ist nicht möglich!
Auf Wunsch des Vaters ignoriert die Familie die Polizisten und begibt sich direkt zum Gebäude der Staatsanwaltschaft, das nur wenige Gehminuten entfernt liegt. Das Ziel: die Ankunft von Jessica Moretti in dem Gebäude nicht zu verpassen. Vinciane Stucky geht zuerst zu ihrem Anwalt Jean-Luc Addor, um sich auf die Anhörung vorzubereiten, an der sie nach eigenen Angaben teilnehmen darf.
«Ich muss diese Frau konfrontieren. Und sie soll nicht nur Anwälte vor sich haben, sondern auch Mütter von Opfern», sagt sie. Am Vortag konnte bereits eine Mutter bei der Vernehmung von Jacques Moretti anwesend sein. Leila Micheloud konnte einige Minuten unter vier Augen mit dem Geschäftsführerehepaar über ihre beiden Töchter sprechen, die in Crans-Montana verletzt worden waren. Ein Treffen, das von den Anwälten beider Parteien begrüsst wurde.
Trystans Eltern sind der Meinung, dass die Situation mit einem toten Kind eine ganz andere ist. «Es steht jedem frei, seine Trauer oder dieses Verfahren so zu leben, wie er es für richtig hält. Es ist ein guter Werbegag für die Anwälte, aber wir werden keine Vergebung gewähren», sagt Vinciane Stucky.
Platz für die Kameras ... und das Chaos
Als die Gruppe vor dem Gerichtssaal ankommt, wird sie von Medienvertretern aller Nationalitäten belagert. Trystans Vater spricht in mehreren Sprachen – Italienisch, Deutsch, Englisch und natürlich Französisch. Sogar Tobyas, Trystans 14-jähriger Bruder, stellt sich den internationalen Kameras.
Nach und nach bewegt sich die Gruppe in die Nähe des Eingangs. Dort bricht gegen 10 Uhr die angestaute Wut der Angehörigen aus – als die Morettis eintreffen, hört man Schreie und Anschuldigungen. «Sehen Sie mir in die Augen. Ihr habt meinen Bruder getötet», ruft Tobyas den Eheleuten zu, die in dem Chaos von zwei Polizisten und ihren Anwälten beschützt werden.
Um 18 Uhr hatten die Angehörigen eine weitere Konfrontation mit den Morettis geplant. Die Staatsanwaltschaft beendete die Befragung allerdings frühzeitig gegen 17 Uhr – vom Ehepaar keine Spur mehr. Gegenüber Blick zeigt sich Pidoux fassungslos über das vorzeitige Ende der Befragung. «Heute haben wir gesehen, wie das schweizerische Gesetz funktioniert.» Man schütze die Schuldigen. Er vermutete ein gezieltes Manöver, damit die Morettis nicht ein weiteres Mal durch die Menge der Angehörigen laufen müssen.