Darum gehts
- Ein Brand in Crans-Montana forderte 41 Tote und viele Verletzte
- Brennendes Kunststoff-Dämmmaterial verursachte extremen Rauch und hohe Temperaturen
- Experte: Temperaturen von mindestens 150 Grad auch am Boden gemessen
Die Bar Le Constellation in Crans-Montana VS brannte in der Silvesternacht lichterloh. 41 meist junge Personen wurden dabei getötet, viele weitere trugen schwerste Verbrennungen davon.
Am Mittwoch wurden bisher unveröffentlichte Aufnahmen aus dem Innern der Inferno-Bar publik. Darauf zu sehen: Das Interieur des Untergeschosses, wo der Brand ausbrach.
«Schnell und unaufhaltsam»
Blick zeigt die Bilder, die der französische Fernsehsender «BFMTV» zuerst veröffentlichte, einem Brandexperten. Marcus Alter (51) ist zertifizierter Sachverständiger des vorbeugenden und gebäudetechnischen Brandschutzes bei Ignis Protect GmbH in Worms (D). Davor war er über 25 Jahre lang Berufsfeuerwehrmann. Die Aufnahmen schockieren den Experten.
«Das klingt jetzt blöd: Aber nachdem ich diese Bilder gesehen habe, bin ich verwundert, dass es nicht von Anfang an mehr Tote gegeben hat.» In der Bar müssen Zustände direkt aus der Hölle geherrscht haben: Dichter, beissender, giftiger und extrem heisser Rauch, überall Feuer, extrem hohe Temperaturen und eine Decke aus Kunststoff-Dämmmaterial, von der dann brennendes Kunststoffmaterial in Form von heissen brennender Tropfen auf die Menschen heruntergefallen sind.
Experte sieht, was Laien nicht sehen
Das Feuer habe sich «schnell und unaufhaltsam» ausgebreitet. Das ist für den Experten schnell ersichtlich. Ihm fallen aber noch weitere Details auf.
«Hier ist die Decke brennend heruntergetropft – und unten rechts sieht man einen fast unberührten Stuhl», sagt Alter. «Ich gehe davon aus, dass dieser einmal am Boden lag und darum nicht so viel Hitze abbekommen hat, wie andere Stühle auf diesem Bild.»
Alter nimmt an, dass der rote Stuhl bei der Flucht in Panik umgestossen und später womöglich von Einsatzkräften wieder aufgestellt wurde.
Mindestens 150 Grad – auch am Boden!
Auf einem anderen Bild sei gut zu sehen, wie sich das Holz an der Wand verfärbt habe. «Die thermische Zersetzung von Holz beginnt ungefähr ab circa 100 bis 200 Grad, es beginnt zwischen 150 und 550 Grad Pyrolysegase auszustossen. Dann beginnt es, sich braun zu färben. Ab einer Temperatur von etwa 300 Grad wird die grösste Zersetzung erreicht, wobei Flammen entstehen können, die über 1000 Grad heiss werden.»
Gut zu sehen: «Im unteren Bereich gab es schon Temperaturen von 150 Grad. Dort hat sich das Holz schon verfärbt.» Alter geht davon aus, dass in der Bar auch auf Höhe des Bodens Temperaturen von 150-200 Grad geherrscht haben müssen – ab der schwarzen Verkohlung der Holzverkleidung seien es sogar weit über 300 Grad gewesen.
Doch hier ist noch nicht Schluss. Denn die Menschen, die es aus der Bar im Untergeschoss herausschafften, seien noch lange nicht in Sicherheit gewesen. Ein Bild zeigt den oberen Teil der Bar im Parterre – nur wenige Meter entfernt zur rettenden Strasse.
«Man sieht hier gut, wo die Extremtemperaturen wie durch einen Kamin nach oben gezogen sind.» Die Deckenkonstruktion hängt nach unten. Auch hier seien brennende Kunststoffteile heruntergefallen. «Das spricht für die massiven Verletzungen der Personen, denn denen ist einfach teils flüssiges Material brennend auf den Kopf gefallen», sagt der Experte.
Schalldämmung kam in Tropfen herunter
Wahrscheinlich auch für viele Verletzungen verantwortlich und auf zahlreichen Bildern deutlich zu sehen: Die vieldiskutierte Schalldämmung, die Betreiber Jacques Moretti eigenhändig vor 10 Jahren an die Decke montierte. Davon zu sehen sind jetzt nur noch Spuren auf Tischen und auf dem Boden – sie ist geschmolzen und von der Decke getropft.
Für die flüchtenden Menschen in der Silvesternacht sei nicht nur das Feuer extrem gefährlich gewesen, sondern auch der Rauch. «Je dichter der Rauch ist, umso mehr giftige Gase sind drin. Kohlenmonoxid, Ammoniak, Salzsäure, Kohlenmonoxid, Blausäure.» Gase, die alleine schon je nach Konzentration tödlich sein können. «Hier im Brandrauch sind sie geballt vorhanden», sagt Alter.
Die umgestürzten Stühle deuteten auf eine grosse Panik hin. Falle man bei der Flucht hin, könne es sein, dass das bereits das Ende bedeutete. «Drei, vier Atemzüge, je nach Intensität und man wird bewusstlos. Dann wird man entweder zu Tode getrampelt oder stirbt an einer Rauchgasvergiftung.»
Als Blick Marcus Alter vor dem Interview fragte, wie es ihm gehe, sagte er: «Seit ich diese Bilder gesehen habe – nicht mehr so gut.» Jetzt schliesst er mit den Worten: «Ich wünsche den Verletzten, allen Angehörigen, sowie allen Einsatzkräften, die vor Ort waren, gute Besserung, viel Kraft das Erlebte zu verarbeiten und schnell so zu genesen, dass ein Leben in annähernder Normalität irgendwann wieder möglich sein wird.»