Darum gehts
- Im Verzascatal herrscht Hochbetrieb: Hitze, Touristenmassen und erhöhte Unfallgefahr
- Wasserstand 1 Meter tiefer, Waldbrandgefahr Stufe 5 gemeldet
- Bewohnerzahl verdoppelt sich in Ferienzeit, die Polizei ist gefordert
Der Bub springt und landet im Wasser – klatsch! Die Jungen springen und springen. Das eiskalte Wasser der Verzasca ist die passende Erfrischung bei 35 Grad Celsius.
Gesprungen wird von der alten Römerbrücke in Lavertezzo TI, die etwa 14 Meter hoch ist. «Kennen sie die Gefahr im Wasser?», fragen sich die Gemeindepolizisten Christian Nodari (45) und Dario Jelmini (41). «Das Wasser ist einen Meter tiefer als gewöhnlich, das Unfallrisiko höher», erklärt Nodari.
Mehrere schwere Unfälle passierten in den letzten Wochen im Tessin, bei denen auch Personen ertranken – zuletzt starb am Mittwoch ein Mann (†25) im Luganersee. Eine Person kam letzte Woche beim Canyoning ums Leben. Für die Polizei im Tessin gilt in der laufenden Hochsaison Alarmstufe Rot.
Nicht nur wegen des Wassers sei höchste Vorsicht geboten. Denn: «Alles ist voll», bemerkt Jelmini, als er die Parkplätze rund um die bekannte Brücke sieht. Die Touristenstreife zeigt: Die Gäste stehen sich selbst im Weg.
Brennpunkt Verzasca
Die beiden Tessiner patrouillieren für die Gemeindepolizei Intercomunale del Piano. Ihr Revier liegt zwischen Gambarogno TI am Lago Maggiore, dem Camping-Mekka Tenero TI und dem Verzascatal. Offiziell leben 23'000 Menschen hier. Während der Ferien verdoppelt sich die Bevölkerung aber – wegen der Touristen.
Langweilig wird es Nodari und Jelmini im Sommer nicht. Unfälle, Diebstähle und Gesetzesverstösse halten sie auf Trab. An Tagen wie heute im August sei tagsüber immer eine Patrouille im Verzascatal unterwegs. Dario Jelmini: «Im Notfall brauchen wir von Tenero auch mit Blaulicht locker 25 Minuten bis Sonogno TI, am Ende des Verzascatals.»
Von der Strasse behalten sie das Geschehen auf und um die Brücke im Auge. Hinter ihnen stauen sich die Fahrzeuge auf der Strasse. «Das Chaos ist hier am grössten, und Unfälle sind keine Seltenheit», sagt Polizist Nodari. Viele Leute befinden sich im engen Tal. «Wie an den überfülltesten Stränden.»
Hitze stresst und nervt
Dann passiert es: Ein deutscher Camper blockiert die Strasse. Nodari geht hin. «Was machen Sie hier?», fragt er. «Wir warten auf den Parkplatz.» – «Dann fahren Sie wenigstens zur Seite. Danke.»
Nodari grinst und läuft davon. «Bei diesen Temperaturen sind viele Leute gestresst und genervt. Das müssen wir nicht auch noch befeuern.» Unterhaltsam sei es dennoch. Was sie sehen, bringt sie zum Schmunzeln. «Diese Strassen sind schmal und kurvenreich, und nicht alle Autofahrer sind daran gewöhnt», so Nodari.
«Buon lavoro», rufen sie dem Kioskverkäufer zu, wünschen ihm eine gute Arbeit und verabschieden sich. Im Streifenwagen hören die Tessiner den Polizeifunk. Ein Unfall in Gordola, ein im Auto eingeschlossener Hund in Tenero. Ihre Kollegen unten begeben sich zum Einsatzort.
Respekt vor Waldbrand
Im Verzascatal bleibt es ruhig. Goldene Bäume und braune Wiesen säumen die Strasse. «Wie im Herbst», meint Christian Nodari. Das Waldbrandrisiko ist hoch. Die Behörden melden eine «sehr grosse Gefahr», Stufe 5, die Feuerstellen sind gesperrt.
«Touristen respektieren das Feuerverbot mehr als in anderen Jahren», bemerkt Jelmini. Sie seien sensibilisiert, weil das Verbot schweizweit gelte und Bilder aus Frankreich und Spanien die Folgen von Waldbränden zeigen. «In den vergangenen Jahren ignorierten Gäste das Verbot oft.»
Obacht, E-Bikes!
Szenenwechsel: Sie fahren zum See. Via alla Riva, Minusio TI, am Lago Maggiore. Von links und rechts radeln Holländer, Deutsche und Schweizer auf ihren Velos den See entlang. Auch hier sind die Polizisten gefordert und gefragt. Nodari und Jelmini mischen sich unter die Gäste. «Praktisch alle Familien haben mindestens ein E-Bike oder mehrere dabei», erklärt Jelmini. Das sei schön, aber auch ein Risiko.
Nodari ruft: «Stopp!» Er hält eine vierköpfige Familie mit zwei Velos an. Die Kinder sitzen auf den Gepäckträgern. «Das Velo ist für eine und nicht zwei Personen», erklärt er. «Okay, na, dann laufen wir», reagiert die niederländische Familie überrascht.
Später erklärt Nodari: «Das Risiko sind nicht die Holländer, sondern kriminelle Gruppen.» Sie haben es auf die E-Bikes abgesehen. Im Schnitt werde hier täglich ein E-Bike gestohlen. Wie attraktiv diese Bikes für Gauner sind, wüssten viele nicht, meint der Polizist.
Eine junge Tessinerin fährt mit ihrem E-Trottinett in seine Richtung. Sie ist zu jung dafür. Nach einer Verwarnung und einem Anruf bei der Mutter darf das Mädchen wieder gehen, muss aber den E-Roller schieben.
Sie fahren weiter ins Camping-Mekka Tenero. Sechs Campingplätze gibt es hier. «Alles ist voll», meint Jelmini vor der Barriere des Campofelice. Sie öffnet direkt, als sie vorfahren. Jede Parzelle auf dem Platz ist besetzt. Ob was passiert sei? Nein, ist die Antwort. Ihre Präsenz soll den Gästen Sicherheit vermitteln.
Über 2000 Menschen weilen derzeit auf dem grössten Campingplatz der Schweiz. «Im Verhältnis zur Zahl an Menschen, die hier sind, passiert sehr wenig», sagt Jelmini. Kinder und ihre Eltern schauen gespannt.
Im Verzascatal passierte am Donnerstag, wovor die beiden am Vortag gewarnt hatten: Ein junger Mann sprang von der «Ponte dei Salti» ins Wasser und verletzte sich schwer an den Beinen, wie die Polizisten sagen. Er wurde mit dem Helikopter ins Spital geflogen.