Darum gehts
- Drama im Tessin: Ein Mann tötete seine Ex-Frau mit Kopfschuss
- Der Täter starb später bei einer Explosion im Haus seines Bruders
- Unter den Trümmern wurde ein Beamter gefunden, die Polizei vermutet eine geplante Falle
Polizisten stehen am Montagnachmittag um das zerstörte Haus. Die Militärpolizei läuft hin und her. Ein Spürhund ist bei der Arbeit. Ein Bagger trägt Material ab. Eine Drohne surrt durch die Luft. Ein Polizeiwagen der Kriminaltechnik steht in der Nähe des Hauses.
Hier in Leontica im Bleniotal TI endete letzten Freitag ein Drama, dessen traurige Bilanz zwei tote Menschen sind. Und dessen Eskalation tags zuvor in Faido TI begonnen hatte.
Bei den Toten handelt es sich um Laura N.* (†56) und ihren Ex-Mann Antonio N. (†59), wie Blick-Recherchen zeigen. Am Donnerstag schoss er ihr mit einer Pistole in den Kopf. Direkt vor einer Reha-Klinik, in der sie sich aufhielt.
«Frau in Blutlache gefunden»
Alberto Marietta, Hauptmann der Tessiner Kriminalpolizei, beschrieb es in einer Medienkonferenz vom Montag folgendermassen: «Unserer Zentrale wurde gemeldet, dass in der Nähe der Klinik von Faido eine Frau in einer Blutlache gefunden worden sei. Das Personal des Spitals teilte uns mit, dass die Frau am Nachmittag Besuch von einem Mann erhalten hatte. Viel mehr war nicht bekannt.»
Dank der Videoüberwachung realisiert die Polizei, dass es sich um den Ex-Mann von Laura N. handelt. Die Jagd nach Antonio N. beginnt. Sie endet tragisch: 24 Stunden nach der Bluttat von Faido jagt N. das Haus seines Bruders in die Luft, in dem er sich verschanzte. Und stirbt ebenfalls.
Blick hat sich am Ort, an dem der Tatverdächtige lebte, auf Spurensuche begeben. Einige Ecken des Dorfes Leontica, das zur Gemeinde Acquarossa TI gehört, sehen verlassen und heruntergekommen aus. Das Geschäftsauto von Antonio N. steht vor einem verlotterten Industriegebäude. Die Tür des Hauses ist mit einem Polizeisiegel zugeklebt.
Die Menschen im Ort haben von der Tragödie erfahren. Sie kennen Antonio N. Zeichnen aber kein primär negatives Bild von ihm. «Zu mir war er nicht unfreundlich», sagt sein Nachbar Giovanni R.* (55). «Wir hatten nie Probleme.»
«Psychopathischer Narzisst»
Ganz anders sah es offenbar zwischen Antonio N. und seinem späteren Opfer Laura N. aus, die seit 20 Jahren geschieden waren. Die Frau teilte im April einen Facebook-Beitrag, auf dem heftige Worte stehen: «Es ist die Hölle, sich einem Familienprozess mit einem psychopathischen Narzissten zu stellen.» Laura N. erklärt auf Facebook nicht, um was für einen Prozess es geht und an wen der Beitrag gerichtet ist. Aber es ist naheliegend, dass sie ihren Ex-Mann meint.
Im September 2025 teilt sie einen anderen Beitrag: «Wenn ein Narzisst dich verlässt, hast du nicht die Liebe deines Lebens verloren, sondern einen Narzissten, der dir die Lebenskraft geraubt hat.» Die beiden Posts sind nur zwei Beispiele unter vielen.
Das Verhältnis von Giovanni R. zu Antonio N. ist viel unpersönlicher. Schlicht zwei Nachbarn, die ein paar lockere Sätze austauschen, wenn sie sich über den Weg laufen. R. sagt, er habe N. selten in der Nachbarschaft gesehen. «Er war häufig in den Bars von Leontica und Acquarossa.»
Polizist gerät unter Trümmer
So auch am Freitag, wie R. weiss – zwischen Antonio N.s Tat an seiner Ex-Frau und der Explosion. «Er war in der Bar, hat etwas getrunken und mit der Kellnerin gesprochen. Das erzählte mir eine Frau, die am Freitag ebenfalls in der Beiz war.»
Stunden später eskalierte die Situation erneut. Wieder fielen Schüsse. Diesmal in der Nähe des Wohnortes von Antonio N. Die Polizei begab sich vor Ort. Andrea Cucchiaro, Chef für Sondereinsätze bei der Tessiner Polizei, erklärt an der Pressekonferenz: «Unser Team versuchte, das Haus zu identifizieren, in dem sich der Mann befand.» Aber: «Kurz nachdem unsere Leute das Haus betreten hatten, explodierte alles. Ein Beamter geriet unter die Trümmer.» Ebenfalls in den Trümmern fanden Einsatzkräfte später die Überreste von Antonio N.
Die Polizei hat mittlerweile eine schlimme Vermutung. «Dass es sich um eine Falle handelte», so Cucchiaro. «Dass der Mann mit diesen Schüssen ins Leere jemanden in dieses Haus locken wollte. Vielleicht wollte er gerade uns von der Polizei anlocken.»
Die Explosion am Freitagabend bekam Nachbar Giovanni R. nicht mit. «Ich kam wenig später nach Hause. Ich habe die Zivilpolizei gesehen. Sie fuhren an meinem Haus vorbei und hielten vor seinem.»
Trauer um Opfer Laura N.
Auch Tage später belastet das Drama den Nachbarn. «Es macht mich traurig.» Es werde jetzt viel über Antonio N. gesprochen. Aber: «Es ist wichtig, dass man auch über die Frau redet.» Giovanni R. betont: «Nicht nur mein Nachbar ist gestorben, sondern auch seine Ex-Frau. Das darf man nicht vergessen.» Er sagt: «Ich befürchte, dass sie leiden musste, da sie nicht auf der Stelle tot war.»
Tatsächlich wird über die getötete Laura N. gesprochen: Zahlreiche Trauerbekundungen sind in den sozialen Medien zu lesen. «Ruhe in Frieden. Es war schön, dich gekannt zu haben», schreibt eine Frau auf Facebook. «Du bist sicher schon ein Stern», eine andere.
Auch Michela Gardenghi (57), Gemeindepräsidentin von Acquarossa, trauert. «Es sind traurige und anspruchsvolle Tage, auch in meiner Rolle als Gemeindepräsidentin», schreibt sie Blick in einer Nachricht. «Unsere gesamte Gemeinde ist sehr erschüttert und bestürzt über das, was passiert ist.»
* Namen geändert