Darum gehts
- Tessin kämpft mit Überalterung: Fast ein Viertel der Bevölkerung ist Rentner
- Seit diesem Jahr müssen sich Patientinnen und Patienten an den Pflegekosten beteiligen
- 82 private Spitex-Firmen: Zwei Drittel aller Pflegestunden werden privat geleistet
«Wenn ich doch mal nach draussen gehe, sind viele Menschen überrascht, dass ich noch lebe», sagt Giuliano Branca (88). Der Tessiner, das Gesicht wie aus brüchigem Stein gemeisselt, spricht gern und viel. In einer wilden Mischung aus Hochdeutsch und Bündnerdialekt («meine Mutter war aus Graubünden») erzählt er etwa von den italienischen Partisanen, die während des Zweiten Weltkriegs an der Grenze auftauchten.
Branca war in Brissago TI über 30 Jahre lang im Tourismus tätig, auch als Direktor der nach dem Dorf benannten Inseln auf dem Lago Maggiore. Auf seinem Stubentisch liegen Sachbücher, die der ehemalige Gemeinderat verfasst hat. Über die berühmte Zigarrenfabrik etwa, die längst Geschichte ist. Über das Gastgewerbe, natürlich. Und am Schluss des Tischs: «Quo vadis, Brissago?» – eine Frage, die ihn noch heute umtreibt. «1964 kamen hier 44 Kinder auf die Welt, letztes Jahr waren es drei», sagt er mit ernster Miene.
In Locarno leben viele allein
Die Tessinerinnen und Tessiner produzieren kaum noch Nachwuchs. Das sagt auch Stefano Gilardi (74), Bürgermeister der Gemeinde Muralto TI, die direkt neben Locarno liegt. «Wir sind hier im Epizentrum des Geburtensturzes», so der Mediziner, und zugleich des Altersheims der Schweiz: In keinem anderen Kanton ist die Bevölkerung so alt wie im Tessin, fast ein Viertel der Menschen ist bereits im Rentenalter. In der Region Locarno sind es sogar noch mehr.
«Darum haben wir auch die höchsten Gesundheitskosten», sagt Gilardi. Denn: Je älter die Bevölkerung, desto häufiger beanspruche sie medizinische Leistungen.
Bereits ein Drittel der Patientinnen und Patienten der Spitex Alvad stammt aus der Deutschschweiz, die sich nach der Pensionierung im Tessin niedergelassen haben. Dafür beschäftigt der Verein mittlerweile viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Deutsch sprechen – ein Mehraufwand. «Das grösste Problem ist aber die Einsamkeit», sagt Alvad-Präsident Stefano Gilardi. Anders als die Tessinerinnen und Tessiner würden sich die Deutschschweizer Zuzüger kaum austauschen. «Dafür brauchen wir eine Lösung.»
Bereits ein Drittel der Patientinnen und Patienten der Spitex Alvad stammt aus der Deutschschweiz, die sich nach der Pensionierung im Tessin niedergelassen haben. Dafür beschäftigt der Verein mittlerweile viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Deutsch sprechen – ein Mehraufwand. «Das grösste Problem ist aber die Einsamkeit», sagt Alvad-Präsident Stefano Gilardi. Anders als die Tessinerinnen und Tessiner würden sich die Deutschschweizer Zuzüger kaum austauschen. «Dafür brauchen wir eine Lösung.»
Gilardi präsidiert bereits seit Jahrzehnten Alvad, die öffentliche Spitex der Region Locarno und des Maggiatals. Branca ist einer ihrer Kunden. Und in diesem Sinn ein typischer Tessiner Rentner. Seit seine Ehefrau vor zwei Jahren verstorben ist, lebt er allein – so wie fast die Hälfte der Menschen in der Region. Ins Altersheim will er nicht. «Die Zustände dort sind heute nicht mehr normal», sagt er. Also kommt der Pflegedienst – täglich fürs Mittagessen, zweimal pro Woche zum Rasieren und Duschen.
Es ist Donnerstag – Branca ist frisch rasiert. Seine «Badante», eine Betreuerin ohne Pflegeausbildung, serviert Kaffee und Törtchen. Sie komme jede Woche, damit er mit jemandem reden könne, sagt Branca. Im Tessin sind solche Altenpflegerinnen überall.
Die Armut steigt weiter
«Ich hatte nie Geld – und das wird auch so bleiben», sagt Branca. Damit ist er im Südkanton nicht allein: Das Tessin ist nicht nur hoffnungslos überaltert, sondern auch mausarm. Die Löhne sind tief, das Ausland nah – und die Krankenkassenprämien aufgrund der horrenden Gesundheitskosten so hoch wie sonst nirgends in der Schweiz. Die Folge: Fast jede vierte Person ist armutsgefährdet.
Besonders der Mittelstand kommt immer weiter in Bedrängnis, warnen soziale Einrichtungen. Das zeigt sich auch bei den «Badanti». «Wer arm ist, erhält sie vom Staat bezahlt», sagt Gabriele Balestra (56), Direktor von Alvad. Schwierig würde es also besonders für die Rentnerinnen und Rentner, die noch knapp über der Armutsgrenze leben.
Während die Bevölkerung ächzt, profitieren die Pflegedienste. Das Tessin zählt aktuell 82 private Spitex-Firmen, gut zwei Dutzend davon allein in und um Locarno. Dazu kommen rund 700 Freischaffende. Zusammen leisten sie fast zwei Drittel der Pflegestunden. Die sechs öffentlichen Institutionen übernehmen derweil den Rest – nationaler Tiefstwert.
Sie höhlen das System aus
«Die Konkurrenz ist ein Problem», sagt Alessandra Viganò (50), Pflegeleiterin bei Alvad. Oftmals werde behandelt, wo es eigentlich gar nicht nötig sei – letztlich gehe es ja um Profit. Alvad besitzt dagegen einen Leistungsvertrag mit dem Staat. Die Spitex-Organisation ist angehalten, nach dem Subsidiaritätsprinzip zu arbeiten. Heisst: Nur was nötig ist, darf tatsächlich umgesetzt werden. «Die Privaten sollten sich eigentlich auch daran halten», ergänzt Präsident Gilardi. «Aber wer kontrolliert das schon?»
Kürzlich hat der Kanton entschieden, keine neuen Leistungserbringer mehr zuzulassen. Viel zu spät, sagt Gilardi. «Wir hatten schon vor Jahren gewarnt.» Und um die Gemeindekassen zu entlasten, müssen Patientinnen und Patienten für einen Teil der Pflegekosten selbst aufkommen. Alle fünf Minuten fallen 50 Rappen an. Der tägliche Höchstbetrag liegt bei 15 Franken. Deutlich höher als in anderen Kantonen.
Mit der Massnahme sollen die Restkosten – also der Anteil, der nicht von den Krankenkassen übernommen wird – verursachergerechter gedeckt werden. Nur: Während die öffentliche Spitex nun diese Patientensteuer verlangen müssen, ist sie bei den Privaten bloss «erwünscht». «Es ist paradox», sagt Balestra. «Genau die Organisationen, die die Steuer nicht erheben, rechnen am meisten Leistungen ab.»
«Man zahlt viel, aber wir überleben»
Als einzige öffentliche Spitex stellte sich Alvad gegen das neue Gebührenregime – erfolglos. Nach drei Monaten ist laut Gilardi weiterhin klar: «Es wurde juristisch nicht viel überlegt.» Nicht nur verfehle die Massnahme ihr Ziel, sondern treffe zudem besonders Patientinnen und Patienten in den Tälern. «Dort ist es den Privaten oftmals zu teuer», so Gilardi. Heisst: Während andernorts eine Wahl besteht, müssen die Pflegebedürftigen die Steuer dort zwingend berappen. «Ausgerechnet, wo die Menschen sowieso bereits benachteiligt sind», sagt der Spitex-Präsident. «Es ist ein ungleiches System.»
Das sieht auch Ozrenka Rasic (68) so. «Man zahlt jetzt schon viel drauf. Aber wir überleben.» Mit «wir» meint sie auch ihren Mann Franc (70), der zumeist einfach abnickt, was seine Frau sagt. 1989 kamen die beiden mit ihren zwei Kindern aus Serbien in die Schweiz. Ozrenka Rasic arbeitete als Krankenpflegerin, Franc Rasic – eigentlich Zahntechniker – fand einen Job in einem Tennisklub.
Viel Beton für die Behörden
Für das Gespräch mit Blick sitzt das Ehepaar in einem spartanisch eingerichteten Sitzungszimmer in der Alvad-Zentrale, eingebettet in einen Komplex städtischer Behördlichkeit. Gemeindepolizei, Feuerwehr, Passbüro – allesamt im selben Betonklotz.
Die Architektur zeigt: Hier wurde zweckmässig gebaut – die Region vereint in kahlem Brutalismus. Nur auf der anderen Seite der Nebenstrasse liegt mit der Veranstaltungsstätte Palexpo etwas Extravaganz.
Mit ihrem Zweipersonenhaushalt ist das Ehepaar Rasic schon fast eine Ausnahmeerscheinung. Und weil Ozrenka Rasic auch ausgebildete Pflegerin ist, kann sie einen grossen Teil der Pflege ihres Mannes übernehmen. Bereits vor der Pensionierung erlitt Franc eine Hirnblutung, zudem leidet er an chronischer Leukämie.
Wann gehts doch ins Pflegeheim?
Als pflegende Angehörige möchte sich Ozrenka Rasic dennoch nicht anstellen lassen, auch wenn dies mittlerweile selbst bei Alvad möglich wäre. «Ich will unsere Gesundheitskosten nicht noch mehr belasten», sagt sie. So oder so käme bereits täglich eine «Badante» und dreimal pro Woche eine Spitex-Pflegefachfrau vorbei.
Was passieren würde, wenn Ozrenka Rasic irgendwann selbst nicht mehr in der Lage wäre, um für ihren Ehemann zu sorgen, will sie sich noch überlegen. «Wahrscheinlich geht es dann ins Pflegeheim», sagt sie. Zwar steht den Tessiner Rentnerinnen und Rentnern gemäss kantonalem Pflegegesetz eine Direkthilfe zu, um möglichst lange zu Hause zu bleiben. «Ich will aber nicht, dass sich dann meine Töchter um uns kümmern müssen», sagt sie. Diese helfen bereits heute gelegentlich aus – etwa um Ozrenka und Franc Rasic herumzuchauffieren.
Wie beim Ehepaar Rasic sind auch Giuliano Brancas drei Kinder im Tessin geblieben. «Ich bin froh, habe ich weiterhin ein enges Verhältnis mit ihnen», sagt er. Ob sich seine Nichten und Neffen später um ihre Eltern kümmern werden, wird sich noch zeigen. Denn die Jungen zieht es immer mehr in die Deutschschweiz. «Auch unsere Generation ist zwar nach Zürich oder Bern gegangen, um Erfahrungen zu sammeln», sagt Alvad-Direktor Balestra. «Wir kamen aber meist wieder zurück.» Bei der aktuellen Abwanderungswelle sei er sich da nicht mehr so sicher. Es sind keine guten Aussichten.