Darum gehts
- Für eine Luxusresidenz in Locarno ist ein Tunnel direkt unter der historischen Standseilbahn Madonna del Sasso geplant
- Die Vereinigung für Kunst und Natur des Kanton Tessin warnt vor einem massiven Eingriff ins historische Ortsbild
- Der Fall reiht sich in eine Reihe von Konflikten ein, bei denen private Bauprojekte öffentlich zugängliche Orte verändern
Verschlägt es einen in den Ferien nach Locarno TI, ist eine Fahrt mit der Standseilbahn Madonna del Sasso ein Muss. Das kultige Bähnli, das die Innenstadt seit 1906 mit der Wallfahrtskirche Madonna del Sasso verbindet, wirkt wie aus der Zeit gefallen: Einen Halteknopf gibt es nicht – möchte man bei einem der drei Stopps aussteigen, braucht es ein Handzeichen an den Wagenführer. Dieser öffnet die Türen dann von Hand.
Um die denkmalgeschützte Standseilbahn bangen jetzt einige Bewohner Locarnos – und die Tessiner Gesellschaft für Kunst und Natur (Stan), die sich für das architektonische und landschaftliche Erbe des Kantons einsetzt. Der Grund: Eine Immobilienfirma mit Sitz in Lugano plant an einem Hang neben der Standseilbahn eine grosse Luxusüberbauung – für 9 Millionen Franken. Der Stein des Anstosses: Für die Tiefgarage der Residenz mit 28 Parkplätzen soll ein Tunnel direkt unter den Gleisen des historischen Bähnlis gebohrt werden, wie die Tessiner Zeitung «La Regione» berichtet.
Tunnel unter Bähnlimauer sorgt für rote Köpfe
Die beiden Grundstücke, auf denen die edle Immobilie entstehen soll, verfügen derzeit über keinen direkten Strassenzugang. Darum planen die Bauherren zusätzlich eine neue Zufahrtsstrasse entlang der Bahn. Das Baugesuch lag bereits öffentlich beim Stadtrat auf.
Der Tessiner Organisation Stan stossen die Pläne sauer auf. Sie ist der Ansicht, der Tunnel würde das Erscheinungsbild des Bähnlis verschandeln. Und der markante Bau mit viel Glas und Beton «urbanisiere» den heute grossteils grünen Hang. Dazu heisst es in einer Mitteilung: «Das Bauvorhaben würde zu einer Beeinträchtigung der Aussicht von und auf die Seilbahn führen. Ebenso würden sich die Sichtverhältnisse zum und vom Heiligtum Madonna del Sasso verändern.» Dies würde einen «historischen, spirituellen und touristischen Verlust» darstellen.
Wenn private Bauvorhaben die Öffentlichkeit treffen
Der Knatsch in Locarno steht beispielhaft für einen Konflikt, der an begehrten Lagen immer wieder aufflammt: Private verändern mit ihren Bauvorhaben das umliegende Landschaftsbild, das für die Öffentlichkeit einen besonderen Wert hat. So sorgt derzeit auch am Bodensee eine Luxusvilla für mächtig Ärger. Im österreichischen Lochau nahe der Schweizer Grenze liess der deutsche Unternehmer Michael Wisser (55) eine dreistöckige Villa direkt auf einem beliebten Wanderweg bauen. Wo dieser früher verlief, steht heute eine Mauer. Wanderer müssen das Privatgrundstück nun umständlich umgehen. Die Gemeinde plant, «den öffentlichen Zugang zum Weg mit rechtlichen Mitteln» wiederherzustellen, wie sie gegenüber «Bild» sagt.
Besonders hitzig verläuft die Debatte auch, wenn es um den Zugang zu Schweizer Seeufern geht. Eine aktuelle Blick-Übersicht zeigt: Am Luganersee ist nicht einmal ein Drittel des Ufers frei zugänglich, fast die Hälfte ist privatisiert. Ähnlich sieht es am Zürichsee und am Genfersee aus. Deutlich zugänglicher ist der Bodensee, wo der Öffentlichkeit 55 Prozent des Ufers frei zur Verfügung stehen.