«Wenn man hier ein Haus kauft, gehört es einem auch»
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Giovanni Ardemagni (67):«Wenn man hier ein Haus kauft, gehört es einem auch»

Wandel an Südgrenze – immer mehr Tessiner leben lieber in Italien
«Dass Schweizer zu Grenzgängern werden, spricht für Italien und nicht fürs Tessin»

Salvatore Reina und Giovanni Ardemagni zog es von der Schweiz nach Italien. Nicht dem «dolce vita» zuliebe. Das Ziel war vielmehr: weg von den hohen Kosten, aber nah am Tessiner Job. Sie wurden von Einheimischen zu Grenzgängern – und sind damit nicht allein.
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Salvatore Reina kehrte dem Tessin den Rücken und lebt wegen des Portemonnaies lieber in Italien.
Foto: Raphaël Dupain

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Immer mehr Tessiner ziehen aus Kostengründen nach Italien nahe der Grenze
  • 2024 wanderten 2500 Personen ins Ausland – 60 Prozent mehr als vor 15 Jahren
  • In Tessin lebt jede vierte Person unter der Armutsgrenze
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Mit Tessiner Kennzeichen fährt Salvatore Reina (57) aus Italien über die Schweizer Grenze. Er parkiert seinen Geschäftswagen und steigt aus. Vor acht Jahren gab er sein Leben in der Schweiz auf und zügelte kostenbedingt in die Grenzgemeinde Saltrio (I).

Er ist kein Einzelfall. Immer mehr Menschen wandern aus dem Tessin aus und lassen sich direkt hinter der Grenze wieder nieder. Reina sagt: «Die Löhne im Tessin sind tief, die Kosten hoch. Kein Wunder wollen viele darauf verzichten.»

Reina ist Italiener, lebte aber zwischen 20 und 45 in der Deutschschweiz. Er arbeitete als Monteur bei den SBB und in einer Papierfabrik. Dann zog es ihn berufsbedingt ins Tessin. Er ist noch heute dort tätig. Mit der Geburt seiner kleinen Tochter Sveva (9) gingen der Sizilianer und seine Freundin aber über die Bücher.

78’000 Grenzgängerinnen und Grenzgänger pro Tag

Miete, Krankenkasse oder Lebensmittel – das Leben in der Schweiz war für Reina zu teuer. Trotz gutem Lohn konnte oder wollte er es sich nicht leisten. Als das Haus, in dem sie heute wohnen, zum Verkauf stand, zogen sie nach Italien. «Ein Haus zu besitzen, war mein Traum», sagt er. Im Tessin wäre dieser Wunsch unerfüllt geblieben. Möglich wurde er in Italien.

Reina zählt zu den 78’000 Grenzgängerinnen und Grenzgängern zwischen Italien und dem Tessin. Seit acht Jahren fährt er jeden Tag über die Grenze und zurück. Er profitiert vom Schweizer Lohn und den tieferen Preisschildern in Italien. Dass er Rosinen herauspickt, streitet er ab. «Ohne die ‹frontalieri› hat das Tessin ein Problem, das hat sich in der Corona-Zeit gezeigt», so der 57-Jährige. In Italien fehle es ihm an nichts. Er findet: «Dass Schweizer zu Grenzgängern werden, spricht für Italien und nicht fürs Tessin.»

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Reina sitzt im Gemeinderat von Saltrio. Er kennt die Bedeutung der «frontalieri», auf Deutsch Grenzgänger, somit auch politisch. «80 bis 90 Prozent unserer Einwohner arbeiten in der Schweiz», sagt er mit einem dezenten Bieler Dialekt. Davon profitiert auch die Gemeinde. Sie bekommt einen Anteil aus der Quellensteuer.

In der italienischen Grenzgemeinde Saltrio entsteht eine «Schweizer-Siedlung». Die Mehrheit der im Bau stehenden Häuser sollen in Tessiner Hände übergehen.
Foto: Raphaël Dupain

Reina ist nicht allein mit dieser Geschichte. Direkt neben seinem Wohnhaus entsteht eine «Schweizer-Siedlung». Die Mehrheit der im Bau stehenden Wohnungen soll dem Vernehmen nach in Schweizer Hände gelangen.

Varese profitiert von Tessiner Preisen

Zahlen aus dem Tessin zeigen: Im Jahr 2024 wanderten rund 2500 Schweizer und Ausländer vom Tessin nach Italien aus. Das sind 60 Prozent mehr als vor 15 Jahren. Das Tessiner Statistikamt untersuchte die Zahlen genauer. Fazit: 2019 entschieden sich erstmals mehr Schweizerinnen und Schweizer, ennet der Grenze zu leben, als dass Grenzgänger ihren Wohnsitz von Italien in die Schweiz verlegten, wie es im Bericht aus dem Jahr 2024 heisst. Die Gründe sind vielfältig, aber meist auf wirtschaftliche Faktoren zurückzuführen.

Ob das auch weiterhin so bleibt, ist noch offen: Seit 2023 wirkt zwischen der Schweiz und Italien ein Grenzgängerabkommen für alle neuen Grenzgänger. Wer in Italien lebt und in der Schweiz arbeitet, bezahlt hier eine Quellensteuer und in Italien die ordentliche Steuer. Die Auswirkungen dieser Regel sind statistisch noch nicht untersucht.

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Aufgrund der hohen Lebenshaltungskosten und der im Schweiz-Vergleich tiefen Löhne im Tessin bleibt das Thema aktuell. Ein Grund: Die Menschen im Tessin gehören im schweizweiten Vergleich zu den Ärmsten – jeder und jede Vierte im Tessin lebt unter der Armutsgrenze. In der Deutschschweiz liegt die Armutsquote bei 7,5 Prozent.

Das weiss und spürt Marco Magrini, Präsident der Provinz Varese. Er sagt: «Wir beobachten eine wachsende Tendenz von Schweizern und Tessinern, die ihren Wohnsitz in unsere Region verlegen.» Magrini empfängt den Blick-Journalisten in seinem prunkvollen Büro. Die Thematik hat für ihn hohe Priorität. Die Schweizer Zuwanderung sei «spürbar» und «immer deutlicher». Was er damit meint? «Wir beobachten kein vereinzeltes Phänomen, sondern einen strukturellen Wandel im Grenzgebiet», so Magrini.

Marco Magrini empfing den Blick-Journalisten in seinem Büro. Die Schweizer Zuwanderer sind ein willkommenes Geschenk für die Region.
Foto: Raphaël Dupain

Für die Region zwischen dem Lago Maggiore und dem Luganersee sind die Schweizer wirtschaftlich spannend. Die lokale Wirtschaftskammer lancierte eine Kampagne zur Standortförderung. Mit Erfolg: «In den Grenzgemeinden wie Ponte Tresa oder Saltrio spüren wir seit wenigen Jahren eine wachsende Immobiliennachfrage von Schweizern», so Magrini. Genaue Zahlen hat er nicht.

Der parteilose Politiker will die finanzstarke Zuwanderung nicht dem Zufall überlassen. «Das fordert eine genaue Überwachung der Entwicklung und koordinierte politische Massnahmen zwischen Italien und der Schweiz», so Magrini. Er meint mögliche Spannungen auf dem Wohnungsmarkt, denkt an eine engere Zusammenarbeit beider Regionen und an den Ausbau der Infrastruktur und Verkehrswege.

«Im Tessin kostet mich die Krankenkasse ein Haus»

Was das heisst, spürt man in Varese. Giovanni Ardemagni (67) überfährt die Schlaglöcher in der Strasse gekonnt. Sein Heimweg führt an Altstadthäusern und hohen Mauern der italienischen Stadt Varese vorbei. Grosse Anwesen mit üppigen Gärten zieren die Gassen. Nur sieben Kilometer von der Grenze entfernt wohnt der Tessiner heute. Der Rentner lebt seit zehn Jahren in der Lombardei.

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«Unfreiwillig freiwillig», wie er sagt. Mit Mitte 50 verlor er seinen Job in der Schweiz und verliess das Tessin. Auf rund 140 Quadratmetern in einem alten Arbeiterhaus aus dem 18. Jahrhundert richtete sich Giovanni Ardemagni ein. Küche, Schlafzimmer, Stube und Atelier. «Was ich dafür in der Schweiz bezahlt hätte?», fragt er und antwortet selbst: «In Lugano mindestens dreimal so viel!» Er bezahlte 200’000 Franken für die Wohnung.

Dass die Preise in Italien tiefer sind, überrascht nicht. Dass die Preise im Tessin in den letzten Jahren stetig gestiegen sind und die Menschen zur Auswanderung treiben, jedoch schon. Überspitzt sagt Ardemagni: «Im Tessin kostet mich die Krankenkasse ein Haus – das schmerzt», findet er. Als «arm» bezeichnet er sich nicht. Er arbeitete als Manager bei verschiedenen Logistikunternehmen, verdiente gutes Geld, sparte aber nicht. Durch mehrere Scheidungen verlor er einen Grossteil seiner beruflichen Vorsorge.

Rentner Giovanni Ardemagni vor der Landkarte seines Heimatkantons, die nicht nur die Topografie des Kantons zeigt.
Foto: Raphaël Dupain

Das Leben in der Schweiz hätte er sich zwar leisten können, wollte es aber nicht. «Bei den Kosten im Tessin hätte ich am Existenzminimum gelebt. So wollte ich nicht alt werden.» Ardemagni brach mit dem Tessin und dessen Preisschildern. Er zog fürs Eigenheim und das entspannte «dolce far niente» über die Grenze. Was ihm bleibt: «Das Gute von beiden Seiten», sagt er und ergänzt: «Ob ich jetzt da oder drüben lebe, macht aus sozialer Sicht keinen Unterschied, aber finanziell definitiv.»

Der stolze Rentner nimmt uns einen Stock höher in sein Atelier. Dort schreibt er Romane, publiziert sie im Eigenverlag und exportiert Wein in die Schweiz. «Das gibt mir ein kleines Sackgeld», sagt er und deutet auf eine übergrosse Landkarte des Tessins an der Wand. «Oben breit, unten eng», sagt Ardemagni.

Das zeige nicht nur die Topografie, sondern auch die Mentalität, findet Ardemagni und ergänzt: «Neidisch, arrogant sind die Tessiner.» Obwohl er selbst in Stabio TI aufgewachsen ist, fehlen ihm die positiven Worte. Er fühlt sich fallen gelassen, denn er galt als «Verlierer», als er entlassen wurde.

Und trotzdem vermisst er seine Heimat. Fast jeden Tag fährt er zurück über die Grenze, besucht seine Tochter und seine Enkel. Er zeigt stolz seinen roten Pass, hinter ihm auf dem Tisch steht eine Gamelle aus dem Militär.

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