Darum gehts
- Tessin verzeichnet steigende Armut
- Krankenkassenprämien im Tessin belasten stark
- 23,3 Prozent der Tessiner Bevölkerung gelten als armutsgefährdet
Das Tessin kämpft gegen eine Armutswelle. Die Lage im Südkanton sticht national heraus: Ende Jahr 2025 ist die Zahl der Sozialhilfeempfänger erneut gestiegen, ebenso wurden mehr entsprechende Anträge eingereicht. Das zeigt eine Analyse der Westschweizer Zeitung «Le Courrier» mit Verweis auf offizielle Zahlen.
Das Hilfswerk Caritas Schweiz läutete im Januar die Alarmglocken: Sparzwänge und sozialpolitische Grabenkämpfe würden heute auf Kosten der Armen dominieren. Die Anzahl der Personen in prekären finanziellen Verhältnissen steige seit Jahren.
Lohndumping und Prämien-Schock
Zahlen des Bundesamts für Statistik bestätigen, dass das Tessin besonders betroffen ist. Während 2023 schweizweit 14,6 Prozent der Bevölkerung als armutsgefährdet galten, war es im Tessin mit 23,3 Prozent fast jede vierte Person. Zum Vergleich: In der Deutschschweiz liegt die Armutsquote bei 7,5 Prozent.
Die Gründe sind vielfältig. Ein Hauptproblem: Durch das verhältnismässig niedrige Lohnniveau im benachbarten Italien sind die Löhne im Tessin häufig auch tiefer. Gleichzeitig sind die Fixkosten allgemein gestiegen.
Das Tessin ist zudem der Kanton mit den höchsten Krankenkassenprämien. Die monatliche Belastung liegt im Schnitt über alle Altersklassen bei knapp über 500 Franken. Zum Vergleich: 2026 stieg die mittlere Monatsprämie schweizweit auf 393.30 Franken. Zusammen mit den steigenden Lebenshaltungskosten treibt dies immer mehr Menschen in die Armut.
«Deutlicher Anstieg zu Jahresbeginn»
Bruder Martino Dotta von der Stiftung Francesco, welche unter anderem Sozialberatung und warme Mahlzeiten im Tessin anbietet, zeigt sich gegenüber «Le Courrier» alarmiert: «In den ersten Wochen dieses Jahres haben wir einen deutlichen Anstieg der Nachfrage verzeichnet.» Seine Stiftung müsse ihre Dienste ausbauen und die Öffnungszeiten verlängern.
Hart trifft es jene, die ohnehin schon am Limit leben. Laut Alessia Di Dio von der Tessiner «Vereinigung alleinerziehender und Patchwork-Familien» befindet sich fast jede dritte Alleinerziehende im Tessin in «absoluter Armut». Meist seien es Mütter, die nach einer Trennung das Sorgerecht haben und deshalb am stärksten betroffen sind. Oft hätten die Frauen Schwierigkeiten, Miete und Rechnungen zu bezahlen.