Darum gehts
Er ist der kleine Bruder des Weltcup-Finales. Oder die kleine Schwester. Doch: Wer beachtet das Europacup-Finale?
Während Superstars wie Marco Odermatt (28) und Mikaela Shiffrin (31, USA) in Hafjell (No) im Kugelkampf alle Blicke fesseln, reist der Blick zum Endspurt der «Kleinen». 1600 Kilometer weiter südlich. Nach Schladming (Ö). Hier fahren der Zuger Lenz Hächler (22) und die Italienerin Alice Pazzaglia (23). Sie sind die Besten ihrer Klasse, die Pendants zu Odermatt und Shiffrin. Wie vielen das bewusst ist, bleibt fraglich.
Schladming ist kein beliebiger Ort. Im Gegenteil. Die Planai, so heisst die berühmte Piste, ist ein Mekka des Skisports. Jedes Jahr pilgern Zehntausende zum Slalom im Januar. Letzten Winter kam noch ein Riesenslalom dazu – 45’000 Zuschauerinnen und Zuschauer. Zum Vergleich: Im Städtchen leben 6572 Menschen.
Die Pommes werden mit Champagner aufgeweicht
Renntag, Dienstag. Riesenslalom. Zuerst die Männer, dann die Frauen. Im Ort wirkt alles wie immer. Der Planai-Stahlbogen von der WM 2013 steht, daneben die Party-Hochburg Tenne. Doch es herrscht Ruhe. Und fast gähnende Leere. Wo findet das Rennen statt? Ich hole die Akkreditierung im Rennbüro. «Wir wollten kein Risiko eingehen», sagt OK-Präsident Georg Skopek. Deshalb liegt das Ziel weiter oben, am Fuss der Lärchkogelbahn. 1376 Meter statt 745 Meter über Meer – Ende März macht das einen grossen Unterschied. Das oberste Credo: Möglichst faire Wettkämpfe.
«Die Piste ist in einem super Zustand, alles ist sehr gut organisiert», lobt Dania Allenbach (19), das grosse Ski-Talent aus Gstaad BE. Sie wird Riesenslalom-Dritte und gewinnt die Disziplinen-Gesamtwertung. Auf der vollen Terrasse der «Kessler Alm» ist ein kleines Podest eingerichtet. Sue Piller (21), die nur wenige Kilometer von Allenbach entfernt wohnt, steigt ganz nach oben. Sie gewinnt. Der Schweizerpsalm ertönt, danach wird wild mit Champagner gespritzt. Die Folge: Lacher, nasse Jacken und aufgeweichte Pommes frites.
Näher kommt man an die Rennfahrer nirgends
Beim Finale im Europacup gibt es auch Pokale und Medaillen. Allerdings keine Kristallkugeln – die erhält man nur im Weltcup. Das Preisgeld ist auch viel tiefer. Während in Hafjell pro Rennen 167’619 Franken ausgezahlt werden, sind es in Schladming 2300 Franken abzüglich der lokalen Steuern. Der Betrag wird unter den Top 5 ausgezahlt – übrigens in bar, in einem Couvert, direkt nach der Siegerehrung.
Der sichtbarste Unterschied zur grössten Ski-Bühne betrifft den Zuschaueraufmarsch. Wobei allein diese Bezeichnung in Schladming übertrieben ist. Denn: Hier reichen zwei Hände, um die Interessierten im Zielraum zu zählen. Es sind vor allem Hobby-Skifahrer, die an der Absperrung im Zielraum stehen bleiben.
Tribüne, Sitzplätze oder eine Videowand gibt es nicht. Dafür ist alles kostenlos, und man kommt locker an jeden Ski-Crack (es sind auch arrivierte Weltcupfahrer da) heran, kann Selfies machen, plaudern. Und: Ein DJ und ein Speaker – ihre Festbank steht direkt auf dem Schnee – sorgen für Stimmung und informieren, wer in der Rangliste wo platziert ist.
Europacup? Man mag ihn, will aber trotzdem weg
Szenenwechsel. Im Hotel Kielhuberhof liegt Techniker Reto Mächler (24) im Zimmer von Physiotherapeutin Fabienne Flury auf dem Massagetisch. Physiotherapie. «Mein Rücken ist immer ein Thema. Letzte Saison war es schlimm, jetzt haben wir es im Griff», sagt er. Mächler findet, dass Betreuung, Vorbereitung und Unterkünfte im Europacup nicht per se schlechter sind als im Weltcup. «Die Pisten bauen etwas stärker ab. Mit hohen Startnummern wird es noch schwerer. Seit die FIS weniger Wasser zulässt, hat sich das verschärft», so der Zürcher. Immerhin eine gute Folge der weniger eisigen Unterlagen: «Mein Rücken dankt.»
74 Mal Europacup, 33 Mal Weltcup – Stefanie Grob (21) kennt sich in beiden Ski-Welten gut aus. In diesem Winter gelang es der zweifachen Junioren-Weltmeisterin in der Abfahrt, sich bei den «Grossen» festgebissen. Fürs Finale in Norwegen reichte es nicht. «Ich hätte nichts dagegen, wenn ich letztmals beim Europacup-Finale bin», meint die Appenzellerin schmunzelnd. Es würde heissen: Sie hat sich im Weltcup etabliert. Eines würde Grob dennoch vermissen: «Wenn man im Weltcup schlecht fährt, kann man im Europacup schnell abhaken. Keine Autogramme, keine Selfies, keine Journalisten. Das ist dann angenehm.»
Grob war die beste Abfahrerin im Europacup. Der Lohn? Sie hat in dieser Disziplin im kommenden Winter einen Weltcup-Fixplatz. Heisst: Sie muss sich teamintern nicht gegen andere durchsetzen – das gibt Ruhe. Der Zuger Lenz Hächler (22) darf sogar in jeder Disziplin ran, weil er die Europacup-Gesamtwertung gewann. Das zeigt: Es lohnt sich, auch im Europacup um jeden Punkt zu kämpfen.
Budget beträgt 50'000 Franken
Die Stimmung in Schladming ist ausgelassen – auch unter den Teams. Tags darauf, nach den beiden Slaloms, noch mehr. Man geniesst die Frühlingssonne, sonnt sich im T-Shirt, gönnt sich das eine oder andere Bier. Es wird geplaudert und gelacht. Noch ist der Winter nicht fertig, es gibt noch FIS-Rennen, Materialtests, Sponsorentermine und nationale Meisterschaften. Aber der grösste Druck ist weg.
Bleibt die Frage: Warum organisiert Schladming überhaupt das Europacup-Finale? TV- und Eintrittsgelder gibt es nicht, dafür viel Aufwand. «Das ist in erster Linie eine sportliche Entscheidung. Wir als Österreichischer Skiverband wollen gemeinsam mit unseren Veranstaltern dem Nachwuchs eine Bühne bieten und ihnen bestmögliche Bedingungen ermöglichen», sagt Ski-Austria-Sportdirektor Mario Stecher. «Zudem spielen die Quoten eine wichtige Rolle, da sie dem austragenden Land ermöglichen, mehr Athleten und Athletinnen an den Start zu bringen.»
OK-Chef Skopek zieht ein positives Fazit. Alles lief reibungslos. Das Budget von 50’000 Euro – ohne Leistungen der Bergbahnen – wurde eingehalten. «Wir hatten faire Bedingungen, eine perfekte Piste, gutes Wetter, starke Leistungen und emotionale Siegerehrungen», sagt er. «Für uns zählt, dass der Sport im Vordergrund steht und Athleten sowie Teams zufrieden sind. Das ist gelungen.»
St. Anton will WM – noch muss Österreich warten
2013 fand die WM in Schladming statt. Man würde sie gern wieder austragen. Realistisch ist das erst in den 2050er-Jahren. Österreich war 2025 mit Saalbach an der Reihe. St. Anton am Arlberg bringt sich bereits in Stellung.
Lange muss Schladming trotzdem nicht auf den nächsten Ski-Anlass warten. In zwei Wochen beginnt die 33. Musikanten-Ski-WM, sie dauert fünf Tage. Auch das wird man gekonnt über die Bühne bringen.