Darum gehts
- Inferno in Crans-Montana: Verdacht auf Korruption und fahrlässigen Brandschutz.
- Anonymer Lieferant: Keine feuerfeste Einrichtung, angeblich wegen Verwandten bei Behörden.
- Bericht 2023: Feuerpolizei unterfinanziert, Personalmanagement und Kontrollen mangelhaft.
War es Geiz, der zum Inferno von Crans-Montana führte? Am Montagmorgen strahlte der italienische TV-Sender Rai 1 einen Beitrag aus, der diesen Verdacht stützt.
Darin packt ein Möbellieferant der Bar Le Constellation aus. Was der anonyme Informant zu Journalist Alessandro Politi sagt, ist hochbrisant. Denn: Die Aussagen belasten die Morettis schwer. Aber indirekt auch die Gemeinde. Es geht um die Frage: Hatten die Morettis 2015 einen «Verwandten» bei den Behörden?
«Ein Verwandter bei der Gemeinde»
In dem Interview erklärt der Möbellieferant einerseits, dass die Morettis keine feuerfeste Einrichtung für das Le Constellation wollten. «Die feuerhemmende Polsterung kostet ungefähr 15 Prozent mehr», sagt er. Normalerweise bekomme man keine Betriebsbewilligung, wenn man die entsprechenden Zertifikate nicht habe, aber das sei Jacques Moretti egal gewesen. «Seine Frau sagte mir, sie bräuchten keine feuerhemmenden Einrichtungen, weil sie Verwandte hätten, die in hohen Positionen in der Gemeinde Crans-Montana arbeiten. Ein Familienmitglied», so der Möbelverkäufer weiter.
Der Mann erklärt weiter, dass er mehrfach die Behörden auf diesen Umstand aufmerksam gemacht habe. Passiert sei jedoch nichts. «Bis heute hat mich niemand angerufen», sagt er.
Zudem hat der Möbelverkäufer Angst vor Jacques Moretti. «Er kann von einem Moment auf den anderen explodieren. Man sieht, dass er einen schlechten Charakter hat», sagt er. Moretti habe ihm auch schon direkt gedroht.
Ein Verwandter?
Die Aussagen über einen Helfer innerhalb der Gemeinde nähren genau jenen Verdacht, der seit längerem über der Ermittlung rund um das Inferno hängt. Die fehlerhaften Kontrollen wären so nicht nur tragische Zufälle, sondern bewusste «Freundschaftsdienste» für die Morettis durch Angehörige der Gemeindeverwaltung.
Schon am Freitag hatten italienische Medien berichtet, dass Jacques Moretti keinen feuerfesten Schaumstoff an der Decke haben wollte, weil ihn «dieser zu teuer war». Der zuständige Lieferant schrieb demnach in einer Mail: «Ich verstehe nicht, wie dieses Lokal eine Betriebsgenehmigung erhalten konnte.»
Auch dies würde zu einer schützenden Hand für die Morettis innerhalb der Gemeindebehörden passen.
«Politische Verbindungen höher gewichtet»
Doch damit nicht genug. Wie RTS am Montag berichtet, wusste die Gemeinde Crans-Montana bereits 2023 von gravierenden Mängeln bei der Feuerpolizei. Laut einem Prüfbericht der Gemeinde, der dem Sender vorliegt, hatte die Brandschutzabteilung wohl schlichtweg nicht genügend Mittel, um ihre Aufgaben zu erfüllen. «Die den Abteilungsleitern zur Verfügung stehenden Ressourcen, Mitarbeiter und Zeit sind im Verhältnis zu ihren Aufgaben unzureichend», heisst es im Dokument. Dies führe in der Abteilung zu «übermässiger Arbeitsauslastung und zu Verzögerungen».
Ebenfalls wird im Dokument das Personalmanagement der Verwaltung kritisiert. Einige Mitarbeitende würden Disziplinarfälle ignorieren oder die Umsetzung ihrer Aufgaben verweigern. Im Rekrutierungsprozess sollen ausserdem persönliche und «politische Verbindungen der Bewerber höher gewichtet worden sein als ihre berufliche Kompetenz».
Der Druck steigt und steigt
Zudem soll gemäss RTS der Beamte, der 2015 für die Bauabnahme des Le Constellation zuständig war, Angeklagter in einem Strafverfahren wegen fahrlässiger Körperverletzung gewesen sein. Er wurde zwar freigesprochen, doch wirft dieses Verfahren einmal mehr Fragen nach den Kompetenzen der Mitarbeiter der Gemeinde Crans-Montana auf. Der Grund: Der Mitarbeiter war für die Sicherheit eines Geländers zuständig gewesen, das unzureichend gesichert war. Die Folge war der Sturz eines Mannes, der sich dabei eine Querschnittslähmung zuzog.
Der Druck auf die Gemeinde steigt mit jeder neuen Enthüllung weiter. Die Anschuldigungen, dass jemand den Morettis aktiv geholfen haben könnte, die Vorschriften zu umgehen, sind dabei der vorläufige Höhepunkt.
Die Gemeinde Crans-Montana äussert sich auf Blick-Anfrage, wie bis anhin, nur zurückhaltend: «Die Gemeinde arbeitet mit den Justizbehörden zusammen, um die Sachverhalte zu klären und die Verantwortlichkeiten festzustellen. Sollte die Verantwortung bei der Gemeinde liegen, wird sie diese übernehmen.»