Fehlender Schutz für die Morettis, neue Vorwürfe gegen Kanton
Versagen der Walliser Behörden erreicht neuen Tiefpunkt

Erst versagen die Walliser Behörden bei den Ermittlungen, jetzt beim Schutz der beschuldigten Morettis. Die Tumulte vor der Staatsanwaltschaft waren eine Konfrontation mit Ansage. Es ist Zeit, dass im Fall Crans-Montana die Rolle des Kantons in den Vordergrund rückt.
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Gulcin Kaya verlor ihren Sohn Taylan (†18) in Crans-Montana. Sie ging am Donnerstag in Sitten auf die Morettis los.
Foto: AFP
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Rolf CavalliChefredaktor Blick

Das Versagen der Walliser Behörden im Fall Crans-Montana hat diese Woche einen neuen Tiefpunkt erreicht.

Ich habe die Staatsanwaltschaft in den vergangenen Wochen mehrfach kritisiert für ihr Vorgehen bei den Ermittlungen: verspätete Spurensicherung, zögerliche Befragungen, unterlassene Obduktionen. Nun versagen die Behörden auch beim Schutz der Beschuldigten. Das ist ein weiteres Alarmzeichen.

Am Donnerstag spielen sich in Sitten Szenen ab, die erschüttern. Jacques und Jessica Moretti, Betreiber der Inferno-Bar, erscheinen zur Befragung bei der Staatsanwaltschaft. Vor dem Eingang stehen Angehörige. Sie haben in der Brandnacht vom 1. Januar ihr Kind, ihre Schwester, ihren Freund verloren.

Sie schreien: «Mörder!», «Ihr habt unsere Kinder umgebracht!»

Die Morettis wirken überfordert. Der Weg ist blockiert. Erst zwei Polizisten schaffen notdürftig Zugang. Keine Absperrung, kein Sicherheitskonzept, keine sichtbare Führung.

«Ihr habt unsere Kinder getötet!»
2:48
Angehörige stellen Morettis:«Ihr habt unsere Kinder getötet!»

Auch Morettis haben Anspruch auf Schutz

Die Morettis müssen als mutmasslich Mitverantwortliche des Infernos mit 41 Toten und über 100 Verletzten aushalten, sich der Wut der Angehörigen zu stellen. Bis zu einem Punkt.

Doch es gibt Grenzen. Auch Beschuldigte haben Anspruch auf Schutz durch den Rechtsstaat, auf faire Behandlung, auf körperliche Unversehrtheit.

Die Konfrontation war absehbar. Angehörige hatten sie angekündigt. Die Medien waren vor Ort. Alle wussten es. Nur die Sicherheitsbehörden nicht? Entweder unterschätzten sie die Lage grob – oder sie nahmen billigend eine Eskalation in Kauf.

Man hätte Ordnung schaffen können – und den Emotionen dennoch Raum geben: ein abgesperrter Korridor, klare Distanz, sichtbare Präsenz.

Mit seinem Laissez-faire liess der Kanton alle im Stich. Angehörige wie Beschuldigte waren gleichermassen überfordert. Sie standen auf engstem Raum gegenüber – aufgeladen mit Trauer und Wut. Es hätte Schlimmeres geschehen können.

Chaos rund um Brandschutz

Es ist Zeit, die Rolle des Kantons grundsätzlich zu prüfen. Nicht nur wegen des stümperhaften Polizeidispositivs. Auch bei der Brandkatastrophe selbst mehren sich die Hinweise auf kantonale Mitverantwortung.

Für den Brandschutz ist zwar die Gemeinde zuständig. Doch die Oberaufsicht liegt beim Kanton. Offenbar wusste man dort, dass Crans-Montana jahrelang keine Kontrollen durchführte. Mit tödlichen Folgen.

Grotesk wirkt die Episode um den IT-Unternehmer, der Polizei und Gemeinden mit fehlerhaften Systemen belieferte. Er soll Kunden erpresst, ein Datenchaos ausgelöst und den Brandschutz faktisch blockiert haben. Der psychisch kranke Mann kam später in eine Klinik.

Wie viele Bars, Hotels und Schulen im Wallis betroffen sind, weiss derzeit niemand so genau. Der Kanton weist die Verantwortung von sich und verweist auf die Gemeinden.

Je mehr Kritik, desto grösser das Schweigen

Auch ein Brand in Visp mit zwei Todesopfern vor zwei Jahren erscheint in neuem Licht. Die NZZ berichtet von Parallelen zu Crans-Montana. Auch damals gab es keine Obduktionen. Die Staatsanwaltschaft wollte laut dem Bericht nicht weiter ermitteln.

Das alles wären Gründe für eine PUK. Eine Parlamentarische Untersuchungskommission würde nicht nur juristische Fragen klären, sondern tiefergreifende Missstände offenlegen.

Doch bisher prallt man in der Walliser Politik auf eine Mauer des Schweigens. Je grösser die Kritik von aussen, desto fester schliessen sich die Reihen.

Wenn viele Akteure aus zu verschiedenen Lagern etwas zu verlieren haben, will kaum jemand genauer hinsehen.

Der Fall Epstein zeigt aber: Wenn Öffentlichkeit und Opfer beharrlich für Aufklärung streiten, kommt die Wahrheit ans Licht. Irgendwann.

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