Darum gehts
- Die verheerende Brandkatastrophe in der Bar Le Constellation forderte 41 Todesopfer
- Das Barbetreiberpaar Jacques und Jessica Moretti wurde befragt, Jacques Moretti kam in Polizeigewahrsam
- Das Feuer wurde durch Sprühkerzen an Champagnerflaschen ausgelöst
Bar-Lieferant packt in Interview aus
Von Natalie Zumkeller, Redaktorin am News-Desk
Die Schlinge um den Hals des Betreiber-Ehepaars Moretti zieht sich immer weiter zu. In einem Interview mit dem italienischen Sender Rai packte der Möbel-Lieferant des «Le Constellation» über seine Aufeinandertreffen und die Einstellungen der Morettis aus – die Aussagen schockieren.
Der Mann hatte das Paar 2015 bei der Eröffnung der Bar mit allem beliefert, was sie für den Betrieb brauchten. «Sofas, Stühle, das Parkett… er hat alles bei mir bestellt. Er hat bei mir bestellt und dabei gesagt, dass er keinen Brandschutz für die Einrichtung wollte», so der Lieferant. «Wenn man ein Sofa kauft, muss die Polsterung feuerfest sein, wenn sie für ein Lokal verwendet wird. Aber sie wollten das nicht.»
Den Brandschutz habe Moretti aufgrund des 15-prozentigen Aufpreises nicht gewollt. Die E-Mail-Korrespondenz, die seine Angaben unterstreichen, habe der Lieferant noch immer. «Ich habe auch eine E-Mail, in der Moretti droht, mir die Knochen, die Beine und die Arme zu brechen, weil ich seiner Meinung nach zu direkt mit seiner Frau gesprochen habe.»
Eine Begegnung mit den Morettis in Paris bleibe ihm dabei besonders in Erinnerung. «Wir waren drei Stunden lang in einem Besprechungsraum. Seine Frau sagte mir, der Grund, warum sie keine feuerfeste Polsterung bräuchten, sei, dass sie Verwandte in hohen Positionen in der Gemeinde Crans-Montana hätten. Ein Familienmitglied, vielleicht kein enger Verwandter, eher ein Cousin oder so etwas – und deshalb bräuchten sie keine feuerfeste Einrichtung, weil sie diese Leute eben gut kennen.»
Bilder zeigen Anteilnahme an Gedenkfeier
Auf Initiative von Angehörigen der Opfer der Brandkatastrophe in Crans-Montana ist am Samstag im Ferienort eine Gedenkfeier organisiert worden. Einige Dutzend Menschen versammelten sich in der Nähe der Bar Le Constellation, um der Opfer zu gedenken. Bilder zeigen die Anteilnahme:
Angehörige treffen sich zu Gedenkfeier in Crans-Montana
Am Samstag kamen in Crans-Montana Menschen aus einem Grund zusammen: erinnern. Angehörige der Opfer der Brandkatastrophe hatten zu einer Gedenkfeier eingeladen, und einige Dutzend folgten dem Aufruf. Nahe der Bar Le Constellation, dort wo sich das Unglück ereignet hatte, standen sie beisammen – still, nachdenklich, manche mit Blumen in den Händen.
Die Gedenkfeier um 10 Uhr begann mit einer Kranzniederlegung. Familienmitglieder und Freunde waren anwesend und auch die 18-jährige Roze war anwesend, um Blumen niederzulegen, wie Bilder zeigen. Über das Schicksal der Überlebenden der Brandkatastrophe in der Neujahrsnacht hat Blick berichtet.
Auch Vertreterinnen und Vertreter offizieller Stellen nahmen teil. Diana Forte von der italienischen Botschaft sprach den Angehörigen erneut ihre Verbundenheit aus. Italien wolle zeigen, dass es weiterhin an ihrer Seite stehe – nicht nur in den ersten Tagen nach der Tragödie, sondern auch jetzt, lange danach.
Am Ende verharrten alle in einer Schweigeminute für die 41 Menschen, die ihr Leben verloren hatten, und für die vielen Verletzten. Danach löste sich die Gruppe langsam auf; später traf man sich noch zu einem gemeinsamen Gedenkessen in Vétroz.
In den Tagen zuvor hatte sich der Aufruf über soziale Netzwerke verbreitet: gemeinsam kommen, erinnern und den Betroffenen beistehen. So wurde der Tag weniger zu einer offiziellen Zeremonie als zu einem stillen Miteinander – geprägt von Andacht, Nähe und der gemeinsamen Erinnerung an das, was geschehen war.
«Wut. Nur Wut»: Mutter nach Aufeinandertreffen mit Morettis
Am Donnerstag war Gulcin Kaya auf die Menschen getroffen, die ihrer Meinung nach mit Schuld waren am Tod ihres Sohnes. «Ihr habt unsere Kinder getötet!», schrie sie Jacques und Jessica Moretti zu, als diese zu einer Befragung bei der Staatsanwaltschaft Sitten erscheinen mussten.
Kaya, Mutter des 18-jährigen Taylan, der beim Silvesterbrand in Crans ums Leben kam, spricht offen über ihre Gefühle gegenüber den Besitzern des Nachtclubs Le Constellation: «Weil ich – oder besser gesagt, wir – Wahrheit und Gerechtigkeit wollen», sagt sie im Interview mit dem «Corriere della Sera». Über die Morettis sagt sie schlicht: «Wut. Nur Wut.»
Jessica Moretti hatte sich am Donnerstag entschuldigt: «Je suis désolée. Es tut mir so leid», sagte sie sichtlich berührt von der Situation. Gulcin Kaya kontert: «Aber kann man das bei 41 Opfern?»
Kaya ist erschöpft. Schlaflose Nächte prägen ihren Alltag. Sie erzählt von Taylan: «Nachdenklich, sensibel … er liebte Fussball über alles.» Über die anderen Opfer fügt sie hinzu: «Ich betrachte sie wie meine Kinder. Wir sind eine Familie.» Gulcin Kaya bleibt in ihrem Schmerz und ihrer Wut ungebrochen, fest entschlossen, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden.
Anwälte der Morettis fühlen sich bedroht
Von Sandra Marschner, Redaktorin am Newsdesk
Am Donnerstagmorgen konfrontierten Opfer-Angehörige das Betreiberpaar vor dessen Befragung bei der Staatsanwaltschaft in Sitten. Am Abend wollten Angehörige die Morettis ein weiteres Mal konfrontieren, doch die Befragung endete vorzeitig. Mehr dazu liest du im Artikel meines Kollegen Martin Meul und mir. Offenbar seien auch die Anwälte der Morettis in letzter Zeit angegriffen und bedroht worden, berichtet RSI.
Die Präsidenten der Anwaltskammern von Waadt, Wallis und Genf verurteilen am Freitag die verbalen und physischen Angriffe sowie die Drohungen gegen die Verteidiger der Morettis, heisst es weiter. In einer veröffentlichten Erklärung fügten sie hinzu, dass diese Haltungen «ihre Integrität beeinträchtigen, die Justiz schwächen und das Grundrecht auf Verteidigung gefährden» würde.
Weiter verwiesen sie darauf, dass Anwälte «nicht mit den Interessen ihrer Mandanten gleichgesetzt werden dürfen und bei der Ausübung ihres Mandats geschützt werden müssen, wenn sie bedroht werden». Vor allem die intensive Medienberichterstattung habe das entstandene Klima befeuert und zu einer angespannten Atmosphäre beigetragen, erklärten die Autoren.
Es sei daher unerlässlich, dass dieses Verfahren in einer ruhigen Atmosphäre durchgeführt werde und die Opfer, ihre Angehörigen und die Rechte aller Beteiligten respektiert würden. «Nur so kann die Justiz ihre Aufgabe vollumfänglich erfüllen», lautet der Schluss der Westschweizer Anwaltskammern.
Brisantes Mail aufgetaucht: «Moretti fand feuerfesten Schaumstoff zu teuer»
Von Marian Nadler, Redaktor am Newsdesk
Die von Jacques Moretti an der Decke der Inferno-Bar Le Constellation angebrachten Schaumstoff-Paneele waren nicht feuerfest und begünstigten die Ausbreitung der Flammen. Der Schaumstoff war von an Champagnerflaschen befestigten Wunderkerzen entzündet worden. Die «Frau mit Helm», Cyane Panine (†24), eine Angestellte der Bar, hielt die Wunderkerzen wohl zu nah an die Decke.
Nun berichten mehrere italienische Medien, darunter TGCOM24 und «Il Messaggero», dass der Lieferant des Materials namens Robert Borbiro eine Mail an die Polizei von Crans-Montana VS gesendet habe. Darin erklärte er demnach, er habe die Installation einer feuerfesten Schaumstoffverkleidung vorgeschlagen. Dies soll Jacques Moretti aber aus Budgetgründen abgelehnt haben. «Moretti fand den feuerfesten Schaumstoff zu teuer», zitiert der Nachrichtensender. Sie seien überzeugt gewesen, dass die anderweitig gekauften Paneele ebenfalls feuerfest seien.
Borbiro soll zudem angeboten haben, auszusagen, da er die Räumlichkeiten vor der Wiedereröffnung nach dem Umbau im Jahr 2015 besichtigt habe und dabei massive Sicherheitsmängel festgestellt habe. Dazu zählten unter anderem eine zu enge Treppe vom Keller nach oben, eine unzureichende Belüftung und ein schwer zugänglicher Notausgang.
Dieser Notausgang soll laut TGCOM24 in der Unglücksnacht durch einen Hocker blockiert gewesen sein. «Ich war von 1991 bis 1995 Betriebsleiter einer Hotelkette, ich verstehe nicht, wie dieses Lokal eine Betriebsgenehmigung erhalten konnte», soll Borbiro ebenfalls in der Mail betont haben.
Jessica Moretti bricht vor Befragung zusammen
Von Janine Enderli, Redaktorin am Newsdesk
Sie kämpft sich durch die Menge, bricht in Tränen aus und sackt in sich zusammen. Vor der Befragung in Sitten ist Jessica Moretti zusammengebrochen, wie ein Video des französischen Senders TF1 zeigt. Zuvor wurde das Betreiberpaar Moretti von zahlreichen Angehörigen der Opferfamilien zur Rede gestellt. «Ihr habt meinen Sohn getötet», riefen die trauernden Familien.
Die 40-Jährige Jessica Moretti scheint nach diesem Aufeinandertreffen keine Luft mehr zu bekommen und kann sich nicht mehr auf den Beinen halten. Ihr Mann Jacques Moretti kümmerte sich um sie.
Die Anwälte der Morettis kritisierten derweil die geringe Anzahl an Polizisten, die vor Ort war. «Es war ein Angriff. Sie haben es gesehen, es gab einen handgreiflichen Ausbruch, wir haben nicht erwartet, dass die Polizei abwesend sein würde», sagte einer der Anwälte laut der italienischen Nachrichtenagentur Ansa.
Jessica Moretti unter Tränen: «Wir verstehen Ihren Hass»
Von Janine Enderli, Redaktorin am Newsdesk
Es war ein emotionaler Anhörungsbeginn in Sitten. Als die Morettis zu einer weiteren Befragung vor der Sittener Staatsanwaltschaft erschienen, forderten Angehörige Antworten. Unter Tränen richteten sich die Familien der Opfer an das Betreiberpaar und riefen: «Ihr habt unsere Kinder getötet.» Es kam zu tumultartigen Szenen. Nur mit Polizeischutz schafften es die Morettis schliesslich ins Gebäude.
Bei der anschliessenden Befragung ging es unter anderem auch um Personalschulungen. Jessica Moretti soll laut der Nachrichtenagentur Ansa zugegeben haben, dass ihr Personal nicht auf einen Brandfall geschult worden sei. «Es gab nie Evakuierungsübungen, weil uns niemand darum gebeten hat», soll Moretti gesagt haben.
Sie sprach auch über die betroffenen Familien: «Wir wussten, dass die Familien uns heute treffen wollten. Wir verstehen Ihre Wut, Ihren Hass. Ich bekräftige, dass wir für alle Fragen zur Verfügung stehen und für Sie da sein werden», soll Jessica Moretti unter Tränen gesagt haben.
Zu ihrer Rolle während der Brandnacht sagte Moretti: «Meine Priorität war es, Alarm zu schlagen, die Menschen zu evakuieren und so schnell wie möglich die Feuerwehr zu rufen. Ich bin selbst Tochter eines Feuerwehrmanns, und das ist mein Reflex.» Zuvor hatte ein Opferanwalt sie gefragt, warum sie sich unmittelbar nach Ausbruch des Feuers aus dem Lokal gestürzt hatte.
Handy von Brandopfer beschlagnahmt: «Es ist eine grosse Belastung für sie»
Von Janine Enderli, Redaktorin am Newsdesk
Ihre Geschichte ging um die Welt. Die junge Tierärztin Eleonora P.* überlebte die Katastrophe von Crans-Montana knapp. Sie erlitt schwere Verbrennungen im Gesicht und an den Händen, kann ihre Finger immer noch nicht richtig bewegen. Nun wurde die 29-Jährige von italienischen Ermittlern befragt, wie der «Corriere Romagna» berichtet. Dabei wurde auch P.s Handy beschlagnahmt.
Die Beschlagnahmung ihres Handys sei für die Frau völlig unerwartet gekommen. Wie gestern bekannt wurde, stellt die Staatsanwaltschaft in Rom die Telefone sicher, um sie nach belastendem Material zu durchsuchen.
«Sie erklärte sofort, dass sich keine verdächtigen Daten darauf befänden», erklärte Rechtsanwalt Piero Venturi, der die junge Frau vertritt, gegenüber «Corriere Romagna».
«Die Beamten waren zwar sehr freundlich, aber unnachgiebig. Nun ist es für sie eine grosse Belastung, ihr Handy nicht mehr benutzen zu können, auch im Hinblick auf ihre eigene medizinische Versorgung, da ihre elektronische Patientenakte auf dem Handy gespeichert ist», so der Anwalt.
Die Momente des Brandes beschrieb P. gegenüber den Ermittlern wie folgt: «Innerhalb von 30 Sekunden stürmte eine Flut von Feiernden die Treppe hinauf und drängte sich durch den Spalt auf die Veranda. Es war ein verängstigtes Meer aus Menschen.» Sie habe es irgendwie nach draussen geschafft und noch versucht, ihr Gesicht mit Händen und Armen zu schützen. Eine ähnliche Szene beschrieb auch Brandopfer Tahirys Dos Santos. DIe bewegende Geschichte des Fussballers kannst du hier nachlesen.
* Name bekannt
Jacques Moretti kontert wütenden Angehörigen
Von Marian Nadler, Redaktor am Newsdesk
Die turbulenten Szenen vom Donnerstagmorgen machen mittlerweile international Schlagzeilen. «Heftige Proteste gegen die Morettis bei ihrer Ankunft in Sitten», titelt «Corriere della Sera» aus Italien online, «Wütende Familien attackieren Besitzer des Schweizer Nachtclubs – Entsetzen in den Augen der Betreiberin», lautete die Headline bei der britischen «Daily Mail».
Als Jessica und Jacques Moretti das Haupttor des Campus Energypolis in Sitten betraten, wurden sie heftig beschimpft. Beide wurden unter anderem mehrfach als «Mörder» bezeichnet. Jacques Moretti fühlte sich angegriffen und reagierte spontan: «Wenn wir zahlen müssen, werden wir zahlen. Wir sind keine Mafia, wir sind Arbeiter. Wir werden unsere Verantwortung übernehmen, wir werden uns der Sache annehmen, das versprechen wir Ihnen, wir sind hier, um Gerechtigkeit zu erlangen.»
Nach den Tumulten reagiert auch die Kantonspolizei Wallis. Sie werde «ihre Vorkehrungen ab Donnerstagabend anpassen», teilte sie der Nachrichtenagentur Keystone-SDA auf Anfrage mit. Bis Donnerstagmorgen war die Ankunft des Ehepaars und deren Anwälte jeweils von zwei Beamten begleitet worden, ohne dass es zu Ausschreitungen kam.
Einem Aufruf in den sozialen Medien zufolge wollen weitere Angehörige die Morettis am Donnerstagabend um 18 Uhr stellen. Womöglich werden es dann sogar noch mehr Personen sein als am Donnerstagmorgen.