Darum gehts
- Die verheerende Brandkatastrophe in der Bar Le Constellation forderte 41 Todesopfer
- Das Barbetreiberpaar Jacques und Jessica Moretti wurde befragt, Jacques Moretti kam in Polizeigewahrsam
- Das Feuer wurde durch Wunderkerzen an Champagnerflaschen ausgelöst
«Ihr habt unsere Kinder getötet!»
Von Jessica von Duehren, Teamlead Newsdesk
Vor dem Gebäude der Staatsanwaltschaft in Sitten ist es gerade zu tumultartigen Szenen gekommen, wie Wallis-Reporter Martin Meul berichtet. Mehrere Angehörige der Opfer sind auf Jacques (49) und Jessica Moretti (40) zugestürmt, als diese eintrafen und schrien unter Tränen: «Ihr habt unsere Kinder getötet!»
Das Ehepaar schafft es nur unter Polizeischutz, ins Gebäude zu gelangen. Im Anschluss haben die Angehörigen den Platz verlassen. Nur die Mutter von Trystan (†17), die ebenfalls vor Ort ist, befindet sich aktuell noch im Gebäude. «Sie nimmt zeitweise an der Befragung teil», berichtet Meul.
Trystans (†17) Vater spricht Klartext
Von Jessica von Duehren, Teamlead Newsdesk
«Die Eltern müssen kommen, um Druck auszuüben»: Mit diesen Worten wurden die Familien der Opfer von Crans-Montana in einem Aufruf auf Tiktok dazu aufgefordert, heute in Sitten zu erscheinen. Der Hintergrund: Inferno-Wirtin Jessica Moretti (40) wird heute erneut von der Staatsanwaltschaft befragt.
Vor Ort ist am Morgen auch Christian Pidoux, der Vater von Trystan (†17). Er ist in den letzten Wochen zur Stimme der Angehörigen geworden – und auch heute spricht er Klartext: «Diese Konfrontation ist eine Herzensangelegenheit. Wir sind 156, das darf man nie vergessen.» 41 junge Menschen kamen in den Flammen der Bar Le Constellation ums Leben, 115 wurden verletzt – viele davon schwer.
Es gehe ihm nicht um Publicity – «es geht darum, dass keine Mutter oder Vater ihren Sohn beerdigen oder ins Spital gehen müssten».
Dann berichtet er von einer Mutter aus Italien, die ihren Sohn nicht mehr wiedererkenne. «Sie bezeichnet ihren Sohn als Monster», berichtet Pidoux. Denn: «Er hat keine Augen und Ohren mehr und er leidet so sehr.» Damit will der Vater unterstreichen, welche Folgen die Brandkatastrophe der Silvesternacht für die Familien der Opfer und natürlich die Opfer selbst hat.
«Drei, vier Atemzüge und man wird bewusstlos»
Von Marian Nadler, Redaktor am Newsdesk
Am Mittwoch veröffentlichte der französische Sender BFMTV erstmals Bilder aus dem Inneren der Inferno-Bar Le Constellation in Crans-Montana VS. Mein Kollege Sandro Zulian hat die Bilder einem Brand-Experten vorgelegt.
«Nachdem ich diese Bilder gesehen habe, bin ich verwundert, dass es nicht von Anfang an mehr Tote gegeben hat», sagt Marcus Alter zu den Aufnahmen. Woran er das festmacht, liest du hier.
Welche Walliser Gemeinden sind vom Computer-Puff betroffen?
Von Marian Nadler, Redaktor am Newsdesk
Sechs Jahre wurde die Inferno-Bar von Crans-Montana VS nicht mehr kontrolliert, als es zur Katastrophe kam. Und man muss befürchten: Das tödliche Versäumnis ist kein Einzelfall. Ein Computer-Puff machte eine effektive Kontrolle der Betriebe nach Angaben des Sicherheitsverantwortlichen der Gemeinde unmöglich.
«Wir wissen nicht, welche Gemeinden betroffen sind!», räumt nun Marie Claude Noth-Ecoeur, Chefin der Dienststelle für zivile Sicherheit beim Kanton Wallis, gegenüber Blick ein. Mein Kollege Martin Meul hat eine Umfrage bei grossen Gemeinden im Wallis gestartet.
Treffen in Sitten: Angehörige der Opfer wollen Morettis stellen
Von Marian Nadler. Redaktor am Newsdesk
Am Donnerstagmorgen treffen sich Angehörige der Opfer des verheerenden Bar-Infernos in Sitten VS. Sie wollen Jacques und Jessica Moretti stellen. Die Familie von Trystan (†17), der in den Flammen ums Leben kam, trägt T-Shirts mit seinem Gesicht. «Wir möchten, dass Jessica Moretti sich entschuldigt», sagt Trystans kleiner Bruder Tobyas (14) zu den Reportern. Auf seinem T-Shirt steht: «Du warst mein grosser Bruder.»
In den sozialen Medien wurde dazu aufgerufen, sich in grosser Zahl vor Jessica Moretti zu versammeln. «Ich möchte vor La Moretti stehen. Nicht um zu provozieren. Nicht um zu schreien. Einfach nur, damit sie uns sieht. Damit sie uns in die Augen schaut und durch sie hindurch die Augen unserer Kinder sieht. Denn es gibt Wahrheiten, die sich nicht in Akten oder Urteilen finden lassen, sondern in einem Blick, dem man sich nicht entziehen kann», heisst es im Aufruf.
Mein Kollege Martin Meul berichtete vor zwei Tagen bereits über einen Aufruf auf Tiktok, der auf Französisch, Englisch und Italienisch die Runde machte. Am Donnerstag soll die Betreiberin der Inferno-Bar von Crans-Montana erneut befragt werden. Nach der Anhörung sollen die Angehörigen sie abpassen.
Opferfamilie erstattet Anzeige gegen Gemeindepräsident von Crans-Montana VS
Von Marian Nadler, Redaktor am Newsdesk
Ein junger Mann (29) wurde bei der Brandkatastrophe in der Silvesternacht schwer verletzt. Seine Eltern haben jetzt Anzeige gegen den Gemeindepräsidenten von Crans-Montana, Nicolas Féraud (55), eingereicht. Das berichtet «Le Temps». Sie machen Féraud persönlich für die Mängel bei den Sicherheitsinspektionen verantwortlich.
Auf 14 Seiten klagen sie auch die Barbetreiber Jacques und Jessica Moretti und die weiteren im Strafverfahren Beschuldigten an, schreibt die Westschweizer Zeitung. Féraud wird fahrlässige Körperverletzung, Gefährdung anderer durch Vorsatz, fahrlässige Brandstiftung und eine Reihe von Verstössen gegen die den Gemeinden gesetzlich auferlegten Pflichten und Verantwortlichkeiten, insbesondere gegen das Gesetz zum Schutz vor Bränden und Naturgefahren, vorgeworfen.
Die Eltern, die sich durch zwei Anwälte aus Lens VS vertreten lassen, argumentieren, dass Féraud im Rahmen seiner beruflichen und politischen Laufbahn umfassende Kenntnisse von Brandschutzbestimmungen sammeln konnte. «Warum hat er sie in Bezug auf die Bar Constellation seit sechs Jahren nicht umgesetzt?», fragen sie sich.
Das Brandopfer, der seinen Master in Tourismus im Juni 2025 abgeschlossen hatte, arbeitete seit dem 10. Dezember im Rahmen eines zweimonatigen befristeten Vertrrags für den Skiweltverband FIS. Er betrat Le Constellation weniger als eine Minute vor Ausbruch des Feuers und konnte sich laut den Anwälten «wie durch ein Wunder» retten. Er erlitt Verbrennungen dritten Grades, und «der weitere Verlauf seiner schweren Verletzungen ist noch sehr ungewiss».
Nach dem Bar-Inferno und einer desaströsen Pressekonferenz am 6. Januar hatte sich Féraud wochenlang aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Erst Ende Januar wagte er sich aus der Deckung. Warum der Gemeindepräsident von Crans-Montana sich so lange bedeckt hielt, haben meine Kollegen Martin Meul und Janine Enderli hier beschrieben.
«Habe meine Dankbarkeit ausgedrückt»
Von Johannes Hillig, Redaktor am Newsdesk
Die Wut nach dem Silvester-Horror mit 41 Toten ist gross. Viele Fragen sind offen. Besonders im Ausland schaut man genau auf die Schweizer Behörden und Ermittlungen. Italien hat die Schweiz wiederholt kritisiert. Gründe sind zum Beispiel fehlende Autopsien oder die Freilassung von Jacques Moretti aus der U-Haft.
Darum versucht Ignazio Cassis die Wogen zu glätten. Er traf sich am Randes seines Besuchs bei den Olympischen Winterspielen in Mailand-Cortina am Mittwochabend mit dem Präsidenten der Region Lombardei, Attilio Fontana.
«Ich habe meine Dankbarkeit für die Unterstützung nach der Tragödie von Crans-Montana zum Ausdruck gebracht», schrieb Cassis auf X. Die beiden bekräftigten auch ihre «gemeinsame Solidarität» mit den Opfern des Brandes.
Italienische und Schweizer Ermittler treffen sich
Von Janine Enderli, Redaktorin am Newsdesk
Die italienischen Ermittler mischen im Fall Crans-Montana ebenfalls mit: Die Römer Staatsanwaltschaft hat die Beschlagnahmung der Mobiltelefone der italienischen Jugendlichen angeordnet, die ums Leben gekommen oder verletzt worden sind. Die Massnahme diene dazu, Bilder und Videos im Zusammenhang mit der Tragödie zu überprüfen, wie die italienische Nachrichtenagentur Adnkronos berichtete.
Dies soll dabei helfen, den Hergang und die Verantwortlichkeiten zu rekonstruieren. Die römischen Staatsanwälte sollen sich am kommenden Donnerstag in der Schweiz mit den Walliser Richtern treffen, um eine Bilanz der Ermittlungen zu ziehen. Ausserdem würden die Aussagen der jungen Italiener, die das Unglück überlebt haben, sowie die Krankenakten eingeholt.
Wird auch um Crans-Montana gehen: Cassis reist nach Italien
Von Janine Enderli, Redaktorin am Newsdesk
Der «Haussegen» zwischen Italien und der Schweiz hängt seit der Brandkatastrophe von Crans-Montana schief. Nun reist Bundesrat Ignazio Cassis am Rande der Olympischen Winterspiele nach Mailand, um Gespräche über die bilateralen Beziehungen zwischen der Schweiz und Italien zu führen. Dabei wird es um die grenzüberschreitende Zusammenarbeit im Fall Crans-Montana gehen.
Sechs der 41 Todesopfer und elf Verletzte sind italienische Staatsangehörige. Italien hat die Schweiz für die aus ihrer Sicht mangelhafte Aufarbeitung der Brandkatastrophe wiederholt kritisiert, wie du in diesem Artikel meines Kollegen Daniel Ballmer nachlesen kannst.
Als Konsequenz wurde der italienische Botschafter am 24. Januar aus Bern nach Rom zurückgerufen. Gründe für den Groll in Italien sind unter anderem fehlende Obduktionen, die Freilassung des Barbetreibers Jacques Moretti und ausbleibende Entschädigungen für Angehörige der Opfer.
In Mailand trifft der Cassis laut Medienmitteilung am Mittwoch und Donnerstag den Präsidenten der Region Lombardei, Attilio Fontana, sowie den Bürgermeister von Mailand, Giuseppe Sala, wie das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) am Mittwoch mitteilte.
Cassis wird auch das House of Switzerland in Mailand besuchen. Er werde seinen Aufenthalt in der lombardischen Hauptstadt nutzen, um auch Vertreterinnen und Vertreter der Schweizer Olympischen Familie zu treffen, schreibt das EDA.
«Sie wollte sich privat mit ihnen unterhalten»
Von Janine Enderli, Redaktorin am Newsdesk
Es muss eine unglaublich emotionale Situation gewesen sein: Am Rande der Anhörungen in Sitten hat sich Leila Micheloud, die Mutter zweier verletzten Mädchen, mit dem Besitzerpaar Moretti unterhalten. Das Gespräch auf dem Campus Energypolis dauerte etwa zwanzig Minuten, wie ein Reporter von Keystone-SDA vor Ort beobachtete.
In einer Pause während der Anhörung wollte eine Mutter von zwei im Spital liegenden Mädchen mit Jacques Moretti sprechen. Auch der Geschäftsführer des am 1. Januar niedergebrannten Lokals wünschte ein Gespräch. Die Anwälte beschlossen daraufhin, ein Gespräch in einem Nebenraum des Gerichtssaals zu organisieren.
«Meine Mandantin wollte sich privat mit Herrn und Frau Moretti unterhalten. Ich werde Ihnen daher nicht sagen, was gesagt wurde», erklärte der Anwalt der Mutter der Verletzten am frühen Mittwochnachmittag vor zahlreichen Journalisten. «Es war ein intensiver Moment, menschlich gesehen selten und sehr wichtig, damit sich die Menschen sehen und untereinander über das Geschehene austauschen konnten.»
«Meine Kollegen und ich sind der Meinung, dass es sich um einen Schritt handelte, der zu einem gemeinsamen Prozess der Resilienz beigetragen hat», erklärte der Anwalt weiter. Um sich zu verstehen, miteinander zu sprechen und einander zu vergeben, müsse man miteinander reden können.