Editorial über ein öffentliches Versagen
Crans-Montana und das Undenkbare

Was, wenn die Silvester-Tragödie mit Freisprüchen endet? Über eine Katastrophe und unsere Erwartungen.
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Jacques Moretti am Donnerstag vor Gericht in Sitten.
Foto: keystone-sda.ch
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Reza RafiChefredaktor SonntagsBlick

Die Szenen sind mitleiderregend, verstörend, kaum auszuhalten. Und sie senden eine Botschaft: Da läuft etwas gewaltig aus dem Ruder. 

Am Donnerstag wurde ein Gerichtsgang der Barbetreiber von Crans-Montana VS, Jacques und Jessica Moretti, zum Spiessrutenlauf. Sie mussten sich in Sitten VS durch eine Gruppe von Opferangehörigen, Anwälten und Medien zwängen: «Du hast mein Kind umgebracht!», schrie eine Mutter. «Mörder!», rief jemand. 

Kann man es den Angehörigen verübeln? Niemand soll sein eigenes Kind zu Grabe tragen müssen. Möglicherweise ist die Wut der Menge auch ein Schrei nach Gerechtigkeit – erhoffen wir uns doch alle, dass die Justiz für so etwas sorgen wird, im Mindesten für eine Klärung der Verantwortlichkeiten.

Die Behörden indes wirken nicht souverän. Man braucht nur an den katastrophalen Auftritt des Gemeindepräsidenten zu denken, an die Zögerlichkeit der Staatsanwaltschaft oder an die Kommunikation des Wallis. Sinnbildlich dafür steht ein Erlebnis, von dem der Vater eines Opfers berichtet: In der Warteschleife der Helpline für die Eltern, die in den ersten Tagen aufgeschaltet war, ertönte irgendwann das Lied «Help!» von den Beatles.

Italien, das beim Inferno sechs Staatsbürger verloren hat, übt mit voller Wucht Druck auf die Schweiz aus und stempelt sie im TV zur Bananenrepublik, das Prinzip der Gewaltenteilung ebenso ignorierend wie seine eigenen juristischen Fragwürdigkeiten; nach dem Einsturz der Morandi-Brücke in Genua (I) 2018 mit 43 Todesopfern kam es erst nach sieben Jahren zu einem ersten Strafantrag.

Heute werden dort die Erwartungen mindestens so intensiv geschürt wie hier, dass der Rechtsstaat zuschlagen möge. Vielleicht vergessen wir im Lärm der Aufregung, worauf Experten verweisen: Bei Fahrlässigkeitsdelikten ist mit geringen Strafen zu rechnen. Bis dato steht nicht einmal fest, ob die Morettis mit dem Einbau der brennbaren Dämmstoffe überhaupt gegen ein Gesetz verstossen haben. Oder worin genau das Verschulden der verantwortlichen Gemeindebehörden liegt.

Die Öffentlichkeit will Schuldige sehen. Das ist verständlich. Aber Gerichte sind unabhängig – sie könnten so manche Wunschvorstellung enttäuschen. So verstörend das ist.

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