Darum gehts
- Die verheerende Brandkatastrophe in der Bar Le Constellation forderte 41 Todesopfer
- Das Barbetreiberpaar Jacques und Jessica Moretti wurde befragt, Jacques Moretti kam in Polizeigewahrsam
- Das Feuer wurde durch Sprühkerzen an Champagnerflaschen ausgelöst
Crans-Montana wusste schon seit 2023 von Mängeln bei der Brandschutzabteilung
Von Mattia Jutzeler, Redaktor am Newsdesk
Die Inferno-Bar Le Constellation war vor der Brandkatastrophe in der Silvesternacht sechs Jahre lang nicht kontrolliert worden. Selbst in den Inspektionen, die vor 2019 in der Bar durchgeführt wurden, haben die Verantwortlichen entweder gravierende Sicherheitsmängel übersehen oder die Umsetzung ihrer Kritikpunkte zu lasch verfolgt. Meine Kollegin Janine Enderli berichtete hier über die mangelhaften Kontrollen in der Bar.
Wie RTS jetzt berichtet, wusste die Gemeinde Crans-Montana bereits 2023 von gravierenden Mängeln bei der Feuerpolizei. Laut einem Prüfbericht der Gemeinde, der dem Sender vorliegt, hatte die Brandschutzabteilung wohl schlichtweg nicht genügend Mittel, um ihre Aufgaben zu erfüllen. «Die den Abteilungsleitern zur Verfügung stehenden Ressourcen, Mitarbeiter und Zeit sind im Verhältnis zu ihren Aufgaben unzureichend», heisst es im Dokument. Dies führe in der Abteilung zu «übermässiger Arbeitsauslastung und zu Verzögerungen».
Ebenfalls wird im Dokument das Personalmanagement der Verwaltung kritisiert. Einige Mitarbeitende würden Disziplinarfälle ignorieren oder die Umsetzung ihrer Aufgaben verweigern. Im Rekrutierungsprozess sollen ausserdem persönliche und politische Verbindungen der Bewerber höher gewichtet werden als ihre berufliche Kompetenz.
Der Prüfbericht wurde der Gemeinde Crans-Montana am 31. Oktober 2023 vorgelegt. Laut mehreren anonymen Quellen von RTS hätte die Gemeinde die vorgeschlagenen Korrekturmassnahmen nur unzureichend umgesetzt.
«Wollte mich an der für die Kaution erforderlichen Summe beteiligen»
Von Natalie Zumkeller, Redaktorin am News-Desk
Jacques Morettis Vergangenheit im Prostitutions-Gewerbe scheint ihn auch heute noch einzuholen – vor allem in Form eines Mannes, der zu einem Freund wurde, wie «RTS» schreibt. G.*, ein Geschäftsmann aus der Romandie, wird vom Sender als «bekannte Persönlichkeit in der Prostitutionsszene der Westschweiz» beschrieben und soll 2008 in Frankreich in einen Fall von schwerer Zuhälterei verwickelt gewesen sein.
Im selben Fall wurde Jacques Moretti zu einer Haftstrafe verurteilt. G. wird im Urteil als «Schweizer Zuhälter» beschrieben, entging damals aber einer Verurteilung. Kennengelernt haben sich G. und Moretti jedoch bereits Anfangs der 2000er in der Romandie.
Als letzterer 2015 das «Le Constellation» in Crans-Montana renovierte, soll G. ihm mit einem Darlehen von 50'000 Franken geholfen haben. Das gab der Moretti-Freund in einer Befragung so zu. «Es handelte sich um etwa 50'000 Franken, die mir später zurückgezahlt wurden.» Insgesamt sollen die Morettis zusammen mit Beiträgen von Freunden und Familien rund 300'000 Franken in die Renovation und Eröffnung der Bar gesteckt haben.
Nach der Brand-Katastrophe in der Silvesternacht stand G. wieder im Kontakt mit dem befreundeten Betreiber-Ehepaar. Speziell als es nach Jacques Morettis Festnahme darum ging, die Kaution für seine Freilassung zu bezahlen, meldete sich G. sofort bei Jessica Moretti und bot finanzielle Hilfe an. «Ich habe angeboten, mich an der Beschaffung der für die Kautionen erforderlichen Summe zu beteiligen, aber Jessica sagte mir, dass bereits eine andere Lösung gefunden worden sei.»
*Name gekürzt
Barlieferant packt in Interview aus
Von Natalie Zumkeller, Redaktorin am News-Desk
Die Schlinge um den Hals des Betreiberehepaars Moretti zieht sich immer weiter zu. In einem Interview mit dem italienischen Sender «Rai» packte der Möbellieferant der Bar Le Constellation über seine Treffen und die Einstellung der Morettis aus – die Aussagen schockieren.
Der Mann hatte das Paar 2015 bei der Eröffnung der Bar mit allem beliefert, was sie für den Betrieb brauchten. «Sofas, Stühle, Parkett … er hat alles bei mir bestellt. Er hat bei mir bestellt und dabei gesagt, dass er keinen Brandschutz für die Einrichtung wollte», so der Lieferant. «Wenn man ein Sofa kauft, muss die Polsterung feuerfest sein, wenn sie für ein Lokal verwendet wird. Aber sie wollten das nicht.»
Den Brandschutz habe Moretti aufgrund des 15-prozentigen Aufpreises nicht gewollt. Die E-Mail-Korrespondenz, die seine Angaben unterstreicht, habe der Lieferant noch immer. «Ich habe auch eine E-Mail, in der Moretti droht, mir die Knochen, die Beine und die Arme zu brechen, weil ich seiner Meinung nach zu direkt mit seiner Frau gesprochen habe.»
Eine Begegnung mit den Morettis in Paris bleibe ihm dabei besonders in Erinnerung. «Wir waren drei Stunden lang in einem Besprechungsraum. Seine Frau sagte mir, der Grund, warum sie keine feuerfeste Polsterung bräuchten, sei, dass sie Verwandte in hohen Positionen in der Gemeinde Crans-Montana hätten. Ein Familienmitglied, vielleicht kein enger Verwandter, eher ein Cousin oder so etwas – und deshalb bräuchten sie keine feuerfeste Einrichtung, weil sie diese Leute eben gut kennen.»
Bilder zeigen Anteilnahme an Gedenkfeier
Auf Initiative von Angehörigen der Opfer der Brandkatastrophe in Crans-Montana ist am Samstag im Ferienort eine Gedenkfeier organisiert worden. Einige Dutzend Menschen versammelten sich in der Nähe der Bar Le Constellation, um der Opfer zu gedenken. Bilder zeigen die Anteilnahme:
Angehörige treffen sich zu Gedenkfeier in Crans-Montana
Am Samstag kamen in Crans-Montana Menschen aus einem Grund zusammen: erinnern. Angehörige der Opfer der Brandkatastrophe hatten zu einer Gedenkfeier eingeladen, und einige Dutzend folgten dem Aufruf. Nahe der Bar Le Constellation, dort wo sich das Unglück ereignet hatte, standen sie beisammen – still, nachdenklich, manche mit Blumen in den Händen.
Die Gedenkfeier um 10 Uhr begann mit einer Kranzniederlegung. Familienmitglieder und Freunde waren anwesend und auch die 18-jährige Roze war anwesend, um Blumen niederzulegen, wie Bilder zeigen. Über das Schicksal der Überlebenden der Brandkatastrophe in der Neujahrsnacht hat Blick berichtet.
Auch Vertreterinnen und Vertreter offizieller Stellen nahmen teil. Diana Forte von der italienischen Botschaft sprach den Angehörigen erneut ihre Verbundenheit aus. Italien wolle zeigen, dass es weiterhin an ihrer Seite stehe – nicht nur in den ersten Tagen nach der Tragödie, sondern auch jetzt, lange danach.
Am Ende verharrten alle in einer Schweigeminute für die 41 Menschen, die ihr Leben verloren hatten, und für die vielen Verletzten. Danach löste sich die Gruppe langsam auf; später traf man sich noch zu einem gemeinsamen Gedenkessen in Vétroz.
In den Tagen zuvor hatte sich der Aufruf über soziale Netzwerke verbreitet: gemeinsam kommen, erinnern und den Betroffenen beistehen. So wurde der Tag weniger zu einer offiziellen Zeremonie als zu einem stillen Miteinander – geprägt von Andacht, Nähe und der gemeinsamen Erinnerung an das, was geschehen war.
«Wut. Nur Wut»: Mutter nach Aufeinandertreffen mit Morettis
Am Donnerstag war Gulcin Kaya auf die Menschen getroffen, die ihrer Meinung nach mit Schuld waren am Tod ihres Sohnes. «Ihr habt unsere Kinder getötet!», schrie sie Jacques und Jessica Moretti zu, als diese zu einer Befragung bei der Staatsanwaltschaft Sitten erscheinen mussten.
Kaya, Mutter des 18-jährigen Taylan, der beim Silvesterbrand in Crans ums Leben kam, spricht offen über ihre Gefühle gegenüber den Besitzern des Nachtclubs Le Constellation: «Weil ich – oder besser gesagt, wir – Wahrheit und Gerechtigkeit wollen», sagt sie im Interview mit dem «Corriere della Sera». Über die Morettis sagt sie schlicht: «Wut. Nur Wut.»
Jessica Moretti hatte sich am Donnerstag entschuldigt: «Je suis désolée. Es tut mir so leid», sagte sie sichtlich berührt von der Situation. Gulcin Kaya kontert: «Aber kann man das bei 41 Opfern?»
Kaya ist erschöpft. Schlaflose Nächte prägen ihren Alltag. Sie erzählt von Taylan: «Nachdenklich, sensibel … er liebte Fussball über alles.» Über die anderen Opfer fügt sie hinzu: «Ich betrachte sie wie meine Kinder. Wir sind eine Familie.» Gulcin Kaya bleibt in ihrem Schmerz und ihrer Wut ungebrochen, fest entschlossen, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden.
Anwälte der Morettis fühlen sich bedroht
Von Sandra Marschner, Redaktorin am Newsdesk
Am Donnerstagmorgen konfrontierten Opfer-Angehörige das Betreiberpaar vor dessen Befragung bei der Staatsanwaltschaft in Sitten. Am Abend wollten Angehörige die Morettis ein weiteres Mal konfrontieren, doch die Befragung endete vorzeitig. Mehr dazu liest du im Artikel meines Kollegen Martin Meul und mir. Offenbar seien auch die Anwälte der Morettis in letzter Zeit angegriffen und bedroht worden, berichtet RSI.
Die Präsidenten der Anwaltskammern von Waadt, Wallis und Genf verurteilen am Freitag die verbalen und physischen Angriffe sowie die Drohungen gegen die Verteidiger der Morettis, heisst es weiter. In einer veröffentlichten Erklärung fügten sie hinzu, dass diese Haltungen «ihre Integrität beeinträchtigen, die Justiz schwächen und das Grundrecht auf Verteidigung gefährden» würde.
Weiter verwiesen sie darauf, dass Anwälte «nicht mit den Interessen ihrer Mandanten gleichgesetzt werden dürfen und bei der Ausübung ihres Mandats geschützt werden müssen, wenn sie bedroht werden». Vor allem die intensive Medienberichterstattung habe das entstandene Klima befeuert und zu einer angespannten Atmosphäre beigetragen, erklärten die Autoren.
Es sei daher unerlässlich, dass dieses Verfahren in einer ruhigen Atmosphäre durchgeführt werde und die Opfer, ihre Angehörigen und die Rechte aller Beteiligten respektiert würden. «Nur so kann die Justiz ihre Aufgabe vollumfänglich erfüllen», lautet der Schluss der Westschweizer Anwaltskammern.
Brisantes Mail aufgetaucht: «Moretti fand feuerfesten Schaumstoff zu teuer»
Von Marian Nadler, Redaktor am Newsdesk
Die von Jacques Moretti an der Decke der Inferno-Bar Le Constellation angebrachten Schaumstoff-Paneele waren nicht feuerfest und begünstigten die Ausbreitung der Flammen. Der Schaumstoff war von an Champagnerflaschen befestigten Wunderkerzen entzündet worden. Die «Frau mit Helm», Cyane Panine (†24), eine Angestellte der Bar, hielt die Wunderkerzen wohl zu nah an die Decke.
Nun berichten mehrere italienische Medien, darunter TGCOM24 und «Il Messaggero», dass der Lieferant des Materials namens Robert Borbiro eine Mail an die Polizei von Crans-Montana VS gesendet habe. Darin erklärte er demnach, er habe die Installation einer feuerfesten Schaumstoffverkleidung vorgeschlagen. Dies soll Jacques Moretti aber aus Budgetgründen abgelehnt haben. «Moretti fand den feuerfesten Schaumstoff zu teuer», zitiert der Nachrichtensender. Sie seien überzeugt gewesen, dass die anderweitig gekauften Paneele ebenfalls feuerfest seien.
Borbiro soll zudem angeboten haben, auszusagen, da er die Räumlichkeiten vor der Wiedereröffnung nach dem Umbau im Jahr 2015 besichtigt habe und dabei massive Sicherheitsmängel festgestellt habe. Dazu zählten unter anderem eine zu enge Treppe vom Keller nach oben, eine unzureichende Belüftung und ein schwer zugänglicher Notausgang.
Dieser Notausgang soll laut TGCOM24 in der Unglücksnacht durch einen Hocker blockiert gewesen sein. «Ich war von 1991 bis 1995 Betriebsleiter einer Hotelkette, ich verstehe nicht, wie dieses Lokal eine Betriebsgenehmigung erhalten konnte», soll Borbiro ebenfalls in der Mail betont haben.
Jessica Moretti bricht vor Befragung zusammen
Von Janine Enderli, Redaktorin am Newsdesk
Sie kämpft sich durch die Menge, bricht in Tränen aus und sackt in sich zusammen. Vor der Befragung in Sitten ist Jessica Moretti zusammengebrochen, wie ein Video des französischen Senders TF1 zeigt. Zuvor wurde das Betreiberpaar Moretti von zahlreichen Angehörigen der Opferfamilien zur Rede gestellt. «Ihr habt meinen Sohn getötet», riefen die trauernden Familien.
Die 40-Jährige Jessica Moretti scheint nach diesem Aufeinandertreffen keine Luft mehr zu bekommen und kann sich nicht mehr auf den Beinen halten. Ihr Mann Jacques Moretti kümmerte sich um sie.
Die Anwälte der Morettis kritisierten derweil die geringe Anzahl an Polizisten, die vor Ort war. «Es war ein Angriff. Sie haben es gesehen, es gab einen handgreiflichen Ausbruch, wir haben nicht erwartet, dass die Polizei abwesend sein würde», sagte einer der Anwälte laut der italienischen Nachrichtenagentur Ansa.
Jessica Moretti unter Tränen: «Wir verstehen Ihren Hass»
Von Janine Enderli, Redaktorin am Newsdesk
Es war ein emotionaler Anhörungsbeginn in Sitten. Als die Morettis zu einer weiteren Befragung vor der Sittener Staatsanwaltschaft erschienen, forderten Angehörige Antworten. Unter Tränen richteten sich die Familien der Opfer an das Betreiberpaar und riefen: «Ihr habt unsere Kinder getötet.» Es kam zu tumultartigen Szenen. Nur mit Polizeischutz schafften es die Morettis schliesslich ins Gebäude.
Bei der anschliessenden Befragung ging es unter anderem auch um Personalschulungen. Jessica Moretti soll laut der Nachrichtenagentur Ansa zugegeben haben, dass ihr Personal nicht auf einen Brandfall geschult worden sei. «Es gab nie Evakuierungsübungen, weil uns niemand darum gebeten hat», soll Moretti gesagt haben.
Sie sprach auch über die betroffenen Familien: «Wir wussten, dass die Familien uns heute treffen wollten. Wir verstehen Ihre Wut, Ihren Hass. Ich bekräftige, dass wir für alle Fragen zur Verfügung stehen und für Sie da sein werden», soll Jessica Moretti unter Tränen gesagt haben.
Zu ihrer Rolle während der Brandnacht sagte Moretti: «Meine Priorität war es, Alarm zu schlagen, die Menschen zu evakuieren und so schnell wie möglich die Feuerwehr zu rufen. Ich bin selbst Tochter eines Feuerwehrmanns, und das ist mein Reflex.» Zuvor hatte ein Opferanwalt sie gefragt, warum sie sich unmittelbar nach Ausbruch des Feuers aus dem Lokal gestürzt hatte.