Darum gehts
Der Angriff auf den Aarauer Rave, bei dem Maria S.* (22) starb und sechs weitere Personen verletzt wurden, reisst bei Patrick Wasem (44) alte Wunden auf. Auch er wurde Opfer eines Paranoid-Schizophrenen, der sich in seinem Wahn ein Zufallsopfer suchte. «Solche Menschen sind tickende Zeitbomben», sagt er im Gespräch mit Blick.
Der Schaffhauser kritisiert die Schweizer Psychiatriepraxis der «Integration», die psychisch erkrankte Menschen durch Behandlung und Betreuung schrittweise in ein selbständiges Leben zurückführen soll, scharf.
Wasem wünscht sich mehr Schutz für die Opfer, bevor es zu Gewaltverbrechen kommt. Blick sprach erst kürzlich mit Friederike Höfer (44), Leiterin der forensischen Ambulanz der Psychiatrie Zürich, die das Schweizer System erklärt und verteidigt.
Mit Messern und Gertel
Fast dreieinhalb Jahre ist es her, seit Patrick Wasem Opfer eines Angriffs durch einen Psychiatriepatienten mit paranoider Schizophrenie geworden ist – eine ähnliche Diagnose, wie sie dem mutmasslichen Täter von Aarau, Julien G.*, zugeschrieben wird.
Wasems Angreifer Kilian Z.* (24) wurde nach einer aggressiven Episode in einer Psychiatrie in Bern unbegleitet nach draussen gelassen. Dort sollte er, wie Wasem aus Dokumenten zitiert, «Bäume anschreien» und sich beruhigen. Als er nicht in die Klinik zurückkam, wurde er nicht gesucht. Bekannt ist auch: Z. hatte seine Medikamente abgesetzt und durch Marihuana und Anabolika ersetzt.
Die Tat selbst war geplant: Er kaufte sich frühmorgens, am 24. März 2023, in einem Baumarkt einen Gertel, hatte ein Klappmesser dabei und machte sich auf die Suche nach einem Opfer. Dabei habe er fremde Stimmen gehört, wie aus dem Urteil hervorgeht. Er litt unter Verfolgungswahn und akustischen Halluzinationen.
Zufallsbegegnung endet blutig
Die spätere Begegnung in Flurlingen ZH begann harmlos: Z. fragte Wasem nach dem Weg. Als dieser sich umdrehte, um seiner Arbeit nachzugehen, stach Z. zu. Der Täter stach Dutzende Male mit dem Messer auf sein Opfer ein.
Als Wasem hilflos am Boden lag, griff Z. zum Gertel und versuchte, sein Opfer mit Hieben zu köpfen. Insgesamt wurden 37 Stiche und Gertelschläge gezählt.
Nur grossem Glück ist es zu verdanken, dass Patrick Wasem noch lebt.
Täter schuldunfähig
Seine Geschichte erzählte er vor rund anderthalb Jahren im Blick. Vor knapp einem Jahr kam es endlich zum Prozess am Bezirksgericht Andelfingen ZH. Der Täter wurde zwar schuldig gesprochen, ist aufgrund seiner Erkrankung aber «nicht schuldfähig». Z. muss in eine stationäre Massnahme.
«Es heisst immer, seine Krankheit sei an allem schuld – das sehe ich dezidiert anders», sagt Wasem. Der Täter habe die Medikamentenkontrollen umgangen und in den Wochen vor der Tat sehr viel Cannabis konsumiert.
Cannabis könne bei Schizophrenie Psychosen verstärken, bestätigt der forensische Psychiater Marc Graf (62) gegenüber Blick: «Cannabis kann die Wirkung von Medikamenten gegen Schizophrenie, sogenannten Neuroleptika, abschwächen und ihnen entgegenwirken.»
Genugtuung zwar zugesprochen, aber ...
Das Gericht sprach Wasem eine Genugtuung von 80’000 Franken zu. Ob die Haftpflichtversicherung von Kilian Z. zu Zahlungen an Wasem verpflichtet wird, muss allerdings ein separater Prozess klären.
Trotz des milden Urteils ziehen Z. und seine Anwältin die zivilrechtlichen Aspekte weiter. Z. weigert sich, für Genugtuung und Haftpflicht aufzukommen. Ein Hohn gegenüber dem Opfer. «Für mich ist es schwer zu akzeptieren, wenn ich am Ende nicht nur einen kaputten Körper und eine beschädigte Seele habe, sondern auch noch den finanziellen Schaden tragen müsste», sagt Wasem. «Ich bin völlig unverschuldet in diese Situation geraten.»
Wegen des Angriffs werden dem Fischereiaufseher des Kantons Schaffhausen bis zu seiner Pension mehrere Hunderttausend Franken entgehen, weil seine Arbeitsfähigkeit seit dem Angriff dauerhaft eingeschränkt ist. Er macht sich Sorgen um seine Rente.
Weshalb sich der Angeklagte gegen die zivilrechtlichen Forderungen wehrt, versteht Wasem nicht: «Seine Versicherung müsste zahlen, und seine IV-Rente ist nicht pfändbar. Ihm entsteht kein Schaden.»
Gezeichneter Oberkörper
Wasems Körper ist gezeichnet: Er hat eine Narbe vom Bauchnabel bis knapp unter dem Brustbereich. Hinzu kommen unzählige Einstichnarben am Oberkörper, an Hals und Händen.
Seit Jahren ist für ihn nicht an normalen Schlaf zu denken: «In einer guten Nacht wache ich vielleicht fünf- oder sechsmal auf, in einer schlechten bis zu 15-mal.»
Neben den körperlichen Leiden befindet er sich in einer Traumatherapie und lernt Schritt für Schritt, wieder mit der Umwelt und sich selbst klarzukommen.
10 Prozent aller Tötungsdelikte
Der forensische Psychiater Josef Sachs (77) sagt auf Blick-Anfrage: «Über 90 Prozent der Menschen, die an einer Schizophrenie leiden, zeigen keine erhöhte Gewaltbereitschaft. Ein erhöhtes Risiko besteht nur bei einer kleinen Gruppe, die eine ganz bestimmte Form von Wahnideen aufweist, Drogen oder Alkohol konsumiert und sich der Behandlung entzieht.»
August 2016, Salez SG: Brand- und Messerangriff in einem Zug. Zwei Opfer und der Täter starben, vier Personen wurden verletzt. Der Täter hatte psychische Probleme.
Februar 2017, Basel: Ein Mann griff wiederholt Passantinnen und Passanten an. Bei ihm waren Schizophrenie und Drogenabhängigkeit diagnostiziert worden.
Juli 2017, Schaffhausen: Ein Mann verletzte zwei Personen mit einer Motorsäge. Bei ihm wurde paranoide Schizophrenie diagnostiziert. Er war schuldunfähig.
April 2018, Valangin NE: Ein stationär behandelter Psychiatriepatient griff zwei Frauen mit einer Axt an. Er war während eines bewilligten Cafeteriabesuchs aus der Psychiatrie geflohen.
März 2019, Basel: Eine Frau erstach einen siebenjährigen Buben. Sie litt an einer chronischen wahnhaften Störung und war schuldunfähig.
September 2020, Morges VD: Ein Mann erstach einen ihm unbekannten Mann. Bei ihm wurde Schizophrenie diagnostiziert. Er war vermindert schuldfähig.
November 2020, Lugano TI: Eine Frau griff zwei Kundinnen mit einem Messer an. Sie war psychisch krank und vermindert schuldfähig.
März 2023, Flurlingen ZH: Ein Mann verletzte Patrick Wasem mit mindestens 37 Messerstichen lebensgefährlich. Der Täter litt an einer akuten Psychose und paranoider Schizophrenie. Er war aus der UPD Bern entwichen und war schuldunfähig.
Mai 2024, Zofingen AG: Ein Mann griff sieben Personen an. Er litt an paranoider Schizophrenie, einer akuten Psychose und war schuldunfähig.
August 2024, Basel: Ein Mann tötete am Nasenweg eine 75-jährige Frau. Er befand sich im forensischen Massnahmenvollzug und beging die Tat während eines unbegleiteten Ausgangs.
März 2026, Kerzers FR: Bei einem Brand in einem Postauto starben sechs Personen, fünf wurden verletzt. Der Täter war laut Behörden psychisch auffällig.
Mai 2026, Winterthur ZH: Ein Mann verletzte drei Passanten mit einer Stichwaffe. Er war am Vortag aus einer psychiatrischen Behandlung ausgetreten.
August 2026, Aarau: Schiesserei am Aarauer Rave. Ein wohl paranoid-schizophrener Täter tötet eine Frau am Aarauer Rave und verletzt sechs weitere.
August 2016, Salez SG: Brand- und Messerangriff in einem Zug. Zwei Opfer und der Täter starben, vier Personen wurden verletzt. Der Täter hatte psychische Probleme.
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Juli 2017, Schaffhausen: Ein Mann verletzte zwei Personen mit einer Motorsäge. Bei ihm wurde paranoide Schizophrenie diagnostiziert. Er war schuldunfähig.
April 2018, Valangin NE: Ein stationär behandelter Psychiatriepatient griff zwei Frauen mit einer Axt an. Er war während eines bewilligten Cafeteriabesuchs aus der Psychiatrie geflohen.
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März 2023, Flurlingen ZH: Ein Mann verletzte Patrick Wasem mit mindestens 37 Messerstichen lebensgefährlich. Der Täter litt an einer akuten Psychose und paranoider Schizophrenie. Er war aus der UPD Bern entwichen und war schuldunfähig.
Mai 2024, Zofingen AG: Ein Mann griff sieben Personen an. Er litt an paranoider Schizophrenie, einer akuten Psychose und war schuldunfähig.
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März 2026, Kerzers FR: Bei einem Brand in einem Postauto starben sechs Personen, fünf wurden verletzt. Der Täter war laut Behörden psychisch auffällig.
Mai 2026, Winterthur ZH: Ein Mann verletzte drei Passanten mit einer Stichwaffe. Er war am Vortag aus einer psychiatrischen Behandlung ausgetreten.
August 2026, Aarau: Schiesserei am Aarauer Rave. Ein wohl paranoid-schizophrener Täter tötet eine Frau am Aarauer Rave und verletzt sechs weitere.
Die von dieser Gruppe begangenen Delikte seien aber oft besonders bizarr, sodass sie von der Öffentlichkeit vermehrt wahrgenommen werden. «Eine objektive Zunahme ist jedoch nicht zu verzeichnen. Seit Jahren werden konstant rund 10 Prozent aller Tötungsdelikte von Menschen mit einer Schizophrenie begangen.»
Marc Graf ergänzt: «Nur ungefähr 0,5 bis maximal 1 Prozent der Bevölkerung leiden an einer schizophrenen Psychose. Diese Gruppe ist bei Tötungsdelikten also deutlich überrepräsentiert.»
Patrick Wasem ist frustriert: «Niemand soll schuld sein. Nicht die Psychiatrie, die ihn gehen liess, nicht der Täter, der seine Medikamente absetzte, und die Versicherung will auch nicht dafür geradestehen!» Der Einzige, der die Quittung dieser schrecklichen Tat zu zahlen habe, sei er selbst: «Ich fühle mich vom Rechtsstaat alleingelassen.»
* Namen bekannt