Der schockierendste Moment ist jener, als der Mann an einer Gruppe Kleinkinder vorbeirennt. Mit dem Messer in der Hand, mit dem er zuvor auf drei Passanten eingestochen hat. Und dabei «Allahu Akbar» ruft. Gott ist gross. Ach ja?
Die Szene vor dem Bahnhof Winterthur wühlt auf. Die Tochter eines Kollegen passiert den Ort jeweils zu dieser Zeit auf ihrem Schulweg. Sie blieb zum Glück ebenso verschont wie die Kinder im Leuchtstreifen.
Wie so oft nach solchen Taten vollzieht sich ein eigenartiges Ritual. Die Gesellschaft beugt sich über den Täter. Sie erklärt ihn, sie umschliesst ihn.
Beispielhaft sind die Äusserungen des Religionssoziologen Johannes Saal in «20 Minuten»: Bei der Radikalisierung spiele «das persönliche Umfeld eine grosse Rolle». Oft nähmen auch religiöse Autoritäten eine Vorbildfunktion ein. Der Vater des Delinquenten erklärte gegenüber Blick, sein Sohn habe keine sozialen Kontakte und keine Freundin gehabt. Die Liste solcher Deutungen liesse sich beliebig verlängern.
Das Umfeld, die Kindheit, die Vorbilder, die Einsamkeit, die Gesellschaft: Sie gehören beim Umgang mit islamistischen Gewalttätern und ihren Nachahmern längst zum Repertoire des Zeitgeistes. Der Angreifer wird zum Produkt seines sozialen Biotops, zum Kind seiner Zeit. Die Verantwortung des Einzelnen wird zur Nebensache, wenn einer «Allahu Akbar» rufend zur Waffe greift.
Das erstaunt in einer digitalisierten Ego-Gesellschaft, in der Selbstverwirklichung und Selbstdarstellung den Ton angeben. Wir tappen in die Falle des Kollektivismus, der Klammer aller extremen Ideologien. Im Faschismus bestimmt der Führer, im Kommunismus das Politbüro, im politischen Islam das geistige Oberhaupt. Das Individuum gilt nichts. Allah ist gross.
Eine Frage lautet, wer juristische Mitschuld trägt. Eine andere, entscheidende Frage aber ist die nach der Verantwortung. Die Antwort könnte unbequem sein: Vielleicht ist es der Mann, der mit dem Messer in der Hand durch Winterthur rannte und «Allahu Akbar» schrie. Nicht seine Einsamkeit. Nicht sein Umfeld. Nicht die Gesellschaft. Er.