Nichts in der Psychiatrie Zürich erinnert an den Film «Einer flog übers Kuckucksnest»: keine Zwangsjacken, kein Geschrei, nur freundliche Gesichter. Das ist Absicht, sagt Friederike Höfer (44), Leiterin der forensischen Ambulanz, bei einem Rundgang durch die Tagesklinik. Die Klienten sollen sich wohlfühlen.
Nach drei Amoktaten psychisch kranker Täter innert sechs Monaten steht die integrative Psychiatrie unter Druck. Bereits nach den Gewalttaten in Kerzers FR und Winterthur ZH im Frühjahr forderten bürgerliche Politiker härtere Regeln. Der Fall in Aarau dürfte weiter Öl ins Feuer giessen. Für Höfer zielen solche Forderungen am Problem vorbei. Das Schweizer System funktioniere sehr gut. «Absolute Sicherheit wird es nicht geben, auch nicht mit schärferen Regeln.»
Roger K., Nesip Dedeler und jetzt Julien G.
Die Taten des Amokschützen von Aarau, des Messerstechers von Winterthur, und des Postauto-Brandstifters von Kerzers unterscheiden sich in vielem. Aber alle drei Männer waren zuvor psychiatrisch auffällig. Jahre bevor sich Roger K.* (65) in einem Bus in Kerzers anzündete, verschanzte er sich im Berner SRF-Studio. Der Winterthurer Terrorist Nesip Dedeler (31) entliess sich am Tag vor seiner Tat selbst aus der Psychiatrie.
Auch beim Aarauer Amokschützen Julien G.* (43) bestätigten Behörden am Mittwoch psychische Probleme. Laut seinem Vater litt er an Schizophrenie. «Er war in stationärer Behandlung, weil er es nicht mehr ertrug, Menschen um sich zu haben», sagte der Vater gestern gegenüber der Zeitung «Quotidien Jurassien».
Wunderlich sei Julien G., darin sind sich seine Nachbarn einig. Seit einigen Monaten lebte er im jurassischen Dorf Montsevelier. G. habe mit niemandem geredet, sei nur nachts ausser Haus gewesen, und seine Mutter habe seine Wäsche gemacht. Viel mehr wissen seine Nachbarn nicht über den Mann, der vor einer Woche scheinbar wahllos auf Raver in Aarau schoss. Bei seiner Amoktat tötete G. die 22-jährige Maria S.*, die erst vor einem Monat aus Italien in die Schweiz gezogen war, und verletzte sechs Personen zum Teil schwer.
G. stürmte den Rave mit zwei Pistolen und einer Kalaschnikow. Die Waffen besass er legal. Sein Motiv: unbekannt. Laut den Aargauer Ermittlungsbehörden macht G., der sich 24 Stunden nach der Tat der Polizei stellte, von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch. Auf der Pressekonferenz am Mittwoch aber räumte Polizeikommandant Michael Leupold ein, dass es Hinweise auf akute psychische Probleme gebe. Italienische Medienberichte, dass G. psychiatriebekannt war, wollten die Behörden nicht bestätigen; der Vater des Täters tat es nun an deren Stelle.
«Die persönliche Freiheit ist ein hohes Gut»
Höfer hat in ihrer Klinik täglich mit Menschen wie Roger K., Nesip Dedeler oder Julien G. zu tun. Allein im Kanton Zürich weist die Polizei jährlich rund 1600 Personen fürsorgerisch ein, schweizweit sind es über 19'000. Die grosse Mehrheit wird nie gewalttätig. Die Wahrscheinlichkeit für Gewalttaten liege bei 0,005 Prozent, weiss Höfer. «Von einem Trottinettfahrer verletzt zu werden, ist deutlich wahrscheinlicher.»
Mit Aussagen wie denen des Zürcher Sicherheitsdirektors Mario Fehr kann die Chefärztin wenig anfangen. Fehr hatte den Ärzten der Psychiatrie Winterthur im Mai «Versagen» vorgeworfen, weil sie Dedeler nach zwei Tagen entlassen hatten. Zu Fehr will sich Höfer nicht äussern. Sie stellt aber klar: Das Gesetz erlaube es nicht, Menschen gegen ihren Willen länger festzuhalten. Das sei richtig so: «Die persönliche Freiheit ist ein hohes Gut, das wir nicht leichtfertig antasten sollten.»
Heilung statt Wegschliessen
Nach dieser Maxime arbeiten Höfer und ihr Team. Die ambulante Forensik des Universitätsspitals setzt auf Integration statt Ausgrenzung. Neben Menschen mit Depressionen oder Angststörungen werden hier auch Forensik-Patienten behandelt, die in einem psychotischen Zustand straffällig wurden und nicht mehr im geschlossenen Vollzug sein müssen. Einer davon ist Oscar F.** (47).
F. wuchs in zerrütteten Familienverhältnissen im Aargau auf. Als junger Mann wurde er drogenabhängig. 2002 geriet er ins psychiatrische System, nachdem er einen Mann in einem Gewaltexzess fast getötet hatte. Nach seiner Festnahme tobte F. so unkontrollierbar, dass er mit starken Medikamenten ruhiggestellt werden musste. Es folgten zwei Jahrzehnte voller Massnahmen und Therapien. Wie bei psychotischer Schizophrenie typisch, dauerte es Jahre, bis F. seine Krankheit überhaupt einsah, die Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung.
«Würde meine Hand für niemanden ins Feuer legen»
Bei F. ist sie geglückt. Im Gespräch berichtet er stolz, dass er seit einigen Monaten ohne Medikamente lebt. Er habe gelernt, Trigger zu meiden und Warnzeichen zu erkennen. Und er wisse, wo er Hilfe findet, wenn es ihm wieder schlecht geht. Oscar F. ist eine Erfolgsgeschichte, auf die man in der Zürcher Forensik stolz ist. Heute arbeitet er in einer geschützten Werkstatt, was ihm Struktur und Stabilität gibt.
Höfer räumt ein: Dieser Erfolg war erst möglich, nachdem F. straffällig geworden war und der Staat ihn in therapeutische Massnahmen zwang. Dennoch lehnt die Ärztin eine vereinfachte Verhängung von Zwangsmassnahmen ab. Selbst wenn der Staat zu mehr Therapien zwingen könnte, bliebe es ein langwieriger und teurer Prozess: Bei F. dauerte er über 20 Jahre.
Würde Höfer ihre Hand dafür ins Feuer legen, dass F. nie mehr rückfällig wird? «Nein», sagt sie. Das könne sie bei keinem Patienten. «Aber auch für Sie oder mich würde ich das nicht tun.» Letztlich gehe es in der aktuellen Debatte um die grundsätzliche Frage: Wie viel Freiheit und wie viel Sicherheit will eine Gesellschaft? «Die Balance in der Schweiz ist angemessen.» Eine andere Frage sei der im europäischen Vergleich sehr einfache Zugang zu Waffen. Das aber sei eine politische und keine psychiatrische Frage.
* Namen bekannt
** Name geändert