Darum gehts
- Italiener leben länger dank Passeggiata, einem abendlichen Flanier-Ritual auf Plätzen
- Gemütliches Gehen senkt Herzrisiko, reguliert Blutzucker und fördert sozialen Kontakt
- Italien hat eine der höchsten Lebenserwartungen Europas: durchschnittlich 83 Jahre
Wer schon einmal Ferien in Italien gemacht hat, kennt das Bild: Gegen Abend füllen sich die Gassen. Familien, Paare und Freundesgruppen flanieren über die Piazza oder entlang der Promenade. Niemand scheint es eilig zu haben. Ist das nun etwa Italiens Geheimnis für ein längeres Leben?
Die Italiener nennen diesen Ritualspaziergang «Passeggiata». Und obwohl er auf den ersten Blick unspektakulär wirkt, steckt dahinter weit mehr als ein einfacher Abendbummel.
Das schönste Fitnessprogramm hat keine App
Die Passeggiata findet meist zwischen spätem Nachmittag und Sonnenuntergang statt. Statt Jogginghosen und Fitnessuhren tragen die Menschen sommerliche Kleidung, unterhalten sich, beobachten das Treiben und geniessen die Abendluft.
Genau das macht den Unterschied: Die Passeggiata ist kein Training. Niemand zählt Schritte, misst den Puls oder verfolgt Kalorienziele. Es geht nicht um Leistung, sondern um Begegnungen, Entspannung und Bewegung als selbstverständlichen Teil des Alltags.
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Warum der Spaziergang so gesund ist
Italien gehört seit Jahren zu den Ländern mit einer besonders hohen Lebenserwartung in Europa. Forschende nennen dafür mehrere Gründe: die mediterrane Ernährung, starke soziale Beziehungen und regelmässige Bewegung im Alltag.
Die Passeggiata vereint gleich zwei dieser Faktoren:
1. Schon wenige Stunden gemütliches Gehen pro Woche können das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken. Besonders wirksam ist Bewegung nach dem Essen: Ein kurzer Spaziergang von zehn bis fünfzehn Minuten hilft dem Körper, den Blutzucker besser zu regulieren.
2. Auch die Verdauung profitiert. Wer nach dem Abendessen noch eine Runde dreht, kann Blähungen und Völlegefühl reduzieren. Gleichzeitig sinkt der Stresspegel, was wiederum die Schlafqualität verbessert.
Das Mittel gegen Einsamkeit
Die gesundheitlichen Vorteile gehen weit über die körperliche Bewegung hinaus.
In den 1950er-Jahren machten Wissenschaftler in der amerikanischen Kleinstadt Roseto eine bemerkenswerte Entdeckung. Die überwiegend aus italienischen Einwanderern bestehende Bevölkerung litt deutlich seltener an Herzkrankheiten als vergleichbare Gemeinden.
Der Grund war weder die Ernährung noch die Genetik. Entscheidend waren die engen sozialen Beziehungen: Nachbarn kannten sich, Familien assen gemeinsam und das Gemeinschaftsgefühl war stark ausgeprägt. Dieses Phänomen wurde später als «Roseto-Effekt» bekannt.
Genau hier setzt auch die Passeggiata an. Wer regelmässig draussen unterwegs ist, begegnet anderen Menschen. Ein kurzes Gespräch, ein freundlicher Gruss oder ein spontaner Halt auf dem Dorfplatz können das Gefühl sozialer Verbundenheit stärken. Studien zeigen, dass dauerhafte Einsamkeit erhebliche Auswirkungen auf die Gesundheit haben kann.
Warum sich die Italiener für den Spaziergang schick machen
Zur italienischen Flanierkultur gehört noch etwas anderes: Viele Menschen ziehen sich für die Passeggiata bewusst etwas Schönes an.
Dahinter steckt das Prinzip «fare una bella figura» – also einen guten Eindruck zu hinterlassen. Was auf den ersten Blick nach Eitelkeit aussieht, wird in Italien eher als Zeichen von Respekt verstanden: gegenüber den Mitmenschen, dem öffentlichen Raum und dem besonderen Moment des Tages.
Niemand muss dafür geschniegelt und geschniegelt erscheinen. Es geht vielmehr darum, dem Anlass eine gewisse Bedeutung zu geben.
So holst du die Passeggiata in die Schweiz
Für eine echte Passeggiata braucht es weder eine italienische Altstadt noch Ferien am Mittelmeer.
Suche dir eine Strecke, auf der etwas los ist: einen Park, eine Promenade, eine belebte Quartierstrasse oder einen Weg durch die Altstadt. Gehe nach dem Abendessen los, wenn die Hitze nachlässt und die Stimmung ruhiger wird.
Lass die Kopfhörer möglichst zu Hause, stecke das Handy in die Tasche und nimm dir Zeit. Wenn du jemanden triffst, bleib stehen und plaudere kurz. Mehr braucht es nicht. Und vielleicht liegt genau hier das Erfolgsrezept der Italiener: nicht härter trainieren, sondern öfter und bewusster gehen – ohne Ziel, aber mit offenen Augen.
Dieser Artikel erschien erstmals auf Onet Kobieta, die Frauen- und Lifestyle-Rubrik des polnischen Nachrichtenportals Onet, welches zu Ringier Medien gehört.