Krebsmedikament Denosumab seit Jahren zu oft gespritzt
Bündner Arzt entdeckt Sparpotenzial von Hunderten Millionen

Krebsmedikamente kosten die Schweiz jedes Jahr Milliarden. Nun zeigt eine Schweizer Studie: Eine wichtige Therapie war deutlich zu hoch dosiert. Der Nutzen für Patienten und das Sparpotenzial sind riesig.
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Roger von Moos forscht am Kantonsspital Graubünden zu Krebsmedikamenten.
Foto: zVg

Darum gehts

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  • Roger von Moos präsentierte in Chicago bahnbrechende Studie zu Krebsmedikamenten.
  • Denosumab wirkt seltener verabreicht genauso gut und reduziert Nebenwirkungen.
  • 5000 Patienten sparen jährlich 15 Millionen Franken, Forschung bleibt unterfinanziert.
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Lino SchaerenRedaktor

Es gibt Kongresse, und es gibt die American Society of Clinical Oncology (ASCO). Einmal im Jahr versammeln sich in Chicago (USA) die bedeutendsten Krebsforscherinnen und -forscher der Welt – rund 40'000 Spezialistinnen und Spezialisten aus über 100 Ländern. Wer hier im Hauptprogramm einen Vortrag halten darf, hat die härteste Qualitätsprüfung der Onkologie bestanden. Letzte Woche stand Roger von Moos auf dieser Bühne.

Der 60-jährige Bündner Arzt ist Direktor des Tumor- und Forschungszentrums am Kantonsspital Graubünden. In Chicago präsentierte er Ergebnisse, die weltweit den Behandlungsstandard für Tausende von Krebspatientinnen und -patienten verändern könnten. Seine Botschaft: Ein wichtiges Krebsmedikament wirkt genauso gut, wenn man es dreimal seltener verabreicht. Und es verursacht dabei weniger Nebenwirkungen.

«Das ist der neue Therapiestandard»

Untersucht wurde das Medikament Denosumab. Es wird Patientinnen und Patienten mit Brust- oder Prostatakrebs verabreicht, deren Krebs auf die Knochen gestreut hat – sogenannte Knochenmetastasen. Diese können zu heftigen Schmerzen, Knochenbrüchen oder im schlimmsten Fall zu Querschnittlähmungen führen. Denosumab reduziert dieses Risiko erheblich. Bisher lautete der weltweite Standard: eine Spritze alle vier Wochen, Jahr für Jahr.

Von Moos und sein Team haben über zehn Jahre lang 1380 Patientinnen und Patienten in der Schweiz, Deutschland und Österreich begleitet. Über 40 Spitäler und Praxen in der Schweiz waren an der Studie beteiligt. Die eine Hälfte der Patienten erhielt das Medikament wie gewohnt alle vier Wochen. Die andere Hälfte bekam es nur noch alle zwölf Wochen. Das Ergebnis war eindeutig: Beide Gruppen waren gleich gut geschützt, die Gruppe mit der geringeren Dosierung litt seltener an schmerzhaften Nebenwirkungen. «Das ist der neue Therapiestandard – am besten ab sofort», sagt von Moos.

Rund 5000 Menschen erhalten in der Schweiz jährlich eine Behandlung wegen Knochenmetastasen. Sie alle könnten künftig statt zwölf nur noch vier Mal pro Jahr für diese Behandlung ins Spital. Weniger Aufwand, weniger Nebenwirkungen – und eine Kostenersparnis von über 50 Prozent pro Patient. Hochgerechnet ergibt das laut von Moos ein Sparpotenzial für das Schweizer Gesundheitswesen von rund 15 Millionen Franken pro Jahr. Beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) heisst es, dass solche Forschung «sehr begrüsst» werde.

Riesiges Sparpotenzial

Doch Denosumab ist nur ein Beispiel. Es gibt viele weitere Krebsmedikamente, auch weitaus umsatzstärkere. Wie viele werden möglicherweise in zu hoher Dosis verabreicht – ohne dass jemand es je systematisch untersucht hat? In der Schweiz betrugen die Kosten für Krebsmedikamente und Immuntherapien 2024 knapp drei Milliarden Franken, Tendenz stark steigend. Allein das Immuntherapeutikum Keytruda, das kostenintensivste Medikament der Schweiz, kostet die Krankenkassen fast 200 Millionen Franken pro Jahr.

Die Antwort auf die Frage, warum das niemand untersucht, ist so simpel wie unbefriedigend: Wer beweist, dass weniger reicht, sägt am Umsatz. Amgen, der amerikanische Pharmariese hinter Denosumab, verkauft das Mittel weltweit für über zwei Milliarden Dollar pro Jahr. Solche Optimierungsstudien fördert die Pharmabranche in der Regel nicht.

Unabhängige klinische Forschung ist deshalb auf andere Geldgeber angewiesen. Und die sind in der Schweiz knapp: Der Bund stellt für Therapieoptimierungsstudien kaum Mittel bereit, die nationale Forschungsförderung priorisiert Grundlagenforschung. Studienautor von Moos spricht von einem Marktversagen: Die Industrie sollte, wolle aber nicht, während akademische Forschungseinrichtungen möchten, aber nicht könnten.

Die Denosumab-Studie wurde vom Swiss Cancer Institute (SCI) entwickelt und durchgeführt. Finanziert wurde sie zu grossen Teilen vom vormaligen Krankenkassenverband Santésuisse. Dass Versicherer eine klinische Studie dieser Grössenordnung massgeblich mitgetragen haben, sei ein Novum, sagt SCI-Chef Vincent Gruntz. Die Logik dahinter ist einfach: Wer heute in den Beweis investiert, dass weniger Medikamente reichen, spart morgen Millionen an Leistungen.

Für mehr Forschung fehlt das Geld

Was bei Denosumab funktioniert hat, sagt Gruntz, könnte bei einer ganzen Klasse von Medikamenten funktionieren: den Immuntherapeutika. Diese Immuno-Onkologika sind die grosse Hoffnung der modernen Krebsmedizin – und ihr grösster Kostentreiber. Allein in der Schweiz beläuft sich ihr Markt auf rund 350 Millionen Franken pro Jahr. Onkologe Roger von Moos sagt: «Was wir mit Denosumab gemacht haben, müsste hochskaliert werden.» Er spricht von tief hängenden Früchten. «Das Potenzial ist riesig!»

Doch dafür fehlt die Grundlage. Den Krankenkassen ist es heute gesetzlich untersagt, klinische Forschung über die Beiträge der obligatorischen Krankenversicherung zu finanzieren. Im Zuge der jüngsten Revision der Krankenkassenverordnung hat der Bund darauf verzichtet, hier eine neue Grundlage zu schaffen. Das SCI sieht das kritisch: «Ich habe den Eindruck, dass die Schweizer Politik das Potenzial der Therapieoptimierung noch nicht erkannt hat», sagt Gruntz.

Es geht dabei nicht nur um Geld. Während die Zahl klinischer Krebsstudien in der Schweiz laut SCI seit Jahren stagniert, wächst sie weltweit – und besonders in einem Land. «Kein Patient möchte nur auf der Grundlage von Studien behandelt werden, die in China gemacht wurden», sagt Gruntz. China investiert massiv in klinische Forschung. Wer das anderen überlässt, verliert nicht nur wissenschaftlichen Einfluss – er verliert die Fähigkeit, Behandlungsstandards mitzugestalten.

Krebsdiagnosen nehmen stark zu

Auch beim Krankenkassenverband prio.swiss spricht man von einer «relevanten Lücke» bei Therapieoptimierungsstudien. Trotzdem dürfte die Unterstützung einer solchen Forschung eher die Ausnahme als die Regel sein. Ein genereller Ausbau der Finanzierung stehe nicht im Vordergrund, heisst es auf Anfrage. Jedes Engagement werde im Einzelfall geprüft.

Gruntz und von Moos hoffen dennoch, dass die Denosumab-Studie als Türöffner für weitere Studien dienen könnte. Denn die Zahl der Betroffenen, um die es geht, wächst: In der Schweiz erkranken jährlich rund 48'000 Menschen neu an Krebs – doppelt so viele wie noch vor 30 Jahren. Das geht vor allem auf das Bevölkerungswachstum und die Alterung der Gesellschaft zurück. Gleichzeitig bringen die grossen Pharmafirmen immer wieder neue, bessere – und teurere – Medikamente auf den Markt.

Roger von Moos hat in Chicago gezeigt, wozu Schweizer Forschung fähig ist. Ob die Schweiz einen Weg findet, diese Fähigkeit zu erhalten, ist vor allem auch eine politische Frage.

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