Stellt Trump die Unterstützung endgültig ein?
Das würde ein Ende der Geheimdienstinformationen für die Ukraine bedeuten

Russland bombardiert, Selenski klagt über fehlende Frühwarnung: Nach massiven Angriffen gibt es Tote, Hunderttausende Ukrainer sind zudem ohne Strom. Wie schutzlos steht das Land dem russischen Aggressor ohne US-Unterstützung gegenüber?
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Die ukrainische Luftabwehr ist ohne US-amerikanische Geheimdienstinfos deutlich schwächer.
Foto: IMAGO/ZUMA Press Wire

Darum gehts

  • Russland greift die Ukraine massiv an, mehrere Tote
  • Selenski beklagt fehlende US-Warnungen und Stromausfälle
  • Experte Ulrich Schmid: US-Daten bleiben Trumps Hebel, nach Midterms wohl weniger
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Marian NadlerRedaktor News

Es läuft nicht für die Ukraine, deren Luftabwehr und den ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski (48). Seit Montagabend greift Russland das Land massiv an – mit Hunderten Drohnen, ballistischen Raketen und anderen Waffen. Vier Menschen starben, ein Wohnhaus wurde zerstört.

Am Mittwoch meldete ein zerknirschter Selenski erneut Tote und Verletzte. Für ihn war das Problem schnell gefunden. «Der gezielte russische Raketenangriff galt genau dem Energiesektor, für den der amerikanische Präsident einen Waffenstillstand ausgerufen hatte. Mindestens 600'000 Menschen sind jetzt ohne Strom», beklagte er auf Telegram. «Leider erhielten wir von unseren Partnern keine Frühwarnung vor diesem Angriff», hatte er bereits am Dienstag gesagt. Mit Partnern meinte er vor allem die USA.

So düster sieht es für die Ukraine wirklich aus

Damit nicht genug, verkündete Selenski-Berater Serhij Sternenko (31), dass der Betrieb von Starlink-Terminals in der Ukraine eingeschränkt sei. Womöglich sei die Satelliten-Technik auf Wunsch der Regierung von US-Präsident Donald Trump (80) ausgeschaltet worden, spekuliert er. Am Mittwochabend funktionierte die Technologie dann plötzlich wieder.

Wie düster sieht es jetzt für die Ukraine tatsächlich aus? Ohne die US-amerikanischen Geheimdienstinformationen wäre die Ukraine nicht blind, verdeutlicht Marcel Berni, Strategieexperte der Militärakademie (Milak) an der ETH Zürich. «Kiew verfügt inzwischen selbst über ein eigenes Aufklärungssystem», erklärt er. Zudem habe Europa seine Rolle als Geheimdienstinformant in den vergangenen Jahren stark ausgebaut. «Frankreich zum Beispiel liefert einen wichtigen Teil der Informationen an die Ukraine.»

In diesem Punkt ist die Ukraine von Washington abhängig

Wie funktioniert die Aufklärung bei Raketenangriffen überhaupt? «Eine ukrainische Radarstation kann eine ballistische Rakete erfassen, sobald diese in ihren Sensorhorizont gelangt. Weltraumgestützte Infrarotsensoren, wie sie die USA einsetzen, können bereits den Start einer Rakete und deren Antriebsphase erkennen», beschreibt Berni. Bei einer sehr kurzen Flugzeit könnten diese zusätzlichen Minuten entscheidend sein.

Dass die ukrainische Luftabwehr aktuell Probleme mit den russischen Luftangriffen hat, lässt sich also trotz der europäischen Unterstützung auf die USA zurückführen. «Bei der Erkennung und Frühwarnung vor ballistischen Raketen ist die Ukraine nach wie vor stark von Washington abhängig», weiss der Experte.

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Trump hat noch weitere Druckmittel, was militärische Informationen angeht. Was passiert, wenn er die Unterstützung in diesem Bereich ganz kappt? «Ein solches Moratorium würde sich vermutlich am stärksten bei der Frühwarnung vor Raketenangriffen, bei der Aufklärung hinter der Front und bei der Zielaufklärung für ukrainische Präzisionsangriffe bemerkbar machen», erläutert Berni. «Ein dauerhafter Informationsstopp würde die ukrainischen Streitkräfte militärisch erheblich schwächen», hält Berni fest.

Der Osteuropa-Experte Ulrich Schmid von der Universität St. Gallen (HSG) sieht Trump bei seinen Druckmitteln indes langsam am Ende angekommen. «Die Lieferung von Geheimdienstinformationen ist der einzige Hebel, den er noch gegenüber Selenski in der Hand hat», so Schmid. Trump habe mit den Geheimdienstinformationen seinen letzten Trumpf ausgespielt.

Selenskis «geschicktes» Spiel mit Trump

Die Art und Weise, wie Wolodimir Selenski Trump am Dienstag in einem Post auf der Plattform X öffentlich kritisiert hat, nennt Schmid «geschickt». «Er formuliert vorsichtig. Er will Trump nicht allzu sehr verärgern, weil er auf ein Minimum an Kooperation angewiesen ist», analysiert Schmid.

Selenski wisse genau, dass die US-amerikanische Bevölkerung und auch die republikanische Wählerschaft ein negatives Russlandbild hätten. «Mit seiner vorsichtigen Kommunikation versucht Selenski einerseits, Trump bei Laune zu halten und andererseits, indirekt Druck auf Trump auszuüben», stellt der Slawist fest.

Macht Trump am Ende wieder den «Taco«?

Trump scheine aktuell wieder auf einen russischen Sieg zu setzen. Bei seinem rücksichtslosen Vorgehen in der Aussenpolitik geht es dem US-Präsidenten laut Schmid vor allem um die im November anstehenden Midterms. Die Zustimmungswerte sind schlecht. Die Demokraten könnten in Senat und Kongress eine Mehrheit holen, was Trump das Regieren deutlich erschweren könnte. «Trump versucht mit allen Mitteln, noch kurz vor den Midterms das Ruder herumzureissen», fasst Schmid zusammen.

Nach den Midterms dürfte Trump das machen, was seine Kritiker einen «Taco» nennen. «Taco» steht für «Trump always chickens out» – auf Deutsch: Trump macht stets einen Rückzieher. Schmid formuliert das so: «Nach den Midterms – egal, wie sie ausgehen – wird sich Trumps Ukraine-Aktivismus wieder abschwächen.»

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