Revoluzzer Walter Stahel will Wirtschaft nachhaltiger machen
«Viele haben mich für verrückt erklärt»

Sein Toyota von 1969 läuft noch immer: Walter Stahel gilt als einer der Erfinder der nachhaltigen Kreislaufwirtschaft, mit der er schon früh in Berührung kam.
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Walter Stahel, Gründer des Genfer Instituts für Produktdauer-Forschung, setzt sich für die Kreislaufwirtschaft ein.
Foto: Pedro Rodrigues

Darum gehts

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Conny Schmid
Schweizer Illustrierte

Im Herzen ist Walter Stahel ein Revoluzzer. Doch das sieht man dem 80-Jährigen nicht an. Ein schmaler Mann mit freundlichen Augen und mildem Lächeln, neugierig und gespannt, was ihn erwartet.

Stahel ist ein Mann der leisen Töne, aber seine Worte haben Gewicht. Seine Idee einer «Wirtschaft in Kreisläufen» könnte die Welt verändern – zum Besseren. Der Club of Rome hat berechnet, dass das den CO2-Ausstoss um 70 Prozent senken und die Beschäftigung um 4 Prozent erhöhen würde.

Nutzungsrechte statt Besitz

Wie sähe eine solche Wirtschaft aus? Zuallererst würden Firmen nicht davon leben, immer neue Produkte möglichst billig auf den Markt zu werfen. Sie würden langlebige Güter produzieren und sie an Serviceverträge knüpfen. Wie früher, als es noch Garantien auf Lebenszeit gab für Bohrmaschinen oder Wäscheständer. Die Konsumentinnen und Konsumenten würden Sorge tragen zu diesen Produkten, sie flicken lassen, wiederaufbereiten oder neu kombinieren. Firmen würden aus alten Sachen neue herstellen. Was sich nicht mehr reparieren oder wiederverwenden lässt, würde nicht im Müll landen, sondern in seine Einzelteile zerlegt und rezykliert.

Artikel aus der «Schweizer Illustrierten»

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Und besonders revolutionär: Man würde Güter nicht mehr kaufen und besitzen. Man würde nur Nutzungsrechte daran erwerben. Die Hersteller hätten Interesse daran, dass ihre Produkte möglichst lange erhalten bleiben – nicht dass sie möglichst schnell durch neue ersetzt werden.

In einer solchen Kreislaufwirtschaft könnten sie laut Walter Stahel mehr Geld verdienen als heute. «Sie würden enorm sparen bei den Produktions- und Entsorgungskosten. Es bräuchte viel weniger Rohstoffe, und es entstünde kaum mehr Abfall.»

«Viele haben mich für verrückt erklärt»

Die Kreislaufwirtschaft würde neue Arbeitsplätze schaffen, denn es würde Fachleute brauchen, um Dinge aufzubereiten. Maschinen können das nicht. Wenn das rentabel sein soll, braucht es gemäss Stahel ein politisches Umdenken. «Arbeit ist so teuer, weil sie besteuert wird», sagt er. Das sei falsch. Man müsse das besteuern, was man vermeiden wolle: Abfall, Ausstoss von Treibhausgasen, Ressourcenverbrauch. Klar ist auch: «Vor allem bei der Rückgewinnung von sortenreinen Materialien ist noch viel Forschung und Innovation nötig. Die heutigen Technologien reichen nicht aus.»

Walter Stahel, Architekt, Politik-, Wirtschafts- und Unternehmensberater und Erfinder der Kreislaufwirtschaft. Vor 40 Jahren hat man ihn noch für verrückt erklärt.
Foto: Pedro Rodrigues

Walter Stahel war gerade mal 30, als er diese Idee entwarf, die allem widersprach, woran Ökonomen bis heute glauben. Fortschritt, das hiess und heisst: rationalisieren, menschliche Arbeit durch Maschinen ersetzen, mehr, schneller und billiger produzieren. «Viele haben mich für verrückt erklärt», sagt er.

Ihm war als Architekt aufgefallen, dass man viel weniger Energie und Material brauchte, um ein Haus zu sanieren, als um es abzureissen und neu zu bauen. Zugleich war es aber viel arbeitsintensiver. Man müsste also mehr Arbeiter einsetzen, könnte aber sehr viel Energie sparen. «Damals sass den Leuten die Ölkrise in den Knochen, und die Arbeitslosigkeit war hoch. Das sprach für diese Idee, und ich dachte mir, das müsste eigentlich für alle Güter gelten.»

«Bin kein Weltverbesserer»

Stahel arbeitete am Battelle-Forschungszentrum in Genf und musste für jede Studie zuerst Geld beschaffen. Immer wenn er beruflich in Brüssel war, klapperte er sämtliche europäischen Generaldirektorien und Stiftungen ab. «Tagsüber hatte niemand Zeit, aber abends ab 20 Uhr putzte ich Klinken», sagt er. Er sei von einem zum anderen geschickt worden. Nach einem Jahr habe sich der Generaldirektor für Arbeit und Soziales bei der Europäischen Kommission seiner erbarmt. Schliesslich veröffentlichte Stahel zusammen mit Geneviève Reday eine Arbeit, die beschrieb, wie sich Energie durch Arbeitskraft ersetzen liesse – die Grundlage für seine Idee der Kreislaufwirtschaft.

Pedro Rodrigues
Zur Person
  • 1982 gründete Walter Stahel das Institut für Produktdauer-Forschung (Product-Life Institute) in Genf. Es ist die älteste unabhängige gemeinnützige Beratungsorganisation für nachhaltiges Wirtschaften in Europa.
  • Nutzen statt Besitz: Das Institut konzentriert sich auf eine funktionale Wirtschaft, in der der Verkauf von Dienstleistungen und Nutzen im Vordergrund steht.
  • Kreislaufwirtschaft: Ziel ist es, Produktlebenszyklen zu verlängern, Abfall zu vermeiden («Cradle to Cradle») und lokale Bestände ressourcenschonend durch kleine und mittlere Unternehmen (KMUs) zu bewirtschaften.
  • Beratung und Politik: Das Institut berät internationale Konzerne, Regierungen und die EU-Kommission bei der Umsetzung von Nachhaltigkeitsstrategien.
Pedro Rodrigues
  • 1982 gründete Walter Stahel das Institut für Produktdauer-Forschung (Product-Life Institute) in Genf. Es ist die älteste unabhängige gemeinnützige Beratungsorganisation für nachhaltiges Wirtschaften in Europa.
  • Nutzen statt Besitz: Das Institut konzentriert sich auf eine funktionale Wirtschaft, in der der Verkauf von Dienstleistungen und Nutzen im Vordergrund steht.
  • Kreislaufwirtschaft: Ziel ist es, Produktlebenszyklen zu verlängern, Abfall zu vermeiden («Cradle to Cradle») und lokale Bestände ressourcenschonend durch kleine und mittlere Unternehmen (KMUs) zu bewirtschaften.
  • Beratung und Politik: Das Institut berät internationale Konzerne, Regierungen und die EU-Kommission bei der Umsetzung von Nachhaltigkeitsstrategien.

Die folgenden Jahre verfeinerte er sein Konzept und wurde mehrfach ausgezeichnet für seine Studien. Er gründete in Genf das Institut für Produktdauer-Forschung mit, hielt Vorträge und reiste als Berater von Firmen und Regierungen durch die Welt, um die Umstellung auf eine Kreislaufwirtschaft voranzutreiben.

Sorge tragen zu Dingen, sparen, reparieren: Diese Grundprinzipien musste er sich nicht mühsam aneignen. «Das war in meiner Generation normal. Ich habe die Kleider meines älteren Bruders nachgetragen, und die Schuhe liessen wir von Häftlingen in der Strafanstalt Regensdorf flicken», erzählt er von seiner Kindheit in Zürich. Verzicht war eine Notwendigkeit – man konnte sich schlicht nicht ständig neue Dinge leisten.

Heute ist es eine bewusste Entscheidung. Stahel lebt in Genf in einem Haus mit Jahrgang 1756, an dem er viel rumgebastelt hat, bis es krankheitsbedingt nicht mehr ging. Er leidet an MS. Sein Toyota von 1969 läuft noch immer, auch wenn er ihn inzwischen nicht mehr selbst fahren kann, da er im Rollstuhl sitzt. Doch sein Elan ist ungebrochen.

Er sei kein Weltverbesserer, sagt er. «Mein Antrieb war ein anderer. Jede Studie, die ich gemacht habe, habe ich gemacht, um dazuzulernen.»

Die Welt hat anscheinend nicht so viel dazugelernt: Billigprodukte überschwemmen die Märkte, die Abfallberge wachsen, die Ressourcen schwinden. Das muss für einen Pionier der Kreislaufwirtschaft frustrierend sein. Doch Walter Stahel bleibt gelassen: «Die Zeit arbeitet für mich», sagt er. Und dann zählt er Beispiele auf von Firmen, die statt Gütern Dienstleistungen verkaufen oder Rohstoffe zurückgewinnen: etwa Druckerhersteller Xerox mit seinem «Pay per Print»-Konzept oder Glencore mit einer Fabrik, die reines Lithium aus Altbatterien gewinnt. Sie würden damit auch Kosten sparen, zum Beispiel für Herkunftsnachweise. «Die machen das nicht aus Überzeugung, sondern weil es rentiert», sagt Walter Stahel – und lächelt fast ein wenig siegessicher.

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