Massenkündigung in Zürich – 200 Menschen verlieren ihr Zuhause!
«Für den Gewinn wird hier alles niedergemäht»

Alle müssen raus: In Zürich-Witikon werden auf einen Schlag fast 100 Wohnungen abgerissen. Zu den Betroffenen gehört auch Rentnerin Roswitha.
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Die Bauprofile an der Buchholzstrasse in Witikon stehen bereits: Hier kommt ein Neubau hin.
Foto: Raphaël Dupain

Schock für Mieterinnen und Mieter in Zürich-Witikon: Gleich zwei Siedlungen werden abgerissen und durch Neubauten ersetzt – mindestens 200 Menschen verlieren ihr Zuhause. Bewohnerin Roswitha*, weit über 70 Jahre alt, ist fassungslos: «In meinem Alter habe ich fast keine Chance mehr auf eine neue Wohnung.»

Betroffen von der Massenkündigung sind Überbauungen an der Buchholzstrasse und an der Carl-Spitteler-Strasse. Die Wohnungen sind in die Jahre gekommen, dafür vergleichsweise günstig. Viele wohnen seit Jahrzehnten hier, man kennt sich. Witikon: ein Dorf in der Stadt. Wer vom geschäftigen Zentrum hinauf ins Quartier fährt, merkt schnell, wie sich die Atmosphäre verändert.

Das Kinderlachen – bald passé

An der Carl-Spitteler-Strasse trifft es 59 Wohnungen, ein Malergeschäft und eine Kita. Das Kinderlachen im Garten zwischen den Häusern: bald passé. Die formelle Kündigung ist zwar noch nicht erfolgt. In einem Schreiben vom 16. Januar, das SonntagsBlick vorliegt, teilt die Verwaltung den Bewohnerinnen und Bewohnern aber bereits mit: «Die Gebäude haben das Ende ihres Lebenszyklus erreicht.» Die Eigentümerin, ein Immobilienfonds der UBS, habe beschlossen, die Liegenschaften durch ein Neubauprojekt zu ersetzen. Voraussichtlich im Spätsommer 2027 müssen alle ausgezogen sein.

Eine UBS-Sprecherin sagt: «Die Gebäude stammen aus den 1950er-Jahren. Demnächst stünden grosse Investitionen an, um sie in Bezug auf energetische Nachhaltigkeit, Erdbebensicherheit und Barrierefreiheit zu modernisieren.» Mit einem Neubau lasse sich die Zahl der Wohnungen zudem von 59 auf rund 130 erweitern.

Kündigungen angefochten

Noch schneller soll es an der Buchholzstrasse gehen. Ende März 2027 müssen die Bewohnerinnen und Bewohner ihre Wohnungen verlassen – unter ihnen auch Roswitha. Die Seniorin, die seit sechs Jahren in der Überbauung lebt, will anonym bleiben. Sie ist schon zum zweiten Mal von einer Massenkündigung betroffen. «Meine vorherige Wohnung musste ich nach 20 Jahren ebenfalls wegen einer Leerkündigung räumen», erzählt sie.

Vor dem Haus am Waldrand sind bereits die Bauprofile aufgestellt. «Für den Gewinn wird hier alles niedergemäht», sagt Roswitha, die sich mit Gartenarbeit und Yoga fit hält. Sie könne zwar nachvollziehen, dass die Siedlung renoviert werden müsse – aber warum nicht in Etappen? Die Rentnerin würde sich wünschen, dass für die Betroffenen eine Zwischenlösung oder eine Ersatzwohnung organisiert wird. Mehrere Betroffene haben die Kündigung angefochten, unterstützt vom Mieterinnen- und Mieterverband Zürich.

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Zuger Immobilienfirma

Hinter der Totalsanierung an der Buchholzstrasse steht die Zuger Fundamenta Group Investment Foundation, die auch für weitere Leerkündigungen verantwortlich ist. Eine Sprecherin betont: «Die Kündigungen erfolgten mit einer ausserordentlich langen Vorlaufzeit von November 2025 bis Ende März 2027.» Die Betroffenen sollen auf der Suche nach einer Ersatzwohnung unterstützt werden.

Die Gebäude aus dem Jahr 1967 entsprechen laut Fundamenta nicht mehr den heutigen sicherheitstechnischen und energetischen Ansprüchen. Eine Totalsanierung in bewohntem Zustand wäre demnach technisch nicht möglich und den Bewohnern nicht zumutbar.

Die Massenkündigungen in Witikon sind keine Einzelfälle. Allein in der Stadt Zürich wurden zwischen 2015 und 2020 über 8600 Langzeitmietende aus ihren Wohnungen verdrängt. Für Schlagzeilen sorgten zuletzt die Sugus-Häuser im Kreis 5, wo 250 Menschen gekündigt wurde. Laut einer Umfrage der ETH Zürich können es sich in solchen Fällen nur 6 Prozent der Mieterinnen und Mieter leisten, nach dem Neubau in die renovierten Wohnungen zurückzukehren.

«Das Quartier kann das unmöglich auffangen»

Witikon ist von dieser Entwicklung besonders betroffen. Kaum ein Stadtquartier erlebt gerade einen derartigen Abriss- und Verdichtungsschub wie das «Quartier am Horizont». Das hat auch mit Witikons Geschichte zu tun: Viele Gebäude entstanden ab den 50er-Jahren und sind nun sanierungsbedürftig.

Die Thematik beschäftigt auch den Witikoner Quartierverein. Präsident Philipp Jung ist selbst Architekt und sagt: «Aus meiner Erfahrung wird der Entscheid, neu zu bauen oder nicht, durch die Eigentümer meist intensiver geprüft, als es von aussen den Anschein macht.»

Unabdingbar sei ein Abbruch aber keineswegs. Entscheidend sind laut Jung Geschwindigkeit und Grössenordnung: «Werden 100 Wohnungen gleichzeitig gekündigt, kann das Quartier das unmöglich auffangen.» Wichtig sei, dass die Sanierungen «sozialverträglich» durchgeführt würden. Das heisst: eine möglichst lange Kündigungsfrist und grössere Vorhaben nur in Etappen.

Lebendiger und vielfältiger

«Wenn Personen, die im Quartier verwurzelt sind, dieses aus ökonomischen Gründen verlassen müssen, ist das aber immer tragisch», sagt Jung. Und versucht gleichzeitig, der Entwicklung etwas Positives abzugewinnen: «Witikon hat sich in den letzten Jahren verjüngt. Das Quartier ist deutlich lebendiger und vielfältiger geworden.»

Positiv zu bleiben, das versucht auch Rentnerin Roswitha: «Aus Erfahrung weiss ich, dass es immer eine Lösung gibt.» Sie habe ihr Leben lang gearbeitet, oft zwölf Stunden täglich, um etwas auf die Seite zu legen. Das helfe ihr jetzt. Doch die Wohnungssuche sei frustrierend.

* Name geändert

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