«Spendenaktionen sind nicht alle seriös»
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Waadtländer «eCop» warnt:«Spendenaktionen sind nicht alle seriös»

Erste Anzeige eingegangen
Fotos von Opfer geklaut – Polizei warnt vor dubiosen Spendenaufrufen zu Crans-Montana

Auf GoFundMe haben mehrere Private total über 75'000 Franken zur Tragödie im Wallis gesammelt. Experten und die Polizei warnen jedoch vor solchen Sammelaktionen. Die Crowdfunding-Plattform hat schon so manchen Betrüger angezogen.
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«Nous pensons à vous» – «wir denken an euch», steht gross vor dem Eingang des Universitätsspitals Zürich.
Foto: keystone-sda.ch

Darum gehts

  • Nach dem verheerenden Brand in Crans-Montana machen private Spendenaufrufe die Runde
  • Auf der Plattform GoFundMe wurden bereits über 70'000 Franken gesammelt
  • Experten warnen jedoch vor Gefahren
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Nathalie BennRedaktorin Wirtschaft

Die Betroffenheit nach dem verheerenden Brand in der Bar «Le Constellation» in Crans-Montana VS ist riesig. Die Schweiz trauert, am Freitag wird in Martigny VS ein nationaler Trauertag abgehalten, um der Opfer zu gedenken. Auch die Solidarität ist gross: Viele wollen die Betroffenen und Angehörigen auch finanziell unterstützen. 

Sucht man im Internet nach Möglichkeiten, entdeckt man schnell zahlreiche Spendenaufrufe. Insbesondere auf der Crowdfunding-Plattform GoFundMe, wie zuerst nau.ch berichtet hat. Nun mahnt die Kantonspolizei Waadt auf Instagram zur Vorsicht: Spendenwillige sollen bei solchen Privatinitiativen wachsam sein. Denn auf bekannten Plattformen – darunter auch GoFundMe – habe die Polizei bereits mehrere betrügerische Spendenaktionen entdeckt, heisst es im Video von «eCop Francois».

Kantonspolizei Waadt hat Anzeige erhalten

Es sei bereits eine Anzeige einer betroffenen Familie bei der Kantonspolizei Waadt eingegangen. Demnach hat ein User Fotos eines verstorbenen Familienmitglieds gestohlen und damit um Spenden gebeten. Der Polizist bittet Angehörige, allfällige weitere falsche Spendenaktionen zu melden und zur Anzeige zu bringen, «sofern sie die Kraft dazu haben». 

Für die meisten Spendenaufrufe zu Crans-Montana wurde auf GoFundMe bislang kein Geld gespendet. Einige der insgesamt 35 Aufrufen wirken tatsächlich zwielichtig. So hofft ein Kollektiv auf insgesamt 140'000 Franken Spenden, um mit dem Geld «Treffpunkte und Unterhaltungsorte» zu schaffen, «an denen Sicherheit oberste Priorität hat und nicht nur eine gesetzliche Verpflichtung ist». Was damit genau gemeint ist, wird nicht erklärt. Jemand anderes sammelt Spenden für das Kinderspital Zürich, obwohl dieses selbst Spendenbeträge annimmt.

Insgesamt sind auf GoFundMe Stand Donnerstag bereits über 75'000 Franken zusammengekommen. Am meisten sammelte bisher ein Aufruf für Mélanie C*. Laut dem Aufruf eine junge Französin, die beim Brand schwere Verletzungen erlitt. Nun sammelt die betroffene Familie Geld für eine Reise vom französischen Angers zu Mélanie, die offenbar im Unispital Zürich behandelt wird. 486 Personen spendeten dafür bereits über 24'000 Franken.

Auch offizielle Spendenaufrufe

Neben Privatpersonen haben zudem öffentliche Institutionen eigene Spendenaktionen abseits von Plattformen wie GoFundMe gestartet. Darunter die gemeinnützige belgische Organisation Oscare, die betroffene Familien bei einem allfälligen Belgien-Aufenthalt unterstützen möchte. Minütlich trudeln auf der entsprechenden Website Beträge ein. Am 3. Januar belief sich das Spendenvolumen noch auf rund 12'000 Franken – mittlerweile sind es knapp 60'000 Franken.

Das Kinderspital Zürich hat zu seinem Spendenaufruf einen eigenen Beitrag veröffentlicht, in dem es Auskunft über Unterstützungsmöglichkeiten gibt: «Uns erreichen zahlreiche Anfragen aus der Bevölkerung zur Möglichkeit einer Unterstützung», schreibt das Kispi. «Wer die Intensivstation sowie das Zentrum für brandverletzte Kinder unterstützen möchte, kann dies tun.»

Experte warnt vor privaten Spendenaktionen

Was auffällt: Eine nationale Spendenkampagne gibt es in der Schweiz noch keine. Anerkannte Organisationen wie die Glückskette verzichten derzeit noch auf solche Aktionen – auch weil noch nicht geklärt ist, ob es generellen Unterstützungsbedarf gibt. Entsprechend zeigen sich Spendenexperten auch skeptisch gegenüber privaten Initiativen auf GoFundMe. So sagte der Experte Philipp Augenstein gegenüber nau.ch: «Ich will niemanden unter Generalverdacht stellen. Doch ich rate bei privaten Initiativen immer zur Vorsicht.» Es könne nämlich nicht hundertprozentig garantiert werden, dass das Geld am richtigen Ort ankomme.

Gegenüber dem Portal versichert ein GoFundMe-Sprecher aber: «Wir prüfen alle Spendenaufrufe, die im Zusammenhang mit dieser Brandkatastrophe gestartet werden.» Die Kontrollen würden über automatisierte Systeme und auch manuelle Überprüfungen durch ein Compliance-Team erfolgen. «Auszahlungen erfolgen erst, nachdem die Empfänger ihre Identität und ihre Verbindung zur Kampagne verifiziert haben», so der Sprecher zu nau.ch.

Fake-Spendenaufrufe bei GoFundMe

GoFundMe wurde 2010 in Kalifornien gegründet. Seither hat sich das einstige Startup zur weltgrössten Spendenplattform entwickelt. Sie gilt als seriös. Jede Woche sammelt das US-Unternehmen über 50 Millionen Dollar ein. Gleichzeitig löst sie aber vereinzelt Aufruhr aus, weil Gauner mit gefälschten Aufrufen Geld erschleichen wollen. So etwa geschehen nach dem tragischen Amoklauf in Graz (Ö) im letzten Sommer. Damals flossen Spendengelder nicht an eine verzweifelte Mutter, die ihr Kind verloren hatte, sondern an eine mutmassliche Betrügerin. Die Polizei konnte die Frau zwar verhaften, das Geld aber nicht sicherstellen. Tausende Euro gingen flöten.

Im Oktober sorgte ein Fall für Aufsehen, bei dem eine Betrügergruppe die Identität eines verstümmelten Palästinensers im Gazastreifen stahl. Unter einem Fake-Account auf der Plattform X rief diese selbst zu Spenden auf, gekoppelt an ihre privaten Konten, wie Recherchen des deutschen Senders NDR zeigten.

Und im Dezember berichtete Blick über den Fall von Colin Crawshaw. Der Aussteiger sammelte auf GoFundMe Geld für sein Projekt Paradischi Drieschta. Er gab an, mit dem Geld einen Hof für Tiere inklusive Ferienwohnungen einrichten zu wollen – im Oberwallis. Stattdessen machte er sich mit den gesammelten 9000 Franken aus dem Staub und floh nach Budapest.

* Name der Redaktion bekannt. 

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