Darum gehts
- Marlen Reusser gewinnt in Montreal am 35. Geburtstag WM-Gold im Zeitfahren
- Ihr Elternhaus «Sumpf» in Hindelbank BE inspiriert ihre ersten Worte
- Mutter Maja Reusser hat Besonderes vor
Sie atmet schwer, lächelt aber. 39 Sekunden, nachdem sie in Montreal (Ka) die Ziellinie überquert hat, winkt Marlen Reusser (35) in die Kamera. Soeben hat sie erneut WM-Gold im Zeitfahren gewonnen. Ihre ersten Worte: «Hallo, Sumpf!» Einige wundern sich – auch im Schweizer Fernsehen. «Was hat sie gesagt?», fragt der Kommentator. «Ich weiss es auch nicht», sagt die Expertin.
Die Lösung des Rätsels: Sumpf ist der Flurname, auf dem Reussers Elternhaus in Hindelbank BE steht. Dort liess sie mit Freund Henrik Werner das Melkerhaus umbauen. Wiesen, Wälder, Bäume, Katzen, kein Verkehr – Idylle pur. Der einstige Sumpf ist längst trockengelegt – der ehemalige Bauernhof war und ist Reussers Paradies.
An diesem historischen Schweizer Rad-Sonntag versammeln sich rund 20 Personen im Sumpf: Familie und Freunde. 6000 Kilometer von Montreal entfernt. Draussen scheint die Sonne, drinnen verfolgen alle das Rennen auf einem Bildschirm. Auch Reussers Mutter Maja. «Es war sehr emotional», erzählt sie.
Ihr Puls sei erhöht gewesen – ebenso jener von Vater Samuel. Als ihre Tochter bei der ersten Zwischenzeit nur Fünfte ist, bleibt es im Sumpf ruhig. Alle wissen: Reusser ist ein Diesel. Und das Zeitfahren dauert nicht neun, sondern 39,2 Kilometer. «Wir hofften natürlich, dass Marlen ihre Kräfte gut einteilt und im weiteren Verlauf aufholt», sagt Maja.
Die Hoffnung erfüllt sich. Bei der zweiten Zwischenzeit ist Reusser bereits Zweite, nur zwei Sekunden zurück. Kurz darauf übernimmt sie die Führung. Die 13 Jahre jüngere Britin Zoe Bäckstedt kann nicht mehr mithalten, sie wird Zweite. Reusser gewinnt mit 40 Sekunden Vorsprung. 12 ihrer letzten 13 Zeitfahren hat sie gewonnen. Nun ist sie zweifache Weltmeisterin.
«Sie ist eine tolle, vielseitige Persönlichkeit»
«Was Marlen macht, ist grossartig. Wir sind extrem stolz auf sie», sagt ihre Mutter. Doch der sportliche Erfolg ist für Maja und Samuel Reusser nicht das Wichtigste. Sondern «dass sie gesund und glücklich ist», sagen beide. Das war in den vergangenen Jahren nicht immer der Fall.
Stürze, Long Covid, Verletzungen, unerklärliche Leistungsabfälle: Regelmässig wurde Reusser ausgebremst. «Mich beeindruckt am meisten, wie sich Marlen immer wieder aus dem Sumpf zieht», sagt Samuel. Da ist er wieder, der Sumpf – diesmal als Metapher. «Sie ist eine tolle, vielseitige Persönlichkeit.»
Reusser feierte am Sonntag doppelt: ihren WM-Triumph und ihren 35. Geburtstag. «Sie war physisch nicht da. Aber so zu feiern, übertraf alles, was man sich wünschen kann», findet Maja.
Und der Geburtstagskuchen? Reusser kehrt erst in einer Woche heim. Zuvor stehen das Mixed-Teamzeitfahren (Dienstag) und das Strassenrennen (Samstag) an. Doch Mutter Maja hat längst entschieden: «Ja, klar. Ich mache Marlen eine XXL-Quarktorte! Wir werden ganz sicher noch mit ihr feiern.»