Darum gehts
Alessia Bösch sitzt mit Freunden im Restaurant. Vor ihr steht ein Teller Spaghetti. Den ganzen Vormittag hat sie Sport gemacht, der Hunger ist gross. Trotzdem wehrt sie sich gegen das Essen. «Ein Viertel der Portion ist schon viel zu viel», dachte sie damals.
Heute sagt die 22-Jährige: «Ich hatte eine gestörte Wahrnehmung und überhaupt keinen Bezug dazu, wie viel Essen mein Körper braucht.» Damals isst sie nur wenig und hört rasch wieder auf. Manchmal erbricht sie sich sogar. Bösch leidet an Bulimie und Depressionen. «Ich wollte aussehen wie die Models auf Social Media. Ich dachte, dann wäre mein Leben besser und ich glücklicher. Das war eine Illusion.»
Diese Zeit liegt fünf Jahre zurück. Bösch war damals 18 Jahre alt. Im Herbst wird sie 23. Nun spricht sie offen über die schwerste Phase ihres Lebens. «Ich war ganz unten und völlig verzweifelt. Viele Menschen wollten mir helfen, aber ich wehrte mich dagegen. Heute weiss ich, dass das ein Fehler war. Deshalb erzähle ich meine Geschichte. Ich möchte anderen Mut machen.»
Der Vater erhielt die Diagnose Hirntumor
Ihre Skikarriere hat Bösch inzwischen beendet. Nach einer zweijährigen Comeback-Phase war sie körperlich wieder auf Topniveau. Doch Material und Technik hatten sich weiterentwickelt. «Ich habe den Anschluss verloren», sagt sie.
Verbittert ist sie deshalb nicht. Im Gegenteil. Im Herbst beginnt sie ein Psychologiestudium in Luzern. Später möchte sie junge Sportlerinnen und Sportler begleiten – auch solche mit ähnlichen Erfahrungen. «Ich habe die dunkelsten Täler durchschritten. Es gibt kaum etwas, das mich noch überraschen kann.»
Doch wie geriet ihre Welt aus den Fugen? Rückblick. Mit 16 schien Alessia Bösch die Zukunft zu gehören. Die Engelbergerin galt als grosses Skitalent, war die Beste ihres Jahrgangs und träumte vom Weltcup. «Ich hatte keine Zweifel. Skifahren war mein Leben.»
Doch 2021 änderte sich alles. Bösch startete ins Maturajahr und bereitete sich auf ihre zweite Saison im C-Kader von Swiss-Ski vor. Bereits im Sommer machten ihr Rückenprobleme zu schaffen. Kurz darauf ging ihre Schwester für ein Austauschjahr in die USA. Dann folgte der eigentliche Schock: Ihr Vater Markus erhielt die Diagnose Hirntumor.
«Von einem Tag auf den anderen war alles anders. Mein Vater war immer der Fels in der Brandung. Sportlich, gesund und voller Energie. Niemand hätte mit so etwas gerechnet.» Spitalbesuche, Untersuchungen und schwierige Gespräche bestimmten plötzlich den Alltag. «Wir mussten über Dinge sprechen, über die man normalerweise erst Jahrzehnte später spricht. Das hat mich komplett überfordert.»
Gleichzeitig lief das Maturajahr weiter. Jede Prüfung zählte. Auch sportlich stand eine entscheidende Saison bevor. «Jede Woche kamen neue schlechte Nachrichten aus dem Spital. Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass alles gleichzeitig auf mich einprasselt.»
Schöner, dünner, besser: Bösch verglich sich ständig
Im Dezember 2021 zog Bösch die Reissleine und trat mit 18 Jahren vom Leistungssport zurück. Die erhoffte Entlastung blieb jedoch aus. «Ich dachte, wenn ich das Skifahren aufgebe, wird alles einfacher. Aber das stimmte nicht.»
Stattdessen begann die schwierigste Zeit ihres Lebens. Sie entwickelte eine Essstörung und erhielt später die Diagnose Erschöpfungsdepression. «Ich hatte das Gefühl, die Kontrolle über mein Leben verloren zu haben. Also suchte ich nach etwas, das ich kontrollieren konnte.»
Sie begann, Kalorien zu zählen, ass immer weniger und verglich sich ständig mit Schönheitsidealen auf Social Media. Ihr Gewicht sank, ihr Bezug zu normalem Essen ging verloren. Schliesslich war sie untergewichtig. Eltern, Freunde und Familie machten sich grosse Sorgen. Doch Bösch blockte zunächst ab. «Alle sagten mir, ich brauche Hilfe. Aber ich wollte es nicht hören.»
Sie glaubte, noch nicht am Ziel zu sein. «Ich dachte, ich müsse noch schöner, noch dünner, noch besser werden. Dabei zerstörte ich mich selbst.» Besonders belastend seien die ständigen Vergleiche auf Instagram gewesen. «In diesem Alter ist man extrem anfällig dafür. Wenn gleichzeitig andere Bereiche des Lebens zusammenbrechen, wird es gefährlich.»
Jetzt will sie anderen Menschen helfen
Der Wendepunkt kam auf einer Reise durch Indonesien und Sri Lanka. Mehrere Monate war Bösch allein unterwegs. «Zum ersten Mal merkte ich, wie sehr mich die Krankheit bestimmt.» Zurück in der Schweiz begann sie erneut eine Therapie – diesmal mit der Bereitschaft, sich wirklich darauf einzulassen.
Langsam fand sie zurück ins Leben. Und später auch zurück auf die Skipiste. 2024 wagte sie als Athletin ohne Kaderstatus ein Comeback. Sie finanzierte ihre Karriere selbst, suchte Sponsoren und arbeitete neben dem Sport. «Ich hatte wieder Freude am Skifahren. Vielleicht sogar mehr als früher.» Zwei Jahre lang kämpfte sie um den Anschluss. Körperlich war sie irgendwann wieder topfit, aber technisch hatte sie den Anschluss verpasst.
Heute blickt Bösch ohne Bitterkeit zurück. Der Gesundheitszustand ihres Vaters ist trotz der schweren Diagnose stabil. «Er hat sich unglaublich zurückgekämpft. Die Ärzte waren überrascht, was heute wieder möglich ist.»
Eine Heilung gibt es nicht. Doch der 65-Jährige fährt wieder Ski, geht biken und verbringt viel Zeit in den Bergen. Beim Gespräch tritt er kurz dazu, lässt sich mit seiner Tochter fotografieren und sagt: «Ich bin sehr stolz auf sie.» Das darf er sein. Alessia Bösch hat einen neuen Weg gefunden. Einen Weg, der sie erfüllt.
Sport spielt weiterhin eine wichtige Rolle in ihrem Leben. Doch Hundertstel, Punkte und Ranglisten bestimmen nicht mehr ihren Wert. «Ich habe gelernt, dass mein Wert nicht von Resultaten abhängt. Und ich wünsche mir, dass junge Athletinnen und Athleten das früher lernen als ich.»