Blick: Bernhard Russi, wenn es in der Schweiz einen Experten für Olympische Spiele gibt, dann sind Sie das.
Bernhard Russi: Ich habe zur Vorbereitung auf dieses Gespräch tatsächlich eine Strichliste angelegt, um nachzuzählen.
Und? Wie viele Striche sind zusammengekommen?
15. Ich war 15-mal an Olympischen Winterspielen dabei, in den verschiedensten Rollen. Als Athlet, als Funktionär, als Pistenbauer, als TV-Kommentator, als Journalist. Und im vergangenen Winter zum ersten Mal privat als Zuschauer. Dabei wollte ich zuerst gar nicht unbedingt nach Italien fahren.
Weshalb nicht?
Olympische Spiele sind immer viel Trubel, zu Hause vor dem TV sehe ich fast mehr. Aber dann habe ich doch in Bormio die Männer-Abfahrt besucht und den Triumph von Franjo von Allmen erlebt. Und dann war ich noch in Mailand beim Eishockey.
Die Spiele Milano Cortina 2026 waren die ersten nach der neuen Doktrin des Internationalen Olympischen Komitees (IOC): kleiner, dezentraler, aufbauend auf bestehenden Anlagen. Ihr Eindruck?
Ich verstehe, warum man das macht. Und ich finde, das hat in vielen Facetten sehr gut funktioniert. Es sind vernünftige Spiele, man hat viele bestehende Anlagen genutzt und bewusst auf gewisse pompöse Aspekte verzichtet. Das ist ein grosser Fortschritt, eine gute Entwicklung. Und ein Grund dafür, warum ich der Meinung bin, dass die Schweiz die Olympischen Winterspiele 2038 ausrichten sollte.
Die Schweiz ist schon mehrfach mit Olympiakandidaturen gescheitert. Warum soll sie es wieder versuchen?
Der Vorbehalt ist absolut verständlich: Es wurden in der Vergangenheit schon oft Versprechen gemacht, die dann nicht eingehalten wurden. Der Unterschied bei Switzerland 2038 ist, dass es keine klassische Kandidatur mit Konkurrenz ist, sondern eher ein Zugeständnis, bei dem die Schweiz die Voraussetzungen selbst mitbestimmen kann. Der sogenannte privilegierte Dialog, in dem wir uns mit dem IOC bis Ende Jahr befinden, stellt sicher, dass wir die Spiele nach unseren Bedürfnissen und ohne den übertriebenen Gigantismus der Vergangenheit organisieren können.
Noch bis nächstes Jahr befindet sich die Schweiz mit dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) in einem privilegierten Dialog. Heisst: Kein anderes Land darf mit dem IOC über die Olympischen Winterspiele und die Paralympics 2038 verhandeln. Finden sich die beiden Parteien, werden die Spiele in zwölf Jahren in unserem Land ausgetragen. Nach dezentralem Konzept und mit der Vorgabe, dass möglichst auf bestehenden Anlagen aufgebaut werden soll. Auch die öffentliche Hand soll deutlich weniger stark als in der Vergangenheit zur Kasse gebeten werden: Der Bundesbeitrag an die Durchführungskosten soll maximal 200 Millionen Franken betragen (ohne Sicherheitskosten). Darüber hinaus sollen sich Private engagieren: So haben sich neben Privatpersonen auch bereits Firmen wie On, Sunrise oder ABB bereit erklärt, sich Millionenbeträgen zu beteiligen. Damit der privilegierte Dialog rechtzeitig abgeschlossen werden kann, müssen National- und Ständerat im Herbst Ja zu den Winterspielen sagen. Vorbehalte zeigten sich in der Vernehmlassung vornehmlich bei SP und SVP bezüglich Nachhaltigkeit und Finanzierung – kritisiert wird auch die Tatsache, dass keine nationale Abstimmung vorgesehen ist.
Noch bis nächstes Jahr befindet sich die Schweiz mit dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) in einem privilegierten Dialog. Heisst: Kein anderes Land darf mit dem IOC über die Olympischen Winterspiele und die Paralympics 2038 verhandeln. Finden sich die beiden Parteien, werden die Spiele in zwölf Jahren in unserem Land ausgetragen. Nach dezentralem Konzept und mit der Vorgabe, dass möglichst auf bestehenden Anlagen aufgebaut werden soll. Auch die öffentliche Hand soll deutlich weniger stark als in der Vergangenheit zur Kasse gebeten werden: Der Bundesbeitrag an die Durchführungskosten soll maximal 200 Millionen Franken betragen (ohne Sicherheitskosten). Darüber hinaus sollen sich Private engagieren: So haben sich neben Privatpersonen auch bereits Firmen wie On, Sunrise oder ABB bereit erklärt, sich Millionenbeträgen zu beteiligen. Damit der privilegierte Dialog rechtzeitig abgeschlossen werden kann, müssen National- und Ständerat im Herbst Ja zu den Winterspielen sagen. Vorbehalte zeigten sich in der Vernehmlassung vornehmlich bei SP und SVP bezüglich Nachhaltigkeit und Finanzierung – kritisiert wird auch die Tatsache, dass keine nationale Abstimmung vorgesehen ist.
Das IOC trägt hier eine neue Verantwortung und darf nicht einfach immer weiter «aufstapeln». Ich kann mir gut vorstellen, dass irgendwann jemand in einer IOC-Sitzung den Finger hebt und sagt, man brauche doch noch ein 60'000er-Stadion für die Eröffnungsfeier, weil das in der Vergangenheit immer so war. Dann muss das Komitee reif genug sein, zu den gemachten Zusagen zu stehen. Und ich hoffe stark, dass die Schweiz dann auch hart bleibt und sagt: «Das waren die Vorgaben, dabei bleibt es. Sonst müsst ihr es ohne uns machen.»
«Wir bauen nur, was wir wirklich brauchen.» Das klingt gut, aber ist das realistisch gegenüber einer Organisation, die in den letzten Jahrzehnten immer auf Wachstum programmiert war?
Wenn in den letzten Jahren die Frage «Schweiz und Olympia – ja oder nein?» aufkam, habe ich immer gesagt: Wir können jede Weltmeisterschaft durchführen – ausser vielleicht im Eisschnelllauf, weil wir keine Bahn dafür haben. Aber alles andere können wir. Wenn wir all die Weltmeisterschaften kombinieren, kommen dabei Olympische Spiele heraus. Wir sind gute Organisatoren, gute Gastgeber, wir sind ein Land, das den Wintersport liebt, und ein Land mit einem hohen Sicherheitsniveau. Also: Ja, wir sind prädestiniert für Olympia. Es gibt einfach dieses Aber!
Wir müssen sagen können, wie wir es machen wollen. Die Schweiz muss entscheiden, was gut für uns ist, statt sich den Spielen und dem IOC einfach anzubiedern und zu sagen: «Gebt uns die Spiele und wir machen genau, was ihr wollt.» Das scheint 2038 tatsächlich möglich zu sein. Darum stehe ich hinter dieser Idee.
Der Andermatter Bernhard Russi (77) debütierte am 4. Januar 1967 im Ski-Weltcup. Er gewann neun Weltcup-Abfahrten und einen Riesenslalom, wurde 1970 Abfahrts-Weltmeister in Gröden (I), gewann 1972 Olympia-Gold in Sapporo (Japan) und 1976 Olympia-Silber in Innsbruck (Ö). Nach dem Rücktritt im Januar 1978 blieb Russi mit dem Skisport als Pistenbauer, TV-Kommentator und technischer Berater verbunden. Er arbeitet für Blick als Ski-Experte.
Der Andermatter Bernhard Russi (77) debütierte am 4. Januar 1967 im Ski-Weltcup. Er gewann neun Weltcup-Abfahrten und einen Riesenslalom, wurde 1970 Abfahrts-Weltmeister in Gröden (I), gewann 1972 Olympia-Gold in Sapporo (Japan) und 1976 Olympia-Silber in Innsbruck (Ö). Nach dem Rücktritt im Januar 1978 blieb Russi mit dem Skisport als Pistenbauer, TV-Kommentator und technischer Berater verbunden. Er arbeitet für Blick als Ski-Experte.
Das Konzept für 2038 mag vernünftig klingen. Aber noch einmal: Woher wissen wir, dass am Ende nicht noch ein zusätzlicher Forderungskatalog auftaucht und wir genauso in die Gigantismus-Falle tappen?
Der Gigantismus ist tatsächlich das grosse Problem. In den letzten Jahren ist Olympia immer grösser geworden – viel zu gross. Dafür ist nicht nur das IOC verantwortlich, genauso sind hier die internationalen Sportverbände zu nennen. Sobald Olympische Spiele im Raum stehen, will jeder Verband mehr Geld, mehr Infrastruktur, mehr Aufwand. Völlig unvernünftig! Darum müssen wir Bedingungen stellen und diese einfordern.
Die da wären?
Angenommen, die Schweiz bekommt den Zuschlag für 2038. Dann erwarte ich, dass die Organisatoren hart bleiben, wenn es plötzlich heisst, die Bob-Wettbewerbe könnten nun doch nicht auf der Natureisbahn von St. Moritz durchgeführt werden. Es müsse Kunsteis her. Dann erwarte ich von der Schweiz, dass sie in einem solchen Fall Nein sagt – oder dass diese Disziplin dann eben in Innsbruck oder Cortina oder anderswo stattfindet, wo die Infrastruktur schon vorhanden ist. Man könnte sogar so weit gehen, gewisse Sportarten wieder stärker der Natur bzw. dem Wetter zu überlassen.
Sie würden die noch fehlende Eisschnelllaufbahn also im Freien anlegen?
Sie lachen, aber warum nicht darüber nachdenken? Wenn dann schlechtes Wetter kommt, wird der Wettbewerb eben verschoben, und im Zweifel akzeptiert man, dass ein Wettkampf innerhalb der zwei Olympiawochen ausfällt. Ich finde, das geht heute viel zu oft vergessen: dass Scheitern auch als Option angeschaut wird. Sowohl im sportlichen Wettkampf als auch bei dessen Organisation. Dass etwas mal nicht aufgeht, das gehört zum Leben.
Die grosse Frage ist aber auch: Was hat die Bevölkerung wirklich von Olympia, ausser zwei, drei Wochen Partystimmung?
Für mich ist der grösste Mehrwert die Wirkung auf die Jugend. Wenn wir es schaffen, dass jedes Kind mit dem olympischen Gedanken in Berührung kommt, ist das ein Gewinn: für ein Ziel arbeiten, sich Ziele setzen, Resultate akzeptieren, sich mehr bewegen, gesund bleiben. Ich würde mir wünschen, dass im Zuge der Spiele auch die Bildungspolitik reagiert. Zum Beispiel mit mehr Sportstunden in der Schule.
Halten Sie das für realistisch?
Ich mache mir nichts vor: Das ist kein Automatismus, da müssten sich manche im wahrsten Sinne des Wortes bewegen. Aber ich hielte es für eine verpasste Chance, wenn wir nicht alles dafür tun würden. Was während der Spiele selbst passiert, ist etwas anderes. Ich glaube, es entsteht in diesen zwei, drei Wochen tatsächlich eine Art Fieber, ein Virus, das sich regional unterschiedlich, aber spürbar durchs ganze Land zieht. Das haben zuletzt auch Anlässe wie die Fussball-EM der Frauen oder die Eishockey-WM gezeigt. Ob daraus langfristig wirklich mehr Bewegung und bessere Bildungsangebote werden, hängt aber davon ab, ob man es auch will und danach dranbleibt – das ist keine Selbstverständlichkeit.
Erstaunlich viele Leute, laut einer Umfrage sind es rund 60 Prozent der Schweizer Bevölkerung, sind Olympia 2038 gegenüber positiv eingestellt. Überraschend, wenn man bedenkt, wie oft Olympiabudgets explodiert sind?
Ein bisschen schon, gerade weil man erwarten würde, dass die Finanzierung der erste Kritikpunkt ist. Es scheint aber in der Bevölkerung angekommen zu sein, dass der allergrösste Teil privat finanziert wird. Zum Beispiel engagieren sich Persönlichkeiten wie Urs Wietlisbach, Leute mit entsprechenden finanziellen Möglichkeiten, die bereit sind, hier ins Risiko zu gehen. Das ist wunderbar und stimmt mich positiv.
Kommuniziert sind drei Punkte, die aus meiner Sicht auch bei der Bevölkerung angekommen sind: Erstens, es ist keine klassische Kandidatur gegen andere Städte. Zweitens, die Spiele sind massgeschneidert auf die Schweiz. Drittens, das finanzielle Risiko liegt nicht primär bei Kantonen oder beim Staat.
Trotzdem gibt es in politischer Hinsicht noch offene Prozesse im Parlament, mit Vorbehalten sowohl von links als auch von rechts. Das hat die Vernehmlassung gezeigt.
Der aktuelle Stand ist, dass darüber im Herbst entschieden werden muss. Diese Vorbehalte sind durchaus real und noch nicht ausgeräumt. Hier ist es wichtig, dass der Schweizer Sport und der Verein, der die Spiele organisieren will, klarmachen: Wir haben hier eine goldene Chance, die kommt nie wieder. Wenn wir diese Gelegenheit jetzt nicht packen, dann war es das für Olympia in der Schweiz – zumindest in nächster Zeit.
Sie sagen, die nächsten sechs Monate seien entscheidend, sonst sei das Projekt tot. Jetzt oder nie. Klingt ein bisschen so, als mache man Druck, um kritische Stimmen zum Schweigen zu bringen.
Nein, das ist keine Verkaufsrhetorik, sondern eine reale Einschätzung: Ich glaube nicht, dass man einfach für 2042 nochmals kandidieren könnte, falls es diesmal nicht klappt. Das wäre ein Trugschluss. International wäre die Wahrnehmung: Der Schweiz geht es gut, sie hat schon alles und will die Spiele nicht einmal dann, wenn sie sie auf dem Silbertablett serviert bekommt. Dann vergibt man die Spiele lieber an ein Land, das sie «nötiger» hat.
Das Parlament muss bis Ende Jahr Ja sagen zu den Spielen, eine nationale Volksabstimmung ist nicht vorgesehen. Warum die Eile? Wir könnten uns doch auch gegen Konkurrenten durchsetzen, wenn wir so gut sind.
Sobald es eine echte Konkurrenzsituation mit mehreren Bewerbern für 2038 oder 2042 gibt, beginnt ein Wettrüsten bei den Versprechen. Das liegt uns Schweizerinnen und Schweizern nicht. Wir sind hervorragende Organisatoren, aber keine geborenen Lobbyisten. Und dann kommt noch dazu: Sobald es ein Wettrüsten gibt, gehen die Kosten durch die Decke. Das Gegenteil von dem, was gewünscht ist.
Sie kritisieren den Gigantismus im olympischen Programm. Gleichzeitig sind Sie dafür, dass eine Disziplin wie die Nordische Kombination der Frauen wieder ins Programm aufgenommen wird. Wie geht das auf?
Ein berechtigter Punkt. Ich erwarte vom IOC, dass es hier konsequenter ist und nicht laufend neue Events aufnimmt, ohne andere zu streichen. Eine Nordische Kombi der Frauen fände ich zwar sinnvoll – aber dann sollte man dafür an anderer Stelle wirklich etwas streichen, statt nur ständig zu ergänzen. Jede zusätzliche Veranstaltung bedeutet mehr Fotografen, mehr Journalisten, mehr Kommentatoren, mehr Betten, mehr Platz, mehr Kosten.
In Mailand und Cortina gab es von den Athletinnen und Athleten Kritik an der Redimensionierung: An der dürftigen Siegerehrung etwa, die gleich nach dem Event stattfindet, statt wie bis anhin auf der Medal Plaza.
Das ist tatsächlich ein Kritikpunkt. Wenn du auf dem Olympiapodest stehst, ist das einer der grössten Momente deiner sportlichen Laufbahn – in Mailand wirkte es so, als ob man sagen würde: «Jetzt machen wir schnell die Siegerehrung, dann ist es vorbei.» Da wurden Zeremonien teils vor halb leeren Tribünen durchgeführt, das ist nicht schön.
Die Eröffnungsfeier in Milano Cortina wurde auf mehrere Standorte verteilt. Das wirkte wie ein Kompromiss aus der Not und nicht wie ein durchdachtes Konzept. Das war früher grösser, inspirierender.
Für mich als ehemaligen Sportler war die Eröffnungszeremonie eines der grössten Karriere-Highlights – man läuft in offizieller Kleidung ein, neben Athletinnen und Athleten aus aller Welt, und spürt, dass das etwas Besonderes ist. Man fühlt sich als Sportler im Alltag ja nicht gross. Doch 1972 in Sapporo habe ich an der Eröffnungsfeier realisiert, dass ich Teil einer grossen Sache bin. Das ist für mich der ganz grosse Unterschied zwischen Olympischen Spielen und gewöhnlichen Weltmeisterschaften.
Seither sind Sie Eröffnungsfeier-Fan?
Vier Jahre später bin ich selbst nicht mehr zur Eröffnungsfeier gegangen. Am nächsten Tag stand bereits die Abfahrt auf dem Programm, das hätte mir zu viel Energie geraubt. Darum bin ich im olympischen Dorf geblieben und habe die Feier ganz allein im TV geschaut. Als die Österreicher kamen, wurden sie von Franz Klammer angeführt, meinem Rivalen. Ich dachte mir: «Ist der wahnsinnig? Der muss morgen auch fahren!» Und dann hat er am nächsten Tag Gold gewonnen (lacht).
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