Ausnahmezustand in einem Berner Kongresshotel. Die Delegiertenversammlung vom Radverband zieht wegen der wegweisenden Vorstandswahlen derart viele Stimmberechtigte aus dem ganzen Land an, dass es für den Einlass lange Wartezeiten braucht.
Mit 40 Minuten Verspätung nimmt die DV von Swiss Cycling ihren Gang – über drei Stunden später steht das lang erwartete Ergebnis fest. Luana Bergamin ist neue Präsidentin von Swiss Cycling.
Die Bündnerin sticht Mitbewerberin Marisa Reich in einem knappen Rennen aus. Bergamin holt im Saal 210 Stimmen, für Reich stimmen 180.
Emotionale Voten aus der kritisierten Geschäftsstelle
Gerade mal 30 Stimmen Unterschied. Die Delegierten entscheiden sich im schwelenden Machtkampf bei Swiss Cycling ganz knapp gegen den grossen Umsturz. Bergamin galt als Kandidatin aus dem Dunstkreis des mächtigen Geschäftsführers Thomas Peter, während die unterlegene Marisa Reich schon im Vorfeld klar machte, dass sie als Präsidentin auf der Geschäftsstelle andere Saiten aufziehen würde.
Am emotionalsten äussert sich von den teils heftig kritisierten Verbandsangestellten Sportchef Patrick Müller auf der Bühne: «Die letzten Wochen waren sehr frustrierend für uns. Ich bin überzeugt, dass dieses Team sehr gute Arbeit geleistet hat. Es ist schwer zu ertragen, wenn man dann hetzerische Kommentare lesen muss.»
Bei Müller und Peter dürfte die Erleichterung über Bergamins Wahl gross sein. Auch wenn interessanterweise Andrew Thomas klar zum Vizepräsidenten gewählt wird, er galt eigentlich als Vize der unterlegenen Reich. Die neue Präsidentin Bergamin sagt: «Vielen Dank für euren Vertrauensvorschuss.» Die Bündnerin arbeitete bis 2021 selber auf der Swiss-Cycling-Geschäftsstelle. «Ich freue mich sehr auf das Amt. Ich trete es mit grosser Ehrfurcht vor der Geschichte von Swiss Cycling an. Aber auch mit einer grosen Portion Mut und Freude.»
Wegen des Machtkampfs sind rund dreimal so viel Delegierte nach Bern gereist als für eine sonstige DV. Die Fronten im Verband sind so verhärtet, dass man sich im Vorfeld auf einen Tagespräsidenten einigt. Es ist Andreas Mäder, der Vater des verstorbenen Rad-Profis Gino Mäder. Seine Einsetzung ist ein Segen für die DV, da Mäder bei Wortmeldungen resolut einschreitet und aufs Tempo pocht. Und auch dass die Luft im Saal nicht noch dicker wird.