Darum gehts
- Crans-Montana-Gemeindepräsident Nicolas Féraud wegen Brand 2025 strafrechtlich unter Druck
- Gemeinde ignorierte Berichte über Personalmangel für Sicherheitskontrollen seit 2018
- 41 Tote, mehr als 100 Verletzte, letzte Kontrolle des Clubs 2019
Fahrlässige Tötung, fahrlässige Körperverletzung, Brandstiftung, Verletzung von Amtspflichten: Die Vorwürfe, die nach der tödlichen Silvesternacht auch gegen Nicolas Féraud (55) im Raum stehen, wiegen schwer. Gleichzeitig verheddert er sich seit dem Bar-Inferno immer wieder in Widersprüche.
Auch die neusten Dokumente widersprechen dem, was der FDP-Mann zuvor gesagt hatte. In einer Medienmitteilung vom Dienstag erklärte die Gemeinde, Sicherheitskontrollen seien zwar jahrelang nicht durchgeführt worden – was aber immer funktioniert hätte, sei die Personalaufstockung im Sicherheitsbereich. Man habe «ausnahmslos allen Anträgen des ehemaligen und des aktuellen Leiters der Abteilung für öffentliche Sicherheit zur Aufstockung des Personals stattgegeben». Denselben Ton schlug auch Féraud an, als er am Montag von der Staatsanwaltschaft befragt wurde.
Dem «Tages-Anzeiger» liegen nun die jährlichen Tätigkeitsberichte des Sicherheitschefs vor, der von 2017 bis 2024 für Crans-Montana arbeitete. Daraus wird klar: Die Gemeinde wusste seit 2018 von dem Personalmangel. Getan wurde aber wenig – die Ressourcen für die nötigen Kontrollen fehlten jahrelang. Der Fall reiht sich ein in die lange Liste der Ungereimtheiten, die sich als nicht ganz zutreffend herausgestellt haben.
«Wir sind als Geschädigte am meisten betroffen»
41 Menschen starben während oder an den Folgen des Brands in der Silvesternacht. Über 100 weitere wurden teils schwer verletzt und dürften ihr Leben lang gezeichnet sein. Und trotzdem war für Féraud bei einer Pressekonferenz am 6. Januar klar: Das grösste Opfer ist die Gemeinde.
«Wir sind als Geschädigte am meisten betroffen», erklärte er vor den Medien. Eine Entschuldigung für diesen Satz blieb aus – öffentlich wurden aber die versäumten Brandkontrollen. Le Constellation war zuletzt 2019 kontrolliert worden.
«Es gab keine laschen Sicherheitskontrollen»
Einige Tage vor der Medienkonferenz am 6. Januar erklärte Féraud gegenüber Blick ausserdem, dass es keine «laschen» Sicherheitskontrollen in der Gemeinde gegeben habe. «Bei der Kontrolle von Bars gab es bei der Gemeinde Crans-Montana keine lasche Haltung.»
An der Pressekonferenz selbst distanzierte sich der Gemeindepräsident dann aber wieder von seiner Aussage: «Ich stehe nicht mehr zu dieser Aussage. Ich wusste das zu diesem Zeitpunkt noch nicht.»
«Es waren genügend Notausgänge vorhanden»
Ebenfalls pikant: Laut Féraud sollen im Lokal genügend Notausgänge für die zugelassene Anzahl an Kunden vorhanden gewesen sein. «Es gab genug Notausgänge», hiess es vonseiten des Gemeindepräsidenten während der Pressekonferenz am 6. Januar – tatsächlich war an dem verhängnisvollen Abend ein Ausgang blockiert, ein zweiter von aussen verriegelt.
Was blieb: die verengte Treppe, die aus dem Untergeschoss zu dem Haupteingang führte. Wie Brandschutzexperte Hugo Cina (70) kurz nach dem Drama gegenüber Blick erklärte, müssen bei Kapazitäten bis zu 200 Personen mindestens drei Ausgänge verfügbar sein – mit einer Belegung von bis zu 300 Personen reichte der eine Ausgang im Le Constellation also nicht.
«Ich weigere mich, zu glauben, dass das in Crans-Montana systemisch ist»
Dass den Angestellten die Ressourcen fehlten, um die Kontrollen ordentlich durchführen zu können, wurde erstmals rund einen Monat nach dem Inferno zum Thema. Kurz zuvor erklärte Féraud in einem Interview: «Ich kann mir diesen Mangel, der hinsichtlich der Häufigkeit der Kontrollen zutage getreten ist, nicht erklären. Ich weigere mich, zu glauben, dass das in Crans-Montana systemisch ist.»
Der ehemalige Sicherheitschef der Gemeinde erklärte am 8. Februar in seiner Anhörung, es sei aufgrund des Personalmangels unmöglich gewesen, alle gesetzlichen Vorgaben zu erfüllen. Das habe er auch in Berichten immer wieder festgehalten. Einen Tag später bestätigte ihn der aktuelle Sicherheitschef in seiner Aussage.
«Niemand hat mich informiert»
Nicht nur die Inferno-Bar wurde jahrelang nicht kontrolliert – unzählige Betriebe, darunter auch Restaurants, Bars und Hotels, wurden seit Jahren nicht behördlich inspiziert. In einem Interview Ende Januar erklärte der Gemeindepräsident nach langem Schweigen dann, er habe «offenbar nicht genug» über die Kontrollen an den öffentlichen Orten in der Gemeinde gewusst.
Trotzdem behauptete Féraud in seiner Einvernahme am Montag, er habe nichts von den Problemen bei den Sicherheitskontrollen gewusst. «Niemand hat mich vor der Brandkatastrophe darüber informiert», soll er laut Rai News bei seiner Vernehmung gesagt haben.
Inzwischen ist aber klar: Féraud und seine Kollegen im Gemeinderat waren über die Probleme im Sicherheitsbereich schon länger informiert.