Darum gehts
- Henry D. (18) rettete Freunde bei einem Brand im Le Constellation
- Er erlitt psychische Traumata, doch die Staatsanwaltschaft erkennt ihn nicht als Opfer an
- D. hatte für 1000 Franken einen Tisch für 10 Freunde reserviert
Held ja, Opfer nein. So lässt sich die Geschichte von Henry D.* (18) aus dem Kanton Waadt in aller Kürze zusammenfassen. D. erlebt am Neujahrsmorgen Schlimmes. Zusammen mit vielen anderen ist er einer der Gäste der Bar Le Constellation in Crans-Montana, die später in Flammen aufgehen wird. Zusammen mit zehn Freunden hat der junge Mann einen Tisch reserviert, für 1000 Franken.
Kurz vor dem Brand jedoch verlässt D. zusammen mit einem Kollegen die Bar. Die beiden wollen etwas frische Luft schnappen. So steht es in Dokumenten, die Blick einsehen konnte. Es ist eine Entscheidung, die den beiden vermutlich das Leben rettet. Denn kurz darauf hören die beiden die Verpuffung in der Bar.
Es ist der Moment, in dem Henry D. zum Helden wird.
Er half, solange er durfte
Die beiden jungen Männer rennen in Richtung der Bar, sehen das Inferno und wie Personen aus dem Innern verzweifelt versuchten, den Flammen zu entkommen.
D. und sein Freund treffen zunächst auf zwei Mitglieder ihrer Gruppe vor der Bar, die leicht verletzt sind, dann einen dritten, der vollständig verbrannte Hände hat.
Mutig betritt D. die Bar, um seinen anderen Freunden zu helfen. Er kommt ein erstes Mal wieder heraus und versucht anschliessend erneut, in das Gebäude einzudringen, bis ihn ein Feuerwehrmann auffordert, den Ort aufgrund der erheblichen Gefahren durch Hitze und toxische Rauchgase zu verlassen.
Henry D. hilft draussen weiter, kümmert sich um die Verletzten, bringt sie in Sicherheit an die Sammelpunkte der Rettungskräfte.
Traumata erlitten
Doch der selbstlose Einsatz hat für den jungen Mann Folgen. Körperlich bleibt er unversehrt, aber er trägt psychische Schäden davon. Der Grund: Einer seiner Kollegen verliert in dieser Nacht sein Leben, andere Mitglieder der Freundesgruppe werden schwer verletzt.
Henry D. sei durch die erlebten Ereignisse schwer traumatisiert worden, schreibt sein Anwalt. «Er ist sich bewusst, dass er unglaubliches Glück hatte, das Gebäude nur wenige Minuten vor dem Beginn des Brandes verlassen zu haben und so sehr schweren Verletzungen oder sogar dem Tod entkommen zu sein. Er ist sich ebenfalls bewusst, dass nicht alle Freunde, die an diesem Abend anwesend waren, dasselbe Glück hatten.»
Die erlebten Traumata haben eine psychologische Betreuung von D. nötig gemacht. Deshalb forderte sein Anwalt, den jungen Mann als eines der Opfer des Infernos anzuerkennen. Um Anspruch auf Entschädigung haben und Akteneinsicht zu erlangen.
D. ist kein Opfer
Doch diesem Gesuch hat die Walliser Staatsanwaltschaft vor wenigen Tagen eine Absage erteilt. Die Staatsanwaltschaft schreibt: «Um direkt betroffen zu sein, muss der Geschädigte eine Beeinträchtigung erleiden, die in einem direkten Kausalzusammenhang mit der verfolgten Straftat steht. Personen, die einen indirekten Schaden erleiden, haben nicht den Status eines Geschädigten.»
Heisst: Weil Henry D. seine Traumata erlitten hat, weil er anderen Opfern geholfen hat, ist er sozusagen selber Schuld. «Im vorliegenden Fall resultieren die Beeinträchtigungen der psychischen Integrität von D. aus seinem Eingreifen, um die Opfer des Brandes der Einrichtung Le Constellation zu retten, während er sich vor dem Ausbruch des Feuers draussen befand. Sie resultieren daher nicht direkt aus den verfolgten Straftaten und sind somit als indirekt zu qualifizieren», schreibt die Staatsanwaltschaft.
Henry D. kann folglich nicht als Privatkläger im Fall des Infernos auftreten. Ein heftiger Schlag für den jungen Mann, der selbstlos sein Leben riskierte, um andere zu retten, und dabei die schlimmsten vorstellbaren Bilder sah.
* Name geändert