Darum gehts
Ihre Namen sind Trystan (†17) oder Roze (18) und Mélanie (32). Sie alle haben eines gemeinsam: Vor genau 100 Tagen veränderte sich ihr Leben innert Sekunden. Denn sie alle waren am Neujahrstag in der Bar Le Constellation in Crans-Montana, als die Hölle losbrach.
Für viele ist das Bar-Inferno inzwischen etwas in den Hintergrund getreten. Doch für jene, die dabei waren, die verletzt wurden, oder deren Kinder gestorben sind, ist Crans-Montana noch so präsent, wie es nur sein kann. Ein Abschluss mit den Schrecken jener Nacht ist für sie in weiter Ferne. Denn 100 Tage nach der Tragödie eint sie der Kampf um ihre Zukunft und ein Leben mit der Katastrophe. So geht es drei Betroffenen heute.
Der Versuch, zu akzeptieren
Bei bestem Frühlingswetter trifft Blick am Donnerstag in Vevey VD am Ufer des Genfersees die 18-jährige Roze. Mit viel Glück hat sie das Inferno überlebt. Doch der Preis war hoch: 18 Tage lang lag sie im Koma. Sie hat gravierende Verbrennungen am ganzen Körper davongetragen – im Gesicht, an den Händen und an den Beinen.
Die ersten Tage wurde sie in einer belgischen Spezialklinik behandelt. Dann wurde sie in die Schweiz verlegt und kam in eine Klinik nach Morges VD. Blick besuchte sie hier Anfang Februar das erste Mal. Damals waren die furchtbaren Bilder jener Nacht noch sehr präsent. «Ich denke noch immer an die Schreie und an die Bewusstlosen und Toten auf dem Boden», sagte Roze vor gut zwei Monaten.
Die Ereignisse im Le Constellation bestimmen weiterhin das Leben der jungen Frau. «Ich versuche, zu akzeptieren, was passiert ist. Dazu gehört vor allem, wie ich heute aussehe», sagt Roze und fügt an: «Ich war überhaupt nicht bereit für all diese körperlichen Veränderungen an mir.»
Roze’ Haare sind zwar seit dem letzten Besuch von Blick etwas nachgewachsen. Doch die Narben an den Händen, an den Beinen und im Gesicht sind noch lange nicht vollständig verheilt. Drei Operationen hat sie bereits hinter sich. «Vielleicht muss ich meine Nase nochmals operieren lassen.»
Empfindliche Hände
Die Frühlingssonne am Genfersee kann Roze nur aus dem Schatten heraus geniessen. Sonnencreme ist ebenfalls Pflicht. «Selbst wenn es nicht so schön ist wie heute, muss ich täglich und ständig Sonnencreme auftragen. Dazu habe ich meine Kappe auf und ich halte immer etwas Abstand zum See, denn die Reflexionen des Sonnenlichts auf dem Wasser sind ebenfalls nicht gut für mich», erklärt sie.
Die Schmerzen seien erträglich, sagt Roze. «Kein Vergleich zu dem, wie es nach dem Feuer war. Ich hoffte so, ohnmächtig zu werden, um nichts mehr zu spüren, aber ich blieb bei Bewusstsein.»
Heute spürt sie die Verbrennungen vor allem, wenn sie ihre Hände eincremt. «Die sind sehr empfindlich, deshalb tut das Eincremen manchmal weh», sagt Roze.
Angst vor der Dunkelheit
Zu den körperlichen Narben kommen jene auf der Seele der jungen Frau. «Ich habe Angst vor der Nacht, vor der Dunkelheit, weil es in der Nacht passiert ist. Ich schaue dann nach draussen und es ist, als ob ich darauf warten würde, dass ein Feuer ausbricht», sagt Roze. Schlafen kann sie auch 100 Tage nach dem Inferno nur dank Schlaftabletten.
Besonders tragisch: Der 18-Jährigen fällt es sehr schwer optimistisch in die Zukunft zu blicken. «Ich habe wirklich versucht, das alles beiseitezuschieben und vorwärtszugehen, aber solange ich mich körperlich nicht so fühle wie vorher, klappt das nicht», sagt sie.
Weil sie ihre Hände nicht wie vorher benutzen kann, ihr Gesicht nicht wie vorher ist, die Haare noch nicht nachgewachsen sind, wird Roze immer an das Inferno erinnert. «Das Leben geht weiter, mich haben die Flammen jedoch im Augenblick des Infernos festgefroren.»
Deshalb versucht Roze, sich praktische Ziele zu setzen. «Ich will dieses Jahr meinen Abschluss machen, doch mit den verbrannten Händen ist das schwer. Ich kann noch keinen Stift halten. Da wird es schwer mit den Prüfungen», sagt sie. Deshalb hofft sie auf eine Speziallösung für sich. Es ist ein kleiner Traum in einem Leben, das vor 100 Tagen vollkommen aus den Angeln gehoben wurde.
Umgekehrte Trauer
Auch im Leben von Vinciane Stucky kann von Normalität, 100 Tage nach dem Inferno, keine Rede sein. «Je mehr Zeit vergeht, desto schlechter geht es mir», lautet ihre traurige Antwort auf die Frage von Blick, wie sie sich heute fühlt. «Es ist eine Art von umgekehrter Trauer.»
Stucky hat beim Inferno ihren Sohn Trystan (†17) verloren. Ihr derzeitiges Leben beschreibt sie, wie «in Watte gepackt». Sie sagt: «Es ist, als wäre eine Bombe direkt neben mir explodiert. Das Klingeln in den Ohren hört aber einfach nie auf.»
Sie lebe seit 100 Tagen in einem Schockzustand, so Stucky. «Ich sehe, wie sich die Welt bewegt, aber für mich ist sie an diesem 1. Januar stehengeblieben.» Trystans Mutter kann kaum schlafen. «Ich dämmere irgendwann gegen 4 Uhr morgens weg, wache um 7 Uhr aber schon wieder auf.»
Die Familie leidet
Gleichzeitig muss sich Vinciane Stucky um ihre anderen drei Kinder kümmern. Denn auch ihnen hat der Tod ihres Bruders massiv zugesetzt. «Zuerst weinen sie, suchen Trost bei mir, im nächsten Moment sind sie ziemlich aggressiv, weil sie es nicht verstehen können. Es ist sehr schwierig.»
Die Kinder entwickeln laut Stucky Verhaltensstörungen – beispielsweise ziehen sie am Abend alle elektrischen Stecker heraus oder schlafen mit einem Feuerlöscher am Fussende des Bettes.
Das Familienleben beschreibt Stucky als ein reines «Überleben». Sie sagt: «Ich bin wie ein Roboter, weil ich eigentlich gar keine Gefühle mehr habe.» Stucky versucht, ihre Kinder wieder in die Schule zu schicken, sie zum Sport zu motivieren. «Aber das ist sehr schwer, wenn man selbst vernichtet ist.»
Nur eine Hoffnung
Es sind Worte, die tief gehen, auch weil Trystans Mutter eine grosse Hoffnungslosigkeit ausstrahlt. «Meine einzige Hoffnung ist, dass ich, wenn ich sterbe, Trystan wiedersehe.»
Ihre Tage verbringt sie damit, auf ein Zeichen zu warten. «Auf ein Zeichen, dass mein Sohn im Paradies ist.»
Von dieser Welt erwarte sie nichts mehr, so Stucky. «Ich lebe, um meine Kinder aufzuziehen, bis sie erwachsen sind.»
Doch Mitleid will die Mutter nicht. «Ich bin nicht das Opfer. Mein Sohn und alle, die getötet oder verletzt wurden, sind die Opfer», sagt sie und fügt an: «Wir dürfen nicht vergessen, dass vor 100 Tagen so viele Menschen um ihre Zukunft gebracht wurden.»
Ein Kampf um jeden Schritt
Auch Mélanie Van de Velde (32) aus Crans-Montana ist die Tragödie noch immer ganz nah. Ihr Körper wurde beim Inferno zu 40 Prozent verbrannt.
Vor einigen Tagen postete sie auf Facebook ein Update zu ihrem Zustand. «Heute waren es 4000 Schritte. Für manche ist das banal. Für mich ist es immens. Denn hinter jedem Schritt stehen der Schmerz, die Müdigkeit und der Kampf», schrieb sie.
Van de Velde beschreibt die verschiedenen Orthesen, auf die sie angewiesen ist. «Eine für jeden Arm. Drei verschiedene für mein rechtes Handgelenk, jede für eine präzise Bewegung. Schienen, die ich trage, die ich ausziehe, die ich wieder anlege. Immer und immer wieder. Zwei Kompressionsmasken für mein Gesicht. Ein Mundformer. Vorrichtungen, die jetzt Teil von mir sind. Von meinem Alltag.»
Einen kleinen Hoffnungsschimmer gab es auch für sie. Sie konnte ihr Kind zum ersten Mal wiedersehen. «Dafür gibt es keine Worte. Nur ein Herz, das stärker schlägt als alles andere. Denn inmitten dieses Chaos ist sie meine Kraft. Sie ist mein Grund. Sie ist mein Leben», so die emotionalen Worte der Mutter. Um dann die Realität aller Opfer von Crans-Montana auf den Punkt zu bringen: «Ich kämpfe. Jeden Tag. Jede Stunde. Jede Minute. Und ich bin noch hier.»