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Nathalie W. (40) suchte Antworten zu Roger K. (†65) – ihrem verschollenen Vater!
«Was mein Erzeuger getan hat, ist einfach grausam und sinnlos»

Nach der Tragödie von Kerzers FR stellt sich Nathalie W. (40) bloss eine Frage: Ist der Täter Roger K. ihr Vater? Mit Blick spricht sie über ihre Familiengeschichte und die düstere Vergangenheit von Roger K.
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Roger K. (†65) ist der Kerzers-Täter.
Foto: zVg

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Roger K. zündete sich am 10. März in Kerzers an
  • Nathalie W. vermutet, er könnte ihr biologischer Vater sein
  • Fünf Todesopfer; Nathalie W. fordert bessere Hilfe für psychisch Kranke
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Roger K.* (†65) hat sich entschieden. Er will sterben. Mitten im Feierabendverkehr übergiesst sich der psychisch labile Querulant am 10. März in Kerzers FR in einem Bus mit Benzin und zündet sich mit einem Feuerzeug an. Seine Tat macht die Schweiz fassungslos.

Über Tage kommen immer mehr Informationen über den Täter an die Öffentlichkeit. Sein Bild, das Blick zuerst publiziert, geht um die Welt – und erreicht auch Nathalie W.** (40). Zwei Wochen plagt die Aargauerin die Ungewissheit. Der Mann, der fünf Menschen mit in den Tod reisst, kommt ihr bekannt vor. Bis sie es nicht mehr aushält und Blick um Hilfe bittet. Sie quäle eine ganz bestimmte Frage, sagt die dreifache Mutter: «Ich weiss, dass das sehr verrückt klingt. Aber: Ich möchte wissen, ob der Kerzers-Täter mein Erzeuger ist.»

Mit Blick spricht sie über ihre Familiengeschichte – will zum Schutz ihrer Kinder und sich selbst jedoch nicht in die Öffentlichkeit.

Die dreiköpfige Familie

Nathalie W. berichtet: Ihre Mutter ist gerade einmal 18 Jahre alt, als sie den fünf Jahre älteren Roger K. – einen Bauernjungen aus dem Wynental, der damals noch seinen Ledignamen M. trug – kennenlernt. Er ist Gast in der Kneipe, in der die Mutter als Servicetochter arbeitet.

Die Beziehung schreitet rasch voran. Neun Tage nach dem 19. Geburtstag ihrer Mutter erblickt im Sommer 1985 Baby Nathalie das Licht der Welt. Papi Roger K. ist 24.

Die dreiköpfige Familie lebt von da an noch für rund zwei Jahre in der Nähe des Hallwilersees zusammen. Dann trennen sich die Eltern von Nathalie W.

Die heute 40-Jährige sagt: «Meine Mutter schmiss ihn damals raus.» Als sie älter wird, erfährt sie, warum: «Mami meinte, dass es schwierig mit Roger war – vor allem wegen der ganzen Drogen.» Ein Vorfall: «Er ging feiern und liess mich als Baby allein zurück, während mein Mami arbeiten war.» Ein anderes Beispiel: «Durch die Mischung Drogen und Alkohol verhielt er sich aggressiv – auch gegenüber meiner Mutter.»

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Totenkopf-Roger

Die Drogenszene in ihrer Wohnregion war laut Nathalie W. damals gross – und Roger K. mittendrin. «Anscheinend hat er sich zu dieser Zeit mit vielen Leuten angelegt und überall Schulden angehäuft. Die Leute gingen nicht zimperlich mit ihm um, und er auch nicht mit ihnen. So erhielt er etwa den Beinamen Totenkopf-Roger.»

Nach der Trennung ist Roger K. rasch ganz weg vom Fenster – lässt nie was von sich hören, kommt nie vorbei und unterstützt seine Tochter nicht. Vieles, was Nathalie W. über ihn weiss, hört sie zunächst vorwiegend von ihrer Mutter und den Grosseltern. «Beispielsweise, dass er – bevor ich geboren wurde – mit einer anderen Frau aus einer Nachbargemeinde noch zwei Kinder gezeugt hat und sich auch dort nie blicken lässt.»

Mit 21 Jahren wird Nathalie W. selbst Mami. «Da wollte ich mehr über meinen eigenen Ursprung erfahren. Also begann ich, meinen Erzeuger zu suchen.»

Die Suche

Roger K. zu finden, ist nicht einfach. «Meine Mutter erfuhr dann, dass seine Eltern inzwischen schon verstorben waren – wohl in den Nullerjahren. Roger und seine Geschwister verkauften den Bauernhof, und jeder von ihnen erhielt was.» Und: «Roger zog in den Kanton Freiburg, heiratete und nahm den Ledignamen seiner Frau an. Mit ihr hatte er zwei weitere Kinder.» Gemäss seinem Facebook-Eintrag hat Roger K. 2001 geheiratet. Als Grund für den Namenswechsel vermutet Nathalie W.: «Er schuldete so vielen Leuten Kohle, dass er das Geld und sich mit einem neuen Namen wohl etwas schützen wollte.»

Doch Nathalie W. gibt ihre Suche nicht auf. Über den früheren Wohnort und den Ledignamen findet sie nach längerem Suchen ihren Onkel, den Bruder von Roger K. Dieser stellte den Kontakt zu Roger K. her. Nathalie W.: «Es war schön, mehr Familie zu finden.»

Das Treffen

Schliesslich kommt es zu einem Treffen zwischen Tochter und Vater. Da ist Nathalie W. 24 Jahre alt und lebt in einer Luzerner Gemeinde nahe der Aargauer Kantonsgrenze. «Ich habe ihn, seine Frau und deren Kinder – ein Mädchen und ein Junge – im Jahr 2009 das erste und letzte Mal gesehen», erinnert sich Nathalie W. Aus dieser Zeit hat sie auch ein Foto, das Roger K. zeigt. Dieses stellt sie Blick für die Publikation zur Verfügung.

Der Kerzers-Täter Roger K. im Jahr 2009.
Foto: zVg

Sie erinnert sich, dass Roger K. sie mit der ganzen Familie besuchte. «Er erzählte mir, dass er gerade aus einem Methadon-Programm kommt und endlich wieder Lastwagen fahren wollte. Auch einen Camper hatte er schon damals. Er meinte, er reise damit immer mit seiner Familie weg.»

Was ihr aufgefallen sei: Roger K. verhielt sich ihr gegenüber freundlich, aber distanziert. «Er wollte auch kaum über sich oder seine Vergangenheit berichten», erinnert sich Nathalie W. «Mit seinen zwei Kindern ging er aber sehr liebevoll um. Er erzählte auch stolz, dass seine Tochter reite und er mit seinem Sohn gern an Dingen werkle.»

Was ihr noch speziell geblieben sei: Wie Roger K. bei einem gemeinsamen Spaziergang durch das Luzerner Dorf seine Mütze tief ins Gesicht zog. «Fast so, als ob er befürchtete, jemand würde ihn erkennen», erinnert sich Nathalie W. «Ich denke, er wurde einfach noch von den Schatten seiner Vergangenheit verfolgt.»

Nach diesem Treffen bleibt Nathalie W. mit Roger K. und seinen Kindern in Kontakt. Sie tauschen etwa Facebook-Accounts aus. Doch eine wirkliche Bindung bleibt aus. Nathalie W.: «Ich bin nicht enttäuscht, weil ich ja auch keine Erwartungen an ihn hatte. Und um ehrlich zu sein: Ich hatte ihn bis vor kurzem ganz vergessen.» Bis zum tragischen Busbrand am 10. März.

Die Wahrheit

Zurück zur Frage von Nathalie W. Blick weiss nach Gesprächen: Sie könnte tatsächlich die Tochter von Roger K. sein. Vieles passt, auch das Bild. Doch dann hält Nathalie W. auf Anraten der Reporterin die Wahrheit schwarz auf weiss in ihren Händen – und ist schockiert. Auf ihrem Geburtsschein – der auf Daten beruht, die von den Behörden jeweils rasch aktualisiert werden – ist neben all den Namen von Roger K. auch sein Todesdatum und der Todesort drin. Der Tag der Tragödie in Kerzers.

Die Geburtsurkunde von Nathalie W.
Foto: zVg

Nathalie W. entschuldigt sich für ein paar Tage, wird sogar krank. «Ich brauche Zeit, um das zu verdauen.»

Schliesslich mag Nathalie W. wieder sprechen. Sie gibt zu: «Das Schicksal dieser Menschen geht mir sehr nahe. Was mein Erzeuger getan hat, ist einfach grausam und sinnlos. Fünf goldene Seelen wurden ihres Lebens beraubt – all ihre Hoffnungen einfach weg, für immer.»

Insgeheim wünsche sie sich, jemand hätte Roger K. vorher «aufgefangen», so Nathalie W. «Unser System sollte besser werden, wir sollten Menschen eher helfen können.» Und: «Wir sollten es ernst nehmen, wenn jemand schon länger solche Drohungen macht.»

Immer wieder frage sie sich, was passiert wäre, wenn Roger K. noch im Bus jemanden auf seine Schwierigkeiten angesprochen hätte. «Er hätte in diesem Bus sicher ein offenes Ohr gefunden. Vielleicht hätte das seine Entscheidung gekippt.»

Nathalie W. ist in Gedanken bei den fünf Opfern von Roger K.: «Sie und ihre Hinterbliebenen sind die Leidtragenden.» An die Betroffenen gewandt, sagt sie: «Lasst das Lachen derer, die fortgerissen wurden, nie verstummen. Haltet die Wärme fest, die euch verbunden hat. Und erzählt ihre Geschichten.»

* Name bekannt
** Name geändert 

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