Darum gehts
- Busbrand von Kerzers forderte sechs Tote, darunter Fabian Keller, 16
- Bund verweigert Solidaritätsbeitrag, Opferhilfe Freiburg prüft individuelle Unterstützung
- Crans-Montana Opfer erhalten 50'000 CHF, Kerzers keine vergleichbare Hilfe
Regula Keller (54) ist verzweifelt. Vergangene Woche starb ihr Sohn beim Busbrand von Kerzers FR. Fabian Keller war das jüngste Opfer von Roger K.* (†65) der sich im Postauto selbst angezündet und fünf Menschen mit in den Tod gerissen hat. «Fabians Tod ist schwer zu ertragen – ich kann nicht mehr schlafen», sagt sie zu Blick.
Zu der Trauer kommt für die Mutter nun aber noch Unverständnis und Hilflosigkeit. Denn neben dem Verlust muss sich Regula Keller auch mit den finanziellen Folgen des Todes ihres Sohns befassen.
Auf Sozialhilfe angewiesen
Das ist im Fall von Keller eine besonders düstere Angelegenheit. Denn beim Besuch zu Hause bei Regula Keller wird schnell klar: Sie ist finanziell nicht auf Rosen gebettet. Alles, was Geld kostet, hatte sie für ihren Sohn gekauft: einen Fernseher, eine Playstation, mehrere Lego-Autos, ein Mofa. Sonst besitzt sie kaum etwas. Seit ihr Mann vor fünf Jahren an Krebs gestorben ist, muss sie den Gürtel enger schnallen.
Kurzum: Regula Keller lebt von der Sozialhilfe. Geld für das Begräbnis ihres Sohnes hat sie nicht einfach so auf dem Konto. Entsprechend dringend stellt sich ihr die Frage, wie sie die Kosten, die nun auf sie zukommen, bezahlen soll.
Eine Absage aus Bern
Auf Hilfe vom Bund kann Regula Keller dabei nicht hoffen. Für die sechs Todesopfer und fünf Verletzten von Kerzers ist noch kein nationaler Solidaritätsbeitrag vorgesehen. Das hat SP-Bundesrat Beat Jans am Montag am Rand einer Medienkonferenz klar gemacht. Jans verwies auf die Opferhilfe des Kantons Freiburg. Diese werde den Opfern von Kerzers helfen.
Das überrascht. Hat der Bund doch für die Opfer von Crans-Montana mit 50'000 Franken pro Person eine grosszügige Unterstützung gesprochen. Die Opfer von Kerzers und Crans-Montana seien aber nicht miteinander vergleichbar, so Bundesrat Jans.
Er begründete die Unterscheidung mit der Grösse der Ereignisse. Die Opfer von Crans-Montana seien gegenüber «normalen» Opfern benachteiligt gewesen, weil die aussergewöhnlich hohe Zahl an Betroffenen die Opferhilfestellen überlastet hätte. Heisst: Der Kanton Freiburg kann sich die Opferhilfe leisten, das Wallis nicht.
Unverständnis bei Regula Keller
Diese Unterscheidung kann die Mutter von Fabian nicht verstehen. Keller fordert nicht nur für sich, sondern für alle Opfer der Tragödie eine finanzielle Genugtuung: «Es wäre nicht mehr als gerecht, wenn wir – und auch die anderen Angehörigen und Verletzten nach dem Brandanschlag von Kerzers – entschädigt werden. Niemand in dem Bus hat Schuld an der schrecklichen Tragödie», sagt sie. «Sie waren einfach durch einen schlimmen Zufall in diesem Todesbus.»
Sie kann nicht verstehen, warum sie anders behandelt werden soll, als die Angehörigen und Verletzten von Crans-Montana. Hinzu kommt: Von der Opferhilfe hat sie bislang noch nichts gehört. «Mich hat noch niemand kontaktiert», sagte sie.
«Die einzige Stütze für mich ist im Moment mein Lebenspartner», sagt sie. «Wir haben heute mit dem Pfarrer gesprochen, um die Beerdigung am Freitag in der reformierten Kirche in Kerzers vorzubereiten», sagt sie.
Opferhilfe weiss noch nicht viel
Ob und vor allem wie viel Hilfe es für die Opferfamilien von Kerzers geben wird, weiss im Moment noch niemand. Denn die Opferhilfe des Kantons Freiburg hat auf die Entschädigungsfrage noch keine klare Antwort. Claudia Lauper, Sprecherin der Gesundheits- und Sozialdirektion des Kantons Freiburg, sagt: «Wir sind mit manchen Opferfamilien in Kontakt. Jede Situation ist anders und muss einzeln geprüft werden. Sicher ist schon jetzt: Beerdigungskosten können beantragt werden.»
Wie mit den restlichen Forderungen umgegangen wird, kann der Kanton Freiburg im Moment noch nicht beantworten.
Regula Keller könnte einen Solidaritätsbeitrag gut gebrauchen, aber trösten kann sie der Gedanke an Geld nicht. Sie sagt: «Nichts kann Fabian zurückbringen. Wir sind unglaublich traurig.»
*Name bekannt