Wie mit den Tragödien Kerzers und Crans-Montana umgegangen wird – ein Vergleich
Sind Postauto-Opfer weniger wert?

Zwei Feuerkatastrophen erschüttern die Schweiz: Crans-Montana und Kerzers. Der Bund will den Opfern im Wallis Millionen zahlen. Doch die Tragödie im Postauto wirft eine unangenehme Frage auf: Sind manche Opfer politisch mehr wert als andere? Der Wochenkommentar.
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Feuerhölle Postauto: Sechs Personen kamen ums Leben.
Foto: Leserreporter

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Zwei Brandkatastrophen: Crans-Montana VS mit 41 Toten und Kerzers FR mit 6 Toten
  • Der Bund zahlt 50’000 Franken pro Opferfamilie für Crans-Montana
  • Kritik: Ungleiche Solidarität für internationale und einheimische Opfer
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Rolf CavalliChefredaktor Blick

Guy Parmelin (66) legt wieder einen Kranz nieder. Erst Crans-Montana VS. Jetzt Kerzers FR.

Zwei Brandkatastrophen innerhalb kurzer Zeit. Zwei Orte, an denen Menschen in Sekunden starben – ohne Chance, zu entkommen. In Crans-Montana verbrannten 41 Menschen in einer Bar. In Kerzers starben 6 Menschen in einem brennenden Postauto.

Die Opfer von Kerzers: junge Menschen, Pendler, ein Chauffeur. Menschen auf dem Heimweg. Ein normaler Dienstagabend. Dann zündete sich ein psychisch labiler Mann im Bus an – und riss mehrere Menschen mit in den Tod.

Eine Wahnsinnstat.

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Das Wallis und die Verantwortung

Beim Inferno von Crans-Montana deutet vieles auf Systemversagen hin. Eine Bar ohne funktionierende Fluchtwege. Brandschutzvorschriften, offenbar missachtet. Kontrollen, die ausblieben. Die Verantwortung reicht von den Betreibern bis zu Behörden.

Auch die Staatsanwaltschaft macht eine schlechte Figur: verspätete Hausdurchsuchungen, fehlende Obduktionen, verzögerte Einvernahmen. Diese Versäumnisse wurden hier schon mehrfach kritisiert.

Die Postautotragödie von Kerzers hat nicht die Dimension des Infernos von Crans-Montana. Und für ein Urteil über die Aufarbeitung ist es zu früh. Doch der erste Eindruck ist hier besser: Der zuständige Staatsanwalt in Freiburg liess schon in den ersten Stunden Zeugen befragen und Videomaterial sichern.

Transparenz statt Schweigen. Vielleicht hat das Wallis unfreiwillig eine Lektion erteilt.

Jetzt wird es politisch brisant

Der heikelste Unterschied liegt allerdings nicht bei den Ermittlungen, sondern beim Geld.

Für die Opfer von Crans-Montana will der Bund einen Solidaritätsbeitrag von 50’000 Franken pro Familie zahlen. Zusätzlich stehen Millionen für eine Vergleichslösung im Raum.

Dieser Beitrag ist keine klassische Opferhilfe. Er ist eine politische Geste. Eine Botschaft: Diese Katastrophe ist so aussergewöhnlich, dass der Staat mehr tun muss als üblich. Das ist nachvollziehbar. Wenn sich der Staat grosszügig zeigen soll, dann gegenüber schuldlosen Opferfamilien.

Jans sitzt in der Falle

Doch wenn der Bund für Crans-Montana Millionen spricht – was bedeutet das für Kerzers? Die Tragödie ist kleiner. Die Opferzahl geringer. Für die Familien aber ist der Verlust derselbe.

Der entscheidende Unterschied liegt anderswo. In Crans-Montana starben viele ausländische Gäste. Der internationale Druck ist gross. Italien zog aus Protest wegen der Untersuchung sogar seinen Botschafter zurück.

In Kerzers starben fast nur Einheimische. Der Schmerz ist gleich. Der politische Druck nicht.

Justizminister Beat Jans (61) beteuert, der Bund habe in Crans-Montana nicht wegen Druck aus dem Ausland gehandelt. Das muss er sagen.

Doch ob Druck oder Überzeugung – das spielt keine Rolle mehr: Mit dem Solidaritätsbeitrag hat der Bundesrat ein Präjudiz geschaffen. Und Präjudizien verlangen Gleichbehandlung.

Der Bundesrat kann nicht in Crans-Montana und Kerzers Kränze niederlegen – und danach die Opfer unterschiedlich behandeln.

Solidarität darf nicht davon abhängen, wie viel internationales Aufsehen eine Katastrophe auslöst. Sonst entsteht genau das, was ein Rechtsstaat verhindern muss: Opfer erster Klasse – und Opfer zweiter Klasse.

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