Darum gehts
- Brandanschlag in Kerzers FR: 6 Tote, 5 Verletzte am Dienstagabend
- Täter war vermisst gemeldet, kein Hinweis auf Selbst- oder Fremdgefährdung
- Opfer: Busfahrer (63), Moderatorin (26), Täter (65), Schweizer (16, 39)
Blumen und Kerzen liegen dicht an dicht während dauernd weitere hinzukommen: An der Gedenkstätte in Kerzers FR, die nur wenige Meter neben der Brandstelle aufgebaut wurde, trauern zahlreiche Menschen um die sechs Todesopfer und fünf Verletzten des Postauto-Horrors vom Dienstagabend. Sie legen Blumen nieder, zünden Kerzen an und zeigen ihre Anteilnahme. Manche schweigend. Andere wiederum scheint eine Frage herumzutreiben, über die sie noch vor Ort diskutieren: «Warum zündete sich der 65-jährige Schweizer ausgerechnet in einem Bus an – inmitten anderer Menschen?» Was auffällt: Trauer und Wut vermischen sich hier.
«Wenn du nicht mehr leben willst, dann mach es irgendwo, wo du damit keinem schadest», findet etwa ein Mann, der die Trauerstätte besucht. Auch eine Frau, die am Donnerstag einen Blumenstrauss niederlegt, zeigt wenig Verständnis: «Es ist schon tragisch genug, wenn jemand sein Leben beenden will. Aber wieso man so rücksichtslos andere mit in den Tod reisst, kann ich nicht verstehen.» Auch auf Social Media zielen zahlreiche Kommentare in die gleiche Richtung.
«Er hat uns unseren Ramesh genommen»
Diese Frage beschäftigt aber auch die Verwandten von Todesopfer Ramesh S.* (†29). «Wenn er sich umbringen wollte, dann hätte er es auch einfach irgendwo alleine machen können», sagt das Geschwisterpaar aus Wohlen AG, das anonym bleiben will, im Gespräch mit Blick. «Er hat uns unseren Ramesh genommen.»
Der Sohn des verstorbenen Busfahrers Albino R.** (†63) hat ebenfalls kein Verständnis für die Tat. Leandro G.** (42) hofft, dass die Behörden ihre Lehren aus der Katastrophe ziehen, «damit sich so etwas in Zukunft vielleicht vermeiden lässt».
Weitere Todesopfer der Tragödie: Radio-Energy-Moderatorin Lara Baumgartner (†26), eine Schweizerin (†39) und ein Schweizer (†16). Ebenfalls tot ist der mutmassliche Brandstifter, ein Schweizer (†65) mit Wohnsitz im Kanton Bern.
Vorgeschichte des Täters
Wer der mutmassliche Brandstifter war, ist zurzeit noch nicht bekannt. Laut der Polizei soll es sich um eine «psychisch instabile Person» gehandelt haben.
Fakt ist: Der Täter hielt sich vor der Tat in einem Berner Spital auf. Das berichtet «SRF News» unter Berufung auf die Kantonspolizei Bern. Doch am Dienstag sei er aus dem Spital verschwunden. Seine Familie habe ihn als vermisst gemeldet und die Polizei habe eine Fahndung eingeleitet.
Bei seinem Spitalaufenthalt soll es sich aber um ein körperliches und nicht um ein psychisches Problem gehandelt haben. Gegenüber «20 Minuten» präzisiert die Polizei, dass es sich beim Spitalaufenthalt des Mannes ausdrücklich nicht um eine fürsorgerische Unterbringung gehandelt habe.
Dies wäre eine Massnahme, bei der «eine Person gegen ihren Willen in eine Klinik oder Einrichtung für eine Behandlung oder Betreuung gebracht wird». So schreibt es «Pro Mente Sana», die Stiftung für psychische Gesundheit, auf ihrer Seite.
Im Schweizerischen Zivilgesetzbuch steht dazu: «Eine Person, die an einer psychischen Störung oder an geistiger Behinderung leidet oder schwer verwahrlost ist, darf in einer geeigneten Einrichtung untergebracht werden, wenn die nötige Behandlung oder Betreuung nicht anders erfolgen kann.»
Die Voraussetzung dafür ist, dass die Person sich selbst oder einen anderen Menschen akut und schwer gefährdet. Laut der Polizei war dies aber nicht der Fall. «Zum Zeitpunkt seines Verschwindens ergaben die umfassenden Abklärungen keine Hinweise auf eine mögliche Fremd- oder Selbstgefährdung», sagte eine Polizeisprecherin gegenüber «SRF News».
Tägliche Fotos vom Bus
Trotzdem übergoss sich der Schweizer am Dienstagabend mitten im Bus mit Benzin, zündete sich an und riss fünf weitere Menschen brutal mit in den Tod.
Ein Schock für die Angehörigen und Freunde der Opfer. «Er war ein Sonnenschein. Er hatte Träume, Wünsche und Ziele in seinem Leben», beschreiben die Verwandten den verstorbenen Ramesh S. Er sei wie ein Bruder für sie gewesen, mit dem sie täglich Kontakt hatten.
Auf seinem Arbeitsweg in die Coop-Filiale Düdingen FR sei er jeweils eine Station mit dem Bus gefahren. «Er hat mir immer am Morgen, wenn er arbeiten gegangen ist, ein Snapchat-Foto vom Bus geschickt», erzählt eine Verwandte. Auf dem Heimweg nochmals. «Am Dienstagabend kam aber kein Snap mehr an.»
Sein Tod sei ein grosser Verlust. «Er wäre im Sommer 30 Jahre alt geworden», erzählt das Geschwisterpaar und fügt an: «Wir waren schon daran, einen Überraschungsausflug zu planen.»
«Mein Vater starb als Held»
Leandro G. (42) trauert um seinen Vater, Buschauffeur Albino R. (†63). Der fünffache Grossvater sass am Steuer des Postautos, als das Unglück passierte.
«Mein Vater starb als Held», sagt Leandro G. zu Blick und erzählt, dass Albino R. den Bus reflexartig angehalten und die Türen geöffnet habe. «Er hat sich also entschieden, nicht auszusteigen, möglicherweise, um besser helfen zu können.»
Solch ein Verhalten passe zu seinem Vater. «Er war jemand, der niemals aufgibt. Ein lebensfroher Mensch, immer für andere da, für die Familie, für die Enkelkinder.»
Radio-Team nimmt Abschied
Radio-Energy-Moderatorin Lara Baumgartner (†26) sass als Passagierin im Bus, als der Täter das Feuer entfachte.
Um gemeinsam Abschied zu nehmen, sendeten ihre Radiokolleginnen und -kollegen am Donnerstag eine Spezialsendung. Dabei kamen einige von ihnen zu Wort. «Erst am Montag sassen wir noch in der Sonne und haben über das Leben philosophiert, und du hast mir von deinen Zukunftsplänen erzählt», sagte eine Energy-Mitarbeiterin ins Mikrofon.
Zum Schluss widmete Moderator Simon Moser emotionale Worte an die Hörerinnen und Hörer: «Geniesst jede Minute mit euren Liebsten. Seid dankbar, dass sie da sind.»
* Name geändert
** Namen bekannt