Darum gehts
- Minergie-Gebäude in Schweiz kämpfen mit Überhitzung, Klimawandel verschärft Problem
- Mieter beklagen Temperaturen über 28 Grad trotz Lüftungsanlagen
- Über 60'000 zertifizierte Gebäude, jährlich 25 Prozent neue Neubauten mit Gütesiegel
Seit Ende der 1990er-Jahre sollen Minergie-Gebäude den Energieverbrauch sowie die CO2-Emissionen senken. Über 60'000 Gebäude sind heute in der Schweiz zertifiziert. Jedes Jahr erhalten 25 Prozent der Neubauten das Gütesiegel – als Symbol für energieeffizientes Bauen.
Doch der Klimawandel setzt das Modell immer mehr unter Druck. Während Hitzewellen kommt es zur Überhitzung von Gebäuden. Immer mehr Menschen sollen sich im Sommer über zu heisse Wohnungen beschweren.
«Versprechen wurden überhaupt nicht eingehalten»
«Ich bin sehr enttäuscht, weil ich eine ganz andere Situation erwartet hatte», zitiert RSI einen Mieter, der anonym bleiben möchte. «Als ich vor drei Jahren den Mietvertrag unterschrieb, wurde mir versichert, dass ich die Fenster stets geschlossen halten müsse und dass die Lüftungsanlage für eine gleichmässige, kühle Temperatur sorgen würde.»
Eine Steuereinheit solle es ermöglichen, die gewünschte Temperatur im Haus einzustellen. Das aber sei nicht mehr der Fall: «Egal, welche Temperatur ich im System einstelle, heutzutage habe ich immer 28 Grad und mehr, und es ist sehr schwül. Die anfänglichen Versprechen wurden überhaupt nicht eingehalten.»
Das Problem betreffe nicht nur zertifizierte Gebäude, sondern den gesamten Schweizer Immobilienbestand, betont Minergie-Direktor Andreas Meyer Primavesi gegenüber RSI. Gleichzeitig bestätigt er, dass einige vor Jahren entworfene Minergie-Gebäude nicht für die heutigen Temperaturen ausgelegt seien.
«Klimamodelle sind nicht mehr gültig»
«Generell haben wir in Minergie-Gebäuden weniger Überhitzungsprobleme als in anderen Gebäuden», hält er fest. Tatsächlich aber sei ein vor vielen Jahren entworfenes und gebautes Gebäude den heutigen Temperaturen nicht mehr gewachsen. «Der Klimawandel schreitet schneller voran als erwartet, und die damals für die Planung dieser Gebäude verwendeten Klimamodelle sind für die neue Situation nicht mehr gültig.»
Es brauche daher Anpassungen. Der Verband analysiere derzeit neue Klimaszenarien von Meteo Schweiz und der ETH Zürich, um die Standards zu aktualisieren.
«Es ist klar, dass wir die Anforderungen an die Minergie-Standards weiter verschärfen müssen», so Meyer Primavesi. Der Trend sei dabei klar: In vielen Gebäuden werde die Einführung von Kühlsystemen in Betracht gezogen werden müssen.
Der Minergie-Verband will die neuen Anforderungen bis 2027 einführen. Die Standards sollen das zunehmend wärmere Klima berücksichtigen – ohne die Ziele der Energieeffizienz zu beeinträchtigen.