Warum sterben auf unseren Strassen noch immer so viele Menschen?
Die bittere Wahrheit hinter dem 100-Tote-Ziel des Bundes

Vor zehn Jahren gab der Bund ein Ziel aus: Bis 2030 sollten auf Schweizer Strassen höchstens noch 100 Menschen jährlich ihr Leben verlieren. Doch davon ist das Land weit entfernt. Warum nur? Eine Spurensuche.
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Auf Schweizer Strassen sterben noch immer jedes Jahr mehr als 200 Menschen bei Verkehrsunfällen. (Symbolfoto)
Foto: KEYSTONE/Georgios Kefalas

Darum gehts

  • 2025 starben 214 Menschen auf Schweizer Strassen – statt der angestrebten 150
  • Unfallverhüter ernüchtert: Die zuständige Fachstelle hält das Ziel von 100 Verkehrstoten bis 2030 für kaum erreichbar
  • Fachleute fordern unter anderem mehr Tempo 30 und strengere Regeln für junge Töfffahrer
Sven Altermatt, Ringier
Sven AltermattCo-Ressortleiter Politik

Es war ein hoffnungsvolles Ziel, das der Bund vor zehn Jahren festlegte. Eines, bei dem es um Menschenleben geht. Um Schicksale, die sich innert Sekunden entscheiden.

Bis 2030 sollen auf Schweizer Strassen jährlich höchstens noch 100 Menschen sterben und 2500 schwer verletzt werden: Das schrieb das Bundesamt für Strassen (Astra) Ende 2016 in einer Strategie. Damals kamen 216 Menschen im Strassenverkehr ums Leben, 3785 wurden schwer verletzt.

Ziele deutlich verfehlt

Nach einem Jahrzehnt ist die Bilanz wenig erfreulich. Meldungen über schwere Verkehrsunfälle? Weiterhin traurige Routine.

Nehmen wir einen beliebigen Tag, etwa den 7. Oktober: In Eiken AG stirbt ein Töfffahrer bei einer Kollision mit einem Auto. Bei Montricher VD kommt ein Autofahrer ums Leben, nachdem sein Wagen von der Strasse abgekommen und gegen einen Baum geprallt ist. Und auf der A13 bei Salez SG wird ein 24-jähriger Autofahrer lebensgefährlich verletzt. Sein Wagen prallt gegen einen Zaun und überschlägt sich.

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Zwar schwankte die Zahl der Verkehrstoten in den vergangenen Jahren und sank zwischenzeitlich auf 187 (das war 2019). Doch 2025 starben auf Schweizer Strassen 214 Menschen. Fast gleich viele wie damals, als das Ziel formuliert wurde.

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Und die Zahl liegt auch deutlich über dem, was der Bund als Zwischenziel für 2025 erreichen wollte – auch wenn man das Bevölkerungswachstum einrechnet: Höchstens 150 Verkehrstote sollten es sein. Bei den Schwerverletzten wurde das Zwischenziel von maximal 3000 mit 3935 ebenfalls verfehlt.

Bund hält am Ziel fest

Geht es bei der Verkehrssicherheit nicht mehr vorwärts? Beim Astra gibt man sich nachdenklich. «Hinter jedem Todesfall stehen Betroffene, Angehörige und weitere Menschen, deren Leben dadurch verändert wird», teilt das Amt mit. Jeder Tote und jede schwer verletzte Person stehe für ein persönliches Schicksal.

Die Behörde im Departement von Verkehrsminister Albert Rösti (59, SVP) hält dennoch am Ziel von 100 Toten bis 2030 fest. Dies sei anspruchsvoll, aber «ein wichtiger Orientierungswert». Zugleich räumt das Astra ein: «Ob es erreicht wird, lässt sich angesichts der bisherigen Entwicklung heute nicht sagen.»

Unfallverhüter sind ernüchtert

Ernüchterung herrscht bei der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU). Sprecher Lucien Combaz sagt: «Als das Ziel festgelegt wurde, war es aus Sicht der BFU realistisch.» Doch angesichts der Unfallzahlen der letzten Jahre und ihrer Entwicklung sei es «heute kaum mehr erreichbar».

Trotzdem hält es auch die BFU für richtig und wichtig, am Ziel festzuhalten. «Denn jeder schwere Unfall auf Schweizer Strassen ist einer zu viel», sagt Combaz. Auch die Politik sehen die Unfallverhüter in der Pflicht. Aus Sicht der BFU wurde das Ziel nicht konsequent genug verfolgt.

Warum es so viele Unfälle gibt

Eine zentrale Unfallursache bleibt menschliches Fehlverhalten. Eine Rolle spielen häufig zu hohe oder unangepasste Geschwindigkeit, missachteter Vortritt, Ablenkung oder Alkohol am Steuer. Fachleute nennen aber noch weitere Faktoren:

  • Komplexerer Verkehr: Die Strassen werden voller, immer mehr Verkehrsmittel teilen sich den Platz. Dazu gekommen sind etwa E-Bikes und E-Trottinette. Gerade bei diesen Verkehrsmitteln steigen auch die Unfallzahlen.
  • Demografie: Mit der alternden Bevölkerung steigt der Anteil der Menschen, für die ein Unfall besonders schwere Folgen haben kann.
  • Junge Töfffahrer: Seit 2021 dürfen Jugendliche bereits mit 16 statt mit 18 Jahren 125er-Motorräder fahren. Nach der Senkung des Mindestalters hat sich die Zahl der schweren Unfälle bei unter 18-Jährigen mehr als verdoppelt.
  • Politische Entscheide: Höhere Hürden für Tempo 30 innerorts und der Verzicht auf ein Velohelm-Obligatorium für Kinder erschweren gemäss der BFU «nachhaltige Fortschritte bei der Verkehrssicherheit».

Es braucht mehr Anstrengungen, davon sind die Unfallverhüter überzeugt. Die heutigen Massnahmen reichten nicht aus, um die Ziele zu erreichen. Potenzial sieht die BFU vor allem bei Tempo 30 innerorts, wo es die Sicherheit erfordert, einer möglichst «fehlerverzeihenden und selbsterklärenden Strasseninfrastruktur» und gezielten Kontrollen.

Zudem plädiert sie dafür, das Mindestalter für die erwähnten Motorräder wieder auf 18 Jahre anzuheben und eine Helmpflicht für langsame E-Bikes und E-Trottinette einzuführen.

Die Zeit rast davon

Und der Bund? Neben sicheren Strassen, Prävention und Kontrollen setzt das Astra auf die Entschärfung von Unfallschwerpunkten. Weitere Fortschritte erhofft es sich von modernen Assistenzsystemen und dem automatisierten Fahren.

Der Traum von null Verkehrstoten

Es war eine ambitionierte Vision des früheren Verkehrsministers Moritz Leuenberger (80): Keine Toten, keine Schwerverletzten mehr auf Schweizer Strassen! Im Jahr 2000 gab der SP-Bundesrat den Auftrag, eine neue Politik nach dem Prinzip «Vision Zero» auszuarbeiten.

2002 nahm der Bundesrat die Vision in seine Nachhaltigkeitsstrategie auf. Ein erstes konkretes Ziel: Die Zahl der Verkehrstoten sollte sich innert zehn Jahren von rund 600 auf 300 halbieren. Später entstand daraus das Sicherheitsprogramm «Via sicura».

Null Verkehrstote waren aber kein Ziel mit festem Enddatum, eher eine langfristige Vision. Trotz Phasen grosser Fortschritte ist die Schweiz ein Vierteljahrhundert später noch weit davon entfernt.

Moritz Leuenberger
Moritz Leuenberger
Keystone

Es war eine ambitionierte Vision des früheren Verkehrsministers Moritz Leuenberger (80): Keine Toten, keine Schwerverletzten mehr auf Schweizer Strassen! Im Jahr 2000 gab der SP-Bundesrat den Auftrag, eine neue Politik nach dem Prinzip «Vision Zero» auszuarbeiten.

2002 nahm der Bundesrat die Vision in seine Nachhaltigkeitsstrategie auf. Ein erstes konkretes Ziel: Die Zahl der Verkehrstoten sollte sich innert zehn Jahren von rund 600 auf 300 halbieren. Später entstand daraus das Sicherheitsprogramm «Via sicura».

Null Verkehrstote waren aber kein Ziel mit festem Enddatum, eher eine langfristige Vision. Trotz Phasen grosser Fortschritte ist die Schweiz ein Vierteljahrhundert später noch weit davon entfernt.

Gleichzeitig verweist das Bundesamt auf den langfristigen Fortschritt. Im Jahr 1971 starben noch 1773 Menschen auf Schweizer Strassen, bei deutlich weniger Verkehr als heute. Seither habe man viel bewirken können.

Höchstens 100 Verkehrstote jährlich – noch bleiben vier Jahre, um das Ziel zu erreichen. Dafür müsste die Zahl gegenüber 2025 aber um mehr als die Hälfte sinken. Die Zeit rast.

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