Darum gehts
- Das Zürcher Unispital überprüfte Todesfälle von 2016 bis 2020 in der Herzchirurgie
- Bericht zeigt 70 zusätzliche Todesfälle wegen schwerer Fehler und Mängel
- Herzchirurg Thierry Carrel kritisiert früheren Klinikleiter Francesco Maisano scharf, dieser droht mit Klage
Schwere Fehler in der Herzchirurgie des Unispitals Zürich: Zwischen 2016 und 2020 starben über 70 Patienten unnötig. Der damalige Klinikleiter Francesco Maisano (59) steht massiv in der Kritik.
Zu den profiliertesten Kritikern zählt dabei Herzchirurg Thierry Carrel (65), der die USZ-Herzchirurgie von 2021 bis 2022 als Co-Direktor leitete. «Es ist Tatsache, dass die Sterblichkeit bei Herzoperationen zwischen 2016 und 2020 die zu erwartenden Werte um ein Mehrfaches übertraf», sagte er mit Verweis auf Daten des Bundesamts für Gesundheit (BAG) schon vor zwei Jahren im Blick. Die Missstände unter Maisano seien weitreichend und die Operationsresultate laut den Zahlen des BAG in mehreren Bereichen «sehr schlecht» gewesen.
Carrel: «Klare Übersterblichkeit»
In Zürich habe es eine «klare Übersterblichkeit» gegeben, legt Carrel nun in einem «NZZ»-Interview nach. Die Zahl dürfte «noch höher gewesen sein» als die nun vermuteten 70 Fälle, so Carrel. Vor zwei Jahren nannte er die Zahl von «vermutlich um 100 bis 200 Patienten, die beim gleichen Eingriff in einem anderen Universitätsspital höchstwahrscheinlich nicht verstorben wären».
Das steckt hinter dem USZ-SkandalMaisano wolle die Probleme nicht wahrhaben, so Carrel. «Die Probleme wurden vertuscht, weil finanzielle Interessen für Maisano eine grosse Rolle gespielt haben dürften.» Zudem wirft er ihm vor, Videopräsentationen der Operationen so zusammengeschnitten zu haben, «dass negative Resultate und Komplikationen nicht zu sehen waren. Das ist Betrug der schlimmsten Art.»
Maisano droht mit Verleumdungsklage
Nun geht der Angegriffene in einem Interview mit der «NZZ am Sonntag» in die Gegenoffensive. Maisano begrüsst die Untersuchungen in Italien und zeigt sich überzeugt davon, dass sie «Klarheit schaffen werden». Im Interview weist er alle Vorwürfe zurück – und droht mit rechtlichen Schritten gegen Carrel. Seine Anwälte würden die Einreichung einer Klage wegen Verleumdung prüfen, so Maisano.
Auf die Übersterblichkeitszahlen angesprochen, betont er, dass nur elf Fälle der Staatsanwaltschaft vorgelegt worden seien, «wobei jedoch erklärt wurde, dass keine vorsätzlichen Aspekte als Ursache für die Todesfälle erkennbar seien. Elf Fälle in fünf Jahren bei total etwa 4500 Einsätzen.»
«Komplexeste Fälle» in Zürich
Er wolle damit den Schmerz der Familien nicht herabsetzen, betont der Italiener. Entscheidend sei aber: «Die Sterblichkeit konzentriert sich auf konventionelle chirurgische Eingriffe, nicht auf innovative oder kathetergestützte Verfahren.» Dies sei der klinisch relevanteste Punkt, der in der Medienberichterstattung jedoch am meisten fehle, da diese eine falsche Verbindung zwischen innovativen Eingriffen und Sterblichkeit hergestellt habe.
«Wer nur einfachste Fälle operiert, wird hervorragende Statistiken haben, aber viele schwerkranke Patienten bleiben ohne Behandlung», so Maisano. «In Zürich haben wir die Tür auch für die komplexesten Fälle offen gehalten.» Und gerade durch die innovativen Verfahren habe man die Risiken für die Patienten unter den extremsten Bedingungen begrenzt.