Darum gehts
- Unispital Zürich: Zwischen 2016 und 2020 gab es 70 vermeidbare Todesfälle
- Ex-Chefarzt Maisano kritisiert kulturellen Widerstand gegen ihn als Italiener
- 13 Herzimplantate laut Bericht als «unangemessen» eingestuft, Interessenskonflikte vermutet
Es war eine Nachricht, die viele in der Schweiz schockte. Zwischen 2016 und 2020 ereigneten sich am Zürcher Unispital 70 Todesfälle, die vermeidbar gewesen wären. Zu diesem Schluss kam ein unabhängiger Untersuchungsbericht, der Anfang Mai publiziert wurde.
Im Zentrum der Schlagzeilen steht Francesco Maisano (60), der damalige Direktor der Klinik für Herzchirurgie. Nun hat er sich erstmals zum Herzskandal geäussert. «In Zürich hat man nie akzeptiert, dass ein Italiener die Abteilung leitet», betont er in einer Stellungnahme, die der Zeitung «Il Fatto Quotidiano» vorliegt.
Maisano leitete die Herzchirurgie von 2014 bis 2020. Danach wechselte er ins San-Raffaele-Spital in Mailand. In dem Brief verteidigt Maisano sein Vorgehen und spricht von Vorverurteilungen gegen ihn als Italiener.
«Deutschschweizer Umfeld hat mich nicht akzeptiert»
«Ich war ein italienischer Mediziner in einem Deutschschweizer Umfeld, das einen italienischen Arzt als Chefarzt einer so wichtigen Einheit nie akzeptiert hatte. Der kulturelle und institutionelle Widerstand, auf den ich stiess, beruhte auf nicht unbedeutenden Missverständnissen. Dies erschwerte, ein geschlossenes Team um eine gemeinsame Vision klinischer Innovation herum aufzubauen», schreibt er.
Das in dem Untersuchungsbericht festgestellte mangelnde Führungsgeschick und die Interessenskonflikte bestreitet Maisano. Zur Erinnerung: Laut dem Bericht ist die unzureichende Klinikführung für die Übersterblichkeit verantwortlich.
Zudem wurde der Einsatz eines innovativen Herzimplantats von dem Bericht in 13 Fällen als «unangemessen» eingestuft. Zudem soll der ehemalige Klinikleiter selbst an dem eingesetzten Produkt mitverdient haben.
Maisano verteidigt sich gegen Vorwürfe
Der Arzt betont, das von ihm mitentwickelte Cardioband sei bei 44 von 4500 durchgeführten Eingriffen verwendet worden. Die Komplikationsrate habe «etwa 12 Prozent» betragen. Das sei laut der aktuellen wissenschaftlichen Literatur erwartbar. «Mein Beitrag zur Entwicklung lebensrettender Technologien ist dokumentiert, offengelegt und wissenschaftlich anerkannt.» Insgesamt habe er an über 20 Projekten teilgenommen und sei nur «in einem Fall» vergütet worden, schreibt der Arzt.
Zum Schluss betont Maisano, dass er so weitermachen werde. «Ein Chirurg wird an den geretteten Leben gemessen, nicht an der Abwesenheit von Risiken. Ich werde weiterhin so operieren.»