Für Herzchirurg Francesco Maisano ist es nur eine hässliche Fussnote in einer glänzenden Karriere. 70 Menschen starben unnötig auf seinem OP-Tisch – wegen neuer, selbst entwickelter Implantate. Während das Universitätsspital Zürich diese Woche den erschütternden Untersuchungsbericht veröffentlichte, arbeitet Maisano am renommierten Uni-Spital in Mailand (I) weiter. Als wäre nichts geschehen.
Ein Skandal? Ja. Aber vor allem: ein System.
Universitätsspitäler sind längst keine stillen Orte der Heilung mehr. Sie sind Forschungslabors mit angeschlossenem Spitalbetrieb. Es geht um Forschungsgelder, Rankings, Renommee. Dafür braucht es nicht in erster Linie die besten Operateure, sondern die ehrgeizigsten Forscher.
Das ist ein entscheidender Unterschied. Denn was man «Starchirurg» nennt, ist oft ein Starforscher, der auch operiert. Der OP-Saal wird zum Labor. Der Patient ist nicht mehr Mensch, sondern Fall. Ein Organ. Eine Gelegenheit, die nächste Methode zu testen, die nächste Publikation zu schreiben, das nächste Prestige zu gewinnen.
So entstehen in grossen Spitälern kleine Königreiche. Eigene Netzwerke. Eigene Regeln. Eigene Loyalitäten. Brillante Köpfe – und narzisstische Persönlichkeiten, die Widerspruch als Angriff verstehen.
Die Frage lautet deshalb nicht nur: Wie konnte das passieren? Sondern: Warum stoppte es niemand?
Die Arztkollegen: fürchten um ihre Karriere
Bei einer Herzoperation sind nie nur ein Arzt und ein Patient im Raum. Kardiologen, Anästhesisten, ein ganzes OP-Team sehen mit. Trotzdem herrscht in Spitzenkliniken oft eine Kultur des Schweigens. Ein erfahrener Arzt spricht mir gegenüber von «Omertà wie bei der Mafia». Wer den Star kritisiert, gefährdet seine Karriere. Wer Alarm schlägt, gilt als Nestbeschmutzer.
Der Fall Zürich zeigt: Nicht niemand schaute hin, sondern jene, die hinschauten, wurden jahrelang nicht ernst genommen.
Die Spitalleitung: hat nicht viel zu sagen
Spitalleitungen sind ihren Starforschern oft ausgeliefert. Die eigentliche Macht sitzt nicht im Sitzungszimmer, sondern am OP-Tisch. Dort entstehen Prestige, Forschungsgelder und internationale Aufmerksamkeit. Universitätsspitäler wollen zur Weltspitze gehören. Also dulden sie die Exzesse der Genies länger, als man es in jedem anderen Beruf akzeptieren würde.
Die Politik: unwissend und zu weit weg
Öffentliche Spitäler gehören meist den Kantonen. Kontrollieren sollen sie Verwaltungsräte, Gesundheitsdirektionen und Kantonsparlamente. Doch die politische Realität ist ernüchternd: zu weit weg, zu wenig Fachwissen, zu viele Verflechtungen. Und niemand will jener Politiker sein, der einem international gefeierten Spitzenarzt in den Arm fällt – bis der Skandal explodiert.
Holt die Götter (Teufel) vom Sockel
Die Rede von den «Göttern in Weiss» war lange ehrfürchtig gemeint. Im Fall Zürich bekommt sie einen anderen Klang. Denn wo Menschen wie Götter behandelt werden, wird Kritik zur Gotteslästerung. Kontrolle zur Zumutung. Und aus dem genialen Heiler wird ein Teufel in Weiss: getrieben von Ruhm, Geld, Eitelkeit – und dem Glauben an die eigene Unfehlbarkeit.
Ärzte sind weder Götter noch Teufel. Sie sind Menschen mit aussergewöhnlichen Fähigkeiten – und aussergewöhnlichen Versuchungen. Gerade deshalb braucht Spitzenmedizin mehr Kontrolle, mehr Mut zum Widerspruch – denn es geht um Tod oder Leben.
Wer Chirurgen zu Göttern macht, darf sich nicht wundern, wenn Kontrolle irgendwann als Gotteslästerung gilt.