Darum gehts
- Bericht: 70 vermeidbare Todesfälle 2016–2020 an Universitätsspital Zürich aufgedeckt
- Schockierend: Schweiz mit 12,3 Fremdkörperfällen pro 100'000 Entlassungen 2019
- Fehlerkosten im Schweizer Gesundheitswesen: jährlich untere dreistellige Millionenhöhe
Der Bericht zum Skandal in der Herzchirurgie am Universitätsspital Zürich (USZ) erschüttert die Schweiz: Zwischen 2016 und 2020 kam es zu rund 70 vermeidbaren Todesfällen. Die Untersuchungskommission deckte gravierende Missstände auf – darunter systematische Behandlungsfehler, unzureichende Aufsicht und den teilweise fragwürdigen Einsatz neuartiger Implantate, an denen der damalige Klinikdirektor Francesco Maisano finanziell beteiligt war. Doch ist dies ein isolierter Einzelfall oder ein tieferliegendes Problem im Schweizer Gesundheitswesen? Wie steht es um die Patientensicherheit landesweit? Blick zeigt, welche Fehler in Schweizer Spitälern am häufigsten auftreten – und welche besonders gefährlich sind.
Eingriffsverwechslung
Es klingt unglaublich, kommt aber vor: Ein Patient wird am falschen Knie operiert, die falsche Seite des Gehirns behandelt oder es wird gar der falsche Eingriff durchgeführt. Solche katastrophalen Fehler gelten als sogenannte «Never Events». Dabei handelt es sich um schockierende medizinische Fehler, die bei Einhaltung der Sicherheitsstandards zu 100 Prozent vermeidbar wären. Neben der Verwechslung von Eingriffen gehört auch die Operation am falschen Patienten dazu. Die Stiftung Patientensicherheit Schweiz plädiert seit Jahren dafür, dass diese Fälle dokumentiert werden. Offizielle Zahlen gibt es aktuell aber noch nicht.
Im Körper vergessene Tupfer und Instrumente
Nach einer Operation bleiben versehentlich Bauchtücher, Nadeln oder Instrumententeile im Körper des Patienten zurück. Laut dem OECD-Report «Health at a Glance» gehörte die Schweiz 2019 bei diesen «zurückgelassenen Fremdkörpern» sogar zur internationalen Spitze – mit einer Rate von 12,3 Fällen pro 100'000 Krankenhausentlassungen.
Experten sehen den Grund dafür jedoch in einem statistischen Datenproblem: Das Schweizer Abrechnungssystem (SwissDRG) belohnt seit seiner Einführung eine extrem genaue Dokumentation, weshalb hierzulande Fehler erfasst werden, die in anderen Ländern wegen limitierter EDV-Systeme gar nicht in der Statistik auftauchen. Dennoch ist das Problem real. Eine Studie zeigte, dass die manuelle Zählung von Instrumenten nur eine unzureichende Sicherheit bietet. Die Folgen für Patienten sind gravierend und reichen von schweren Infektionen bis hin zu weiteren Operationen.
Falsche Medikamente und fatale Dosierungen
Eine der häufigsten und potenziell tödlichsten Fehlerkategorien betrifft die Medikation und deren Verabreichung. Patienten können das falsche Medikament erhalten, eine extrem hohe oder gefährlich niedrige Dosis bekommen, oder das Präparat wird auf falschem Wege verabreicht – etwa intravenös statt oral oder umgekehrt. Diese Fehler sind besonders kritisch, da sie unmittelbare und unvorhersehbare Auswirkungen haben können, die sich schnell zu lebensbedrohlichen Situationen entwickeln.
Die Fälle treten oft durch Kommunikationsfehler zwischen verschiedenen medizinischen Fachpersonen, unzureichende Kennzeichnung von Medikamenten oder veraltete Verabreichungssysteme auf, die keine modernen Sicherheitsmechanismen wie automatische Überprüfungen oder Barcodierung nutzen.
Riskante oder falsche Implantate
Wie der Fall am Unispital Zürich zwischen 2016 und 2020 dramatisch aufzeigte, ist auch der Einsatz von Medizinprodukten eine grosse Gefahrenquelle. Die USZ-Untersuchung ergab, dass in 13 Fällen neuartige Implantate eingesetzt wurden, obwohl herkömmliche Verfahren für die Patienten vermutlich die bessere Wahl gewesen wären. Dies ist besonders heikel, wenn Operateure – wie im Fall des USZ – finanzielle Interessen an den von ihnen verwendeten Produkten haben.
Mangelnde Hygiene und vermeidbare Infektionen
Infektionen, die sich Patienten im Spital zuziehen, sind eine oft unterschätzte Gefahr. Sie können durch unzureichend sterilisierte Instrumente oder mangelnde Hygiene im OP-Saal entstehen. Eine konkrete Gefahr stellen unnötige medizinische Massnahmen dar. So zeigte eine Analyse in 20 Schweizer Spitälern, dass rund 14 Prozent der Blasenkatheter gänzlich ohne medizinische Indikation gelegt wurden. Damit wird, wie die Studie festhält, ein massives und leicht vermeidbares Risiko für Harnwegsinfektionen geschaffen.
Diese Fehler sind nicht nur für die Betroffenen tragisch, sondern auch extrem teuer. Eine umfassende gesundheitsökonomische Studie bezifferte die jährlichen Mehrkosten durch solche vermeidbaren Ereignisse in der Schweiz auf 347 Millionen Schweizer Franken im Jahr 2019. Um gegenzusteuern, förderten Institutionen wie die Stiftung Patientensicherheit Schweiz seit Mai 2020 eine Fehlerkultur («Just Culture»), Meldesysteme und den Einsatz moderner Technologien wie beispielsweise RFID-Chips in OP-Tüchern.
Keine offiziellen Zahlen verfügbar
Problem nur: «Es gibt aktuell kein nationales Register für Never Events in der Schweiz und es besteht zur Zeit keine gesetzliche Grundlage, die Leistungserbringer verpflichtet, Never Events zu erfassen», so Britta Gerloff auf Anfrage von Blick.
Des Weiteren heisst es im Bericht der Patientensicherheit Schweiz aus dem Jahr 2024 zum Thema «Risikomonitoring und -reduktion»: «Die tatsächliche Umsetzbarkeit des beschriebenen Konzepts zum Never-Event-Management ist auf nationaler Ebene in hohem Masse von der freiwilligen Mitwirkung der Leistungserbringer abhängig.»