Darum gehts
- 70 Todesfälle soll Herzchirurg Francesco Maisano am USZ zwischen 2016 und 2020 verursacht haben
- Sein Cardioband galt als revolutionär, stellte sich jedoch als gefährlich heraus
- Im 2017 wurde die Entwicklerfirma für 600 Millionen Dollar verkauft, Maisano profitierte finanziell
In Zürich soll Herzchirurg Francesco Maisano für 70 Todesfälle zwischen 2016 und 2020 verantwortlich sein. So hoch war die Übersterblichkeit am Universitätsspital Zürich (USZ), während Maisano Chef war. Ein entsprechender Bericht schockierte diese Woche das Land. Das Spital hat denn auch beschlossen, 24 der Fälle an die Staatsanwaltschaft weiterzuleiten. Ein Starchirurg auf der Anklagebank?
Im Fokus steht das Cardioband, ein Herzimplantat, das als revolutionär galt – und sich als tödlich erwies. Das Cardioband ist ein minimalinvasives Herzklappen-Reparatursystem. Es war als System für die Behandlung einer undichten Mitralklappe gedacht. Der Vorteil: Ein Öffnen des Brustkorbs ist bei dieser Reparatur nicht nötig, was das Risiko bei der Operation eigentlich verringern sollte.
Maisano arbeitet jetzt in Mailand, 200 Kilometer südlich von Zürich, als wäre nichts gewesen. Seit 2021 ist er Direktor der Herzchirurgie und des Herzklappenzentrums am IRCCS San Raffaele, einem der angesehensten Spitäler der Welt. Zudem amtet er als ordentlicher Professor an der Universität Vita-Salute San Raffaele. Und Maisano ist in mehreren wissenschaftlichen Gremien aktiv, etwa einer Ethikkommission in der Region Aostatal.
Als Superstar der Medizin operierte der Herzchirurg auch Promis wie Flavio Briatore (76), den Sport- und Industriemanager und aktuellen Teamchef des Alpine F1 Teams. Maisano entfernte Briatore 2024 einen Tumor am Herzen. Briatore lobte danach den Chirurgen, wie «Sky» berichtete. «Die Operation verlief voll und ganz zufriedenstellend, und ich danke Professor Francesco Maisano herzlich.»
Spurensuche auf dem Spitalgelände
Blick begibt sich in Mailand auf die Spuren von Maisano. Auf dem Gelände des San-Raffaele-Spitals.
Der Mitarbeiter einer Pharmafirma sagt zu Blick: «Der Name Maisano sagt mir etwas.» Aber vom Fall aus Zürich hat er noch nie gehört.
Der Mann führt aus: «Ich will Maisano nicht in Schutz nehmen. Und man muss fairerweise sagen, dass er sich exponiert hat, indem er es mit sehr komplizierten Fällen mit ohnehin schon hoher Mortalität zu tun hatte.»
Ansonsten hat aber niemand eine Ahnung davon, dass einer der Topärzte des Spitals die zentrale Figur eines der grössten Medizinskandale der Schweiz ist.
Ein Gott in Weiss
Derweil fühlt sich der hochdekorierte Professor als Opfer des USZ. Auf Google kommentieren die Patienten die Leistungen des Arztes. Eine schlechte Rezension erwähnt den Skandal in Zürich – und trifft beim Mediziner einen Nerv. Der schiesst in einem Kommentar zurück: «Ich bin nicht verpflichtet, mich zu äussern, weil das Zürcher Spital mich zum Rücktritt und zum Schweigen gezwungen hat.» Er habe nur einen Wunsch: wieder zu arbeiten, wie er es seit 35 Jahren tue. «Mit Leidenschaft, Ethik und technischem Können. Zu behandeln und zu pflegen.» Reue? Fehlanzeige!
Während Maisanos Anstellung dem USZ schlimme Bauchschmerzen bereitet, hat der Skandal dem Herzchirurgen selbst tatsächlich keinen einzigen Zacken aus der Krone gebrochen. Im Gegenteil: Maisano gilt als innovativer Mediziner, ist gefragter denn je – ein Gott in Weiss.
Vielleicht auch deshalb hat der Bericht aus Zürich in Italien bislang keine grossen Wellen geschlagen. Die sonst so kritischen und lautstarken Leitmedien des Landes halten sich vornehm zurück. Der Skandal in Zürich ist ennet der Grenze schlicht kein Thema.
Millionendeal
Maisano ist nicht nur ein Star, sondern auch ein reicher Mann. Die Firma Valtech Cardio, die das Cardioband entwickelt hat, wurde 2017 für über 300 Millionen Dollar von Edwards Lifesciences übernommen.
Pikant dabei: Francesco Maisano war bei der Verwendung des Cardiobands nicht nur klinisch involviert, sondern soll auch finanziell vom Erfolg und der Vermarktung der Technologie profitiert haben. Bei einem Verkaufspreis von über 300 Millionen dürfte ihn das zum Multimillionär gemacht haben.
Ein Problem darin sieht der Starchirurg nicht. Gemäss «Medinside» sagte Maisano zur USZ-Task-Force: «Das Profil als international anerkannter Innovator und Pionier macht enge Industriekooperationen zwingend erforderlich. Diese waren dem USZ bekannt und haben dessen internationale Sichtbarkeit massgeblich gestärkt.»
Heute ist klar: Maisanos Wunderband hat dem USZ tatsächlich Sichtbarkeit beschert. Dies jedoch in der denkbar schlechtesten Weise, denn die Affäre ist einer der grössten Medizinskandale der Schweizer Geschichte. Verständlich, dass das Cardioband an Maisanos neuer Wirkungsstätte deshalb bis jetzt nicht zum Einsatz gekommen ist, wie das Spital San Raffaele gegenüber 20min.ch erklärte.