Das Leben ist nicht schwarz-weiss. Komplexe Gesundheitsskandale schon gar nicht. Als 2020 der «Tages-Anzeiger» die Vorwürfe gegen Francesco Maisano (60), den Direktor der Zürcher Herzklinik, publik machte, ergoss sich ein Kübel Feindseligkeiten über den damaligen Tippgeber André Plass (53). Viel Kritik ist verbreitet worden, auch in diesem Medium, wovon einiges im Nachhinein vermessen wirkt. Allseits wurde wild spekuliert, von der Anzahl mutmasslicher Opfer – jetzt sind es laut Gutachten um die 70 Todesfälle – bis zur völlig überzeichneten Rolle einer PR-Agentur, die zeitweise Maisano vertrat.
Die Resultate der externen Untersuchung, die diese Woche vorgestellt wurden, bestätigen André Plass in den wesentlichen Punkten. Die Genugtuung ist dem Arzt zu gönnen, der für die SVP im Schwyzer Kantonsparlament sitzt. Beschwingt lässt er die Öffentlichkeit an seinem Höhenflug teilhaben. «Der Bericht bestätigt meine Meldungen», frohlockte er gegenüber CH Media. «Mein Ruf ist mit voller Absicht vernichtet worden», sagt er in den Tamedia-Zeitungen. «Endlich wird jetzt mal gesagt, dass es zutrifft, dass Patientinnen und Patienten zu Schaden gekommen sind.» Und auf «Inside Paradeplatz» folgt die heroische Offenbarung: «Ich bin der Whistleblower».
Eingriffe fanden zwischen 2015 und 2019 statt
Die externen Prüfer um Niklaus Oberholzer (72) haben als Resultat ihrer Untersuchung 24 Fälle der Zürcher Staatsanwaltschaft weitergeleitet. 13 betreffen den «unangemessenen Einsatz» des hoch umstrittenen Cardiobands, Maisanos fataler Erfindung, mit der er Millionen machte. In den anderen 11 Fällen geht es um Operationen mit «nicht erwartbarer» Todesfolge.
Das heisst: Sämtliche Ärzte, die an den OP-Tischen standen, könnten in nächster Zeit Post von den Strafverfolgern erhalten. Gut möglich, dass auch Plass selber dabei ist. Denn wie Recherchen ergeben, taucht sein Name bei vier der elf gemeldeten Eingriffe mit Todesfolge als Operateur auf. Bei den vier Fällen, die sich zwischen 2015 und 2019 ereigneten, werden ausserdem weitere Chirurgen genannt. Die Daten befinden sich bei der Staatsanwaltschaft.
«Ich hatte bereits nach der Pressekonferenz geahnt, dass erneut versucht werden würde, meinen Namen mit der Problematik der schlechten Qualität in Verbindung zu bringen», erwidert Plass auf Anfrage. Er kenne die Fälle nicht, sagt er, und betont, dass er in 15 Jahren 2500 Patienten operiert habe. Und: «Trotz immer wieder hervorgebrachter Kritik haben mich zwei Gutachten vollumfänglich entlastet.»
Plass hat «nichts zu verbergen»
Entscheidend ist nun Plass’ Rolle am OP-Tisch: Als Hauptoperateur trüge er die Mitverantwortung für Verlauf und Resultat des Eingriffs, als assistierender Arzt hingegen nicht. Die oberste Verantwortung trägt in jedem Fall der Klinikdirektor. «Welche konkrete Rolle ich bei den nun gemeldeten Fällen überhaupt eingenommen haben soll, ist zum jetzigen Zeitpunkt vollkommen unklar» so Plass. Er habe jedoch «nichts zu verbergen» und stehe «jederzeit gerne Rede und Antwort».
Laut Auskunft der Staatsanwaltschaft sind bisher drei Strafanzeigen wegen Verdachts auf fahrlässige Tötung, fahrlässige (schwere) Körperverletzung sowie Urkundenfälschung eingegangen. Zur Anzahl Ärzte, die kontaktiert werden, sagt der Mediensprecher: «Aktuell werden diese Anzeigen, die sich gegen Unbekannt richten, sowie die Meldungen durch die Staatsanwaltschaft geprüft. Zu einer solchen Prüfung gehört gemäss den strafprozessualen Vorgaben u.a. auch die Frage, gegen wen sich ein konkreter Verdacht richtet.» Für alle Protagonisten gilt die Unschuldsvermutung.