Darum gehts
- Untersuchung enthüllt Missstände in USZ-Herzchirurgie zwischen 2014 und 2020
- Chef Francesco Maisano verdiente Millionen durch fragwürdige Implantat-Deals
- 43 Patienten in Zürich erhielten problematisches Cardioband-Implantat
70 vermeidbare Todesfälle, ein eigenmächtiger, auf Eigeninteressen bedachter Chef, die Verwendung untauglicher Implantate sowie ein nicht harmonierendes Team: Was sich in der Herzchirurgie am Universitätsspital Zürich (USZ) zwischen 2014 und 2020 abspielte, erschreckt die Öffentlichkeit.
Eine externe Untersuchung hat nun die Missstände benannt, die schon vor Jahren durch einen Whistleblower publik und bereits von politischer Aufsicht und einer Anwaltskanzlei analysiert wurden. Personelle Veränderungen und strukturelle Anpassungen waren die Folge, einzelne Fälle gelangten zur Staatsanwaltschaft, und die neue USZ-Führung veranlasste vor zwei Jahren die unabhängige Administrativuntersuchung.
Zahlreiche Verstrickungen
Im Epizentrum des Erdbebens, das nun verzögert das ganze Land erschüttert, steht Francesco Maisano (60), der damalige Direktor der Klinik für Herzchirurgie. Der Italiener, der 2014 aus Mailand (I) geholt wurde und seit fünf Jahren wieder dort tätig ist, propagierte Innovation. Wie sich immer mehr zeigt, aus viel Eigeninteresse. Maisano war an zehn Medizinfirmen mit Aktien und Optionen beteiligt. Für das israelische Unternehmen Valtech etwa entwickelte er das sogenannte Cardioband, um undichte Herzklappen zu reparieren.
Doch das Implantat, das ohne grosse Operation minimalinvasiv eingesetzt werden kann, verursachte immer wieder Komplikationen, weil die Cardioband-Schrauben nicht hielten. Das verschwiegen Valtech und Maisano, sie priesen die Erfindung an und konnten sie 2016 an die amerikanische Edwards Lifesciences verkaufen. Umgerechnet 270 Millionen Franken bezahlte die US-Firma, die zweite Tranche in ähnlicher Höhe überwies Edwards nicht mehr, nachdem sie von den Problemen mit dem Cardioband erfahren hatte.
Trotz der Schwierigkeiten: In Zürich erhielten 43 Patientinnen und Patienten das Implantat. Was oft unangebracht gewesen sei, wie der Untersuchungsbericht festhält.
Tolerierte Tätigkeit
Maisano war jedes Jahr 80 Tage in eigener Sache unterwegs. Die Universität Zürich, wo er eine Professur innehielt, und das USZ liessen den Herzchirurgen offensichtlich gewähren. Nicht nur das Cardioband, auch ein anderes Produkt lag Maisano am Herzen: Er trug zur Entwicklung der Cardiovalves bei, so benannte Valtech eine neuartige Herzklappe. Die Lizenz dafür wurde 2024 für umgerechnet 230 Millionen Franken an den chinesischen Konzern Venus Medtech veräussert. Kurz bevor das USZ Maisano verabschiedete.
Das Spital – namentlich der damalige CEO Gregor Zünd – rühmte sich verschiedentlich seiner innovativen Forschungstätigkeit. Dabei zählte Maisanos Cardioband zu den Beispielen.
Ungeklärte Geldflüsse
Als Miteigentümer der Valtech-Tochter, die das Cardioband in die USA verkaufte, winkte Maisano ein satter Millionenbetrag. Weit höher als sein Zürcher Jahreslohn von rund 1,2 Millionen Franken. Dabei stellt sich die Frage, wer und ob andere mit Maisano mitverdienten. Als Angestellter vom USZ und der Universität konnte er während der Arbeitszeit forschen, reisen, an Kongressen auftreten und als Berater wirken – Maisano hatte für 13 Firmen eine Konsulententätigkeit. Anfragen von Blick liess er unbeantwortet.
In der Wissenschaft ist es üblich, dass Institutionen beteiligt werden, wenn die mit ihrer Infrastruktur und ihren Kapazitäten erfundenen und erforschten Produkte Geld einbringen. Mindestens zehn Prozent sind laut Fachleuten gängig. Die Universität und das USZ könnten also aus dem Verkauf von Cardioband und Cardiovalves 50 Millionen Franken eingenommen haben.
Keine Beteiligung
Das geschah aber nicht. USZ-Sprecherin Regina Gerdes sagt: «Im Zusammenhang mit der Vermarktung der genannten Produkte ist festzuhalten, dass dem USZ keine Erlöse aus entsprechenden Transaktionen zugeflossen sind.» Die Rechte und Einnahmen aus Entwicklungen der klinischen Forschung würden über die gemeinsame Organisation für Technologietransfer von der Universität und dem USZ abgewickelt. Es gelte zu berücksichtigen, dass etwa das Cardioband nicht ursprünglich in Zürich entstanden sei. Das Implantat sei erstmals bereits 2013 in Mailand angewandt worden – als Maisano noch dort tätig war.
Wenn die Universität Zürich und das USZ bei den lukrativen Verkäufen von Cardioband und Cardiovalves leer ausgingen, aber Maisanos Nebenbeschäftigungen und Abwesenheiten tolerierten und ihn fürstlich entlöhnten, stellt sich die Frage, warum sie bei den Veräusserungen nicht involviert waren. Ob Maisano sie eigenmächtig aussen vor hielt, ob dieser mit Vertrauten sein eigenes Geschäft abwickelte oder ob sich die Universität und das USZ unbedarft Millionen entgehen liessen.