Editorial über Maisanos Diskriminierungsvorwürfe gegen die Schweiz
Ein Arzt schwingt die Keule

Der italienische Herzchirurg Francesco Maisano stilisiert sich zum Opfer von Schweizer Fremdenfeindlichkeit. Was soll das?
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«J'accuse!»: Mediziner Maisano.
Foto: Valeriano Di Domenico
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Reza RafiChefredaktor SonntagsBlick

Francesco Maisano muss untendurch. Eine Untersuchung stellt dem ehemaligen Direktor der Zürcher Herzklinik für seine Jahre zwischen 2016 und 2020 ein miserables Zeugnis aus: mangelhafte Qualität, falsche Anreize am OP-Tisch und eine überdurchschnittliche Todesrate. Welche Schmach muss das sein für einen Arzt, erst noch für einen Herzchirurgen, einer Weisskittel-Spezies mit raumfüllendem Ego.

Jetzt wehrt sich Maisano – und greift zu einem altbewährten Mittel. «Ich war ein italienischer Mediziner in einem Deutschschweizer Umfeld, das einen italienischen Chefarzt nie akzeptiert hatte», sagt er einer Römer Zeitung und berichtet von «kulturellem Widerstand», auf den er in Zürich gestossen sei.

Maisano, das Diskriminierungsopfer? Was immer man von dem geschmeidigen Mediziner und den komplexen Vorwürfen seiner Kritiker hält – diese Keule scheint in dem Fall allzu weit hergeholt. Kaum ein Berufsfeld ist internationaler geprägt als die Medizin, und Ressentiments gegenüber den «Tschinggen» gehören eher in die Tage von Kurt Frühs «Bäckerei Zürrer». Heute führt mit Zurich-CEO Mario Greco ein Italiener einen Schweizer Vorzeigekonzern, und mit Sergio Ermotti wird die UBS von einem Banker aus der italienischsprachigen Südschweiz gesteuert. Einheimische Animositäten richten sich heute, wenn überhaupt, gegen junge, männliche Asylmigranten oder gegen Expats, die den Immo-Markt anheizen und die Schweiz als kurzzeitigen Coworking-Space betrachten. 

Maisanos «J'accuse!» erinnert an einen anderen prominenten Fall: Tidjane Thiam hinterliess als hoch dotierter CEO der Credit Suisse 2020 einen Scherbenhaufen. Dennoch quittierte der Ivorer jegliche Kritik mit Rassismus-Vorwürfen.

Ist die Schweiz frei von Fremdenfeindlichkeit? Genauso wenig wie andere Länder. Aber wenn Alphatiere ihr mutmassliches Versagen mit Diskriminierungsbeschuldigungen abtun wollen, erweisen sie nicht nur ihrem Gastland einen Bärendienst, sondern auch jenen, die im Alltag tatsächlich ausgegrenzt werden. Es wirkt lachhaft, wenn sich Professor Maisano zu dieser Opfergruppe gesellt.

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