Darum gehts
Patrick Fischer (50) wollte an die Olympischen Winterspiele 2022 – koste es, was es wolle. Am Ende bezahlte er mit allem. Der Trainer der Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft besorgte sich 2021 ein falsches Covid-Zertifikat, um nach Peking reisen zu können. Nun hat er seinen Job verloren.
Fischer gehörte in der Pandemie zu jenen, die sich nicht impfen lassen wollten. Die Folgen dieser Entscheidung wollte er aber nicht tragen. Damit war er nicht allein. Das Fälschen von Covid-Zertifikaten sei beinahe ein Volkssport gewesen, sagte ein Berner Staatsanwalt Ende 2023 gegenüber den Tamedia-Zeitungen. «Die Zertifikate wurden am Laufmeter gefälscht.»
Woher aber kamen die falschen Zertifikate? Und warum kamen so viele Käufer damit durch?
11'000 Personen konnten Zertifikate ausstellen
In der Hochphase der Pandemie konnten über das System des Bundes nicht nur Impfzentren, sondern auch Testzentren Zertifikate ausstellen. Insgesamt hatten mehr als 11’000 Personen Zugang zum Portal. Wer in den Zentren welche Zertifikate ausstellte, war zumindest zeitweise nachträglich nicht nachvollziehbar. Die Betrüger nutzten die dienstlichen Accounts für ihr Geschäft. So wurden keine Fälschungen im klassischen Sinn produziert, sondern echte Zertifikate mit falschem Inhalt. Bescheinigt wurde eine Impfung, die nie stattgefunden hatte.
Für Ermittler war das ein doppeltes Problem. Erstens liessen sich diese Zertifikate kaum von legal ausgestellten unterscheiden. Zweitens speicherte das Ausstellsystem aus Datenschutzgründen keine Personendaten der Zertifikatsinhaber, sondern nur eine Nummer. Viele Käufer tauchten deshalb erst auf, wenn Fälscher oder Vermittler aufflogen und deren Handys ausgewertet wurden.
Wie gross die Lücke war, zeigt St. Gallen: Im Januar 2022 wurden dort zehn Personen festgenommen, die mit über 9000 illegal hergestellten Zertifikaten in Verbindung gebracht wurden. Der Grossteil der Käufer dürfte dagegen ungeschoren davongekommen sein. Auf Anfrage teilt die St. Galler Staatsanwaltschaft mit, dass es in diesem Zusammenhang in vier Jahren nur zu 130 rechtskräftigen Verurteilungen gekommen ist. Laut einer Sprecherin sei es bei einem Grossteil der 9000 falschen Zertifikate nicht gelungen, zu ermitteln, für wen diese ausgestellt worden seien.
Wie viele falsche Impfzertifikate in der Covid-Pandemie tatsächlich ausgestellt wurden, ist unklar. Weder das Bundesamt für Gesundheit (BAG) noch das Bundesamt für Informatik (BIT) verfügen über Daten dazu, heisst es auf Anfrage. Die meisten angefragten Staatsanwaltschaften geben an, keine Statistik dazu zu führen. In Schaffhausen wurden 569 gefälschte Impfzertifikate für 455 verschiedene Personen registriert, bei der Zürcher Staatsanwaltschaft ist die Rede von «Hunderten Verfahren». Auch in anderen Kantonen wurden einzelne Fälle mit mehreren Hundert falschen Zertifikaten aufgedeckt. Die Dunkelziffer dürfte zudem gross sein.
Fälscher verdienten viel Geld mit Zertifikaten
Klar ist: Für die Fälscher waren die Covid-Zertifikate ein verlockendes Geschäft. Die falschen Papiere wurden oft in Chats auf Telegram angeboten und für 300 bis 800 Franken ausgestellt, je nachdem wie viele Zwischenhändler involviert waren. Allein der Fälscherring im Kanton St. Gallen dürfte laut Staatsanwaltschaft mit den illegalen Zertifikaten mehrere Millionen Franken umgesetzt haben.
Patrick Fischer zahlte 400 Franken in Bitcoin für sein Zertifikat. 2023 wurde er dafür per Strafbefehl wegen Urkundenfälschung zu einer unbedingten Geldstrafe von 38'910 Franken verurteilt. Jetzt folgte der höchste Preis: die vorzeitige Trennung – einen Monat vor der Heim-WM.