Darum gehts
- Demografieforscher Hendrik Budliger bezweifelt, dass die 10-Millionen-Grenze je erreicht wird
- Er erwartet einen deutlichen Rückgang der Zuwanderung
- Die tiefe Geburtenrate müsse rasch angegangen werden, fordert Budliger
Das Rennen um die 10-Millionen-Initiative der SVP wird eng. Am 14. Juni entscheidet das Stimmvolk, ob es eine Bevölkerungsbegrenzung will oder nicht. Offen ist, ob sich die 10-Millionen-Frage je stellen wird. Demografie-Forscher Hendrik Budliger (51) befürchtet vielmehr, dass das Wachstum schon vorher abflacht. Im Blick-Interview erklärt er, warum der Schweiz langfristig gar ein Bevölkerungsrückgang droht.
Blick: Herr Budliger, die SVP fordert einen Bevölkerungsdeckel. Ist Ihnen in Ihrer Forschung schon mal eine solche Regelung begegnet?
Hendrik Budliger: Nein, mir ist derzeit kein anderes Land bekannt, das einen solchen Deckel kennt. Das wäre wohl eine weltweite Premiere.
Die Schweiz wächst im Schnitt um gut 80'000 Personen pro Jahr. Ist dieses Tempo noch verträglich?
Die Frage ist doch, was die Schweiz braucht. Wir haben eine sehr produktive Zuwanderung mit hauptsächlich Menschen im erwerbstätigen Alter. Wer seine Familie mitbringen will, muss hier eine Stelle haben oder genügend Vermögen mitbringen. Die Regulierung der Zuwanderung ist an die Wirtschaft delegiert. Läuft sie gut, werden mehr Arbeitskräfte aus dem Ausland nachgefragt, flaut sie ab, kommen weniger.
Die SVP nennt die Zahl von 40'000 Personen, die reichen soll.
Das wird nicht reichen, um die Zahl der Erwerbstätigen konstant zu halten. Schon jetzt gehen jedes Jahr mehr Menschen in Rente, als auf dem Arbeitsmarkt nachrücken. Würden wir nur auf Einheimische setzen, würde der Arbeitsmarkt seit Jahren schrumpfen. Mit der bevorstehenden Pensionierungswelle akzentuiert sich die Problematik. Wenn wir als Wirtschaftsraum wachsen und als Unternehmensstandort attraktiv bleiben wollen, braucht es eine relativ hohe Zuwanderung.
Die Zugewanderten brauchen aber auch wieder Leute, die sie versorgen oder pflegen. Das führt zu einer endlosen Spirale.
Ich bin gelernter Wirtschaftswissenschaftler und habe Freude, wenn etwas wächst. Für die Wirtschaft als auch die Gesellschaft ist das Gegenteil unbequem – wenn sie nämlich schrumpft. Ist es besser, wenn man allein in einem ÖV-Abteil sitzt, ein schlecht ausgelasteter Zug aber trotzdem über unsere Steuergelder finanziert werden muss? Und ist es wirklich so toll, wenn man doppelt so lange auf einen Arzttermin warten muss? Wollen wir wirklich, dass sich Firmen einen anderen Standort suchen, wo kein Fachkräftemangel herrscht? Man kann sich schon Ziele wie einen 10-Millionen-Deckel setzen, darf dabei aber die negativen Auswirkungen nicht ausblenden.
Hendrik Budliger ist Leiter von Demografik, einem Kompetenzzentrum für Demografie. Er studierte Wirtschafts-, Rechts- und Sozialwissenschaften an der Universität St. Gallen sowie Innovationsmanagement an der FH Kaleidos in Zürich und ist diplomierter Finanzberater.
Aktuell beschäftigt er sich intensiv mit Fragen zur 10-Millionen-Schweiz und beleuchtet in verschiedenen Webinaren, wie sich Bevölkerungsentwicklung, Altersstruktur und Zuwanderung auf zentrale gesellschaftliche und wirtschaftliche Bereiche in der Schweiz auswirken.
Hendrik Budliger ist Leiter von Demografik, einem Kompetenzzentrum für Demografie. Er studierte Wirtschafts-, Rechts- und Sozialwissenschaften an der Universität St. Gallen sowie Innovationsmanagement an der FH Kaleidos in Zürich und ist diplomierter Finanzberater.
Aktuell beschäftigt er sich intensiv mit Fragen zur 10-Millionen-Schweiz und beleuchtet in verschiedenen Webinaren, wie sich Bevölkerungsentwicklung, Altersstruktur und Zuwanderung auf zentrale gesellschaftliche und wirtschaftliche Bereiche in der Schweiz auswirken.
Es gibt viele ältere Personen, die keinen Job mehr finden, Teilzeitler, die ihr Pensum aufstocken möchten, oder Geflüchtete, die integriert werden müssten. Das ist inländisches Potenzial, das nicht genutzt wird.
Das müssen wir unbedingt angehen! Wir müssen die Leute länger arbeitsmarktfähig halten – und das Rentenalter erhöhen. Die meisten Leute sind mit 65 Jahren noch fit. Aber selbst wenn wir das inländische Potenzial stärker ausschöpfen, wird es nicht ohne Zuwanderung gehen.
Warum nicht?
Die geburtenstärksten Jahrgänge gehen in den nächsten Jahren in Rente. Die Babyboomer haben einen tollen Job gemacht und unser Land weiter aufgebaut, aber einer wichtigen Verpflichtung sind sie nicht nachgekommen.
Nämlich?
Die Babyboomer hatten zu wenig Kinder. Mit ihnen hat der Sinkflug der Geburtenrate begonnen. Dadurch sind wir überhaupt in der jetzigen Misere mit einer unausgeglichenen Altersstruktur geraten. Hätten sie mehr Kinder gehabt, hätte es weniger Zuwanderung gebraucht.
Für die historisch tiefste Geburtenrate mit aktuell 1,28 Kindern pro Frau ist aber die jetzige Generation verantwortlich. Kommt es also noch schlimmer?
Ich will die Generationen keineswegs gegeneinander ausspielen, aber der Ausgangspunkt liegt bei den Babyboomern. Die Kombination aus Überalterung und tiefer Geburtenrate macht mir Sorgen. Das Thema ist zentral: Wir brauchen wieder mehr Geburten, sonst sterben wir aus! Langfristig geht es um das Überleben unserer Gesellschaft. Deshalb gehört dieser Punkt zuoberst auf die politische Agenda. Der Staat sollte in seinem ureigenen Interesse in Kinder und Familien investieren – damit er überlebt. Begrenzen wir nun aber die Zuwanderung, akzentuiert sich das Problem.
Oder es löst sich von selbst, wenn unzählige Jobs durch künstliche Intelligenz ersetzt werden. Dann klappt es doch auch mit weniger Zuwanderung.
Meines Erachtens wird der KI-Einsatz einen zweistufigen Effekt haben. Zuerst fallen durch KI, Automation und Robotik Jobs weg, dann werden durch neue Geschäftsmodelle neue Jobs geschaffen. Wie sich das in Zukunft auswirkt, ist noch unklar – da herrscht ein diffuses Bild. Die Wirtschaft ist aber bereits anderweitig im Umbruch.
Inwiefern?
Die Wirtschaft stagniert angesichts der geopolitischen Unsicherheiten. Die Firmen halten sich mit Investitionen zurück, und die Arbeitslosigkeit steigt. Viele Ausländer kehren in ihre Ursprungsländer zurück, wenn sie ihren Job verlieren. Gleichzeitig stehen viele europäische Länder vor den gleichen oder noch grösseren demografischen Herausforderungen wie die Schweiz.
Nämlich?
In Europa schrumpft die erwerbstätige Bevölkerung seit 13 Jahren, weshalb die Staaten alles tun werden, ihre Arbeitskräfte im eigenen Land zu halten. Wir stehen in einem Konkurrenzkampf um Fachkräfte. Daher ist fraglich, ob die Zuwanderung in die Schweiz so hoch bleibt wie in den letzten Jahren. Ich rechne eher mit einem deutlichen Rückgang.
Die Schweiz ist attraktiv genug, dass man hier arbeiten will.
Die Schweiz gehört zwar zu den attraktivsten Ländern der Welt, ihr Vorsprung hat aber abgenommen. Man verdient hier mehr, gleichzeitig ist alles viel teurer. Dazu kommt, dass andernorts etwa die Kosten für die externe Kinderbetreuung stärker vom Staat übernommen werden. Und wer sich ein Eigenheim wünscht, hat es in der Schweiz sehr schwer. Wenn wir die Zuwanderung nun selbstverschuldet abwürgen, verschärft sich die Problematik.
Der Bund rechnet in seinem Referenzszenario damit, dass die 10-Millionen-Hürde 2041 gerissen wird.
Die Geburtenrate liegt bereits tiefer, als in diesem Szenario gerechnet. Die Nettozuwanderung liegt aktuell noch darüber. Nur weil wir in der Vergangenheit eine relativ hohe Zuwanderung hatten, heisst nicht, dass das immer so bleibt. Die Zuwanderung ist unsicher. Ich persönlich gehe davon aus, dass das tiefe Szenario realistischer ist und wir die 10-Millionen-Grenze gar nie erreichen werden.
Im tiefen Szenario kommt die Schweiz nie über 9,4 Millionen Menschen hinaus. Streiten wir uns mit der SVP-Initiative also um eine Frage, die sich nie stellen wird?
Die Realität kann auch plötzlich wieder anders aussehen, wenn sich die Parameter unerwartet ändern. Deshalb ist es wichtig, dass man in verschiedenen Szenarien denkt und plant. Unabhängig davon halte ich ein Ja zur Initiative für gefährlich.
Weshalb das denn?
Gehen wir von einer Begrenzung auf 40'000 Zugewanderte pro Jahr aus – wer würde dann entscheiden, wer kommen darf und wer nicht? Nur Arbeitskräfte ohne ihre Familien? Würde man den hoch spezialisierten Expat der Pflegefachkraft vorziehen oder umgekehrt? Und welche Regionen oder welche Branchen würden diese Arbeitskräfte erhalten? Das sind viele schwierige – auch ethische – Entscheidungen, die in einen innerschweizerischen Verteilkampf münden würden. Nicht zu reden von der enormen Bürokratie, die damit verbunden wäre.