Darum gehts
- Bund plant Studie zum Wühlverhalten von Hausschweinen in Schweizer Ställen
- Möglicherweise entstehen daraus neue Vorschriften für Schweinehalterinnen und Schweinehalter
- Verband Suisseporcs kritisiert fehlende Einbindung und warnt vor höheren Produktionskosten
Säuli wühlen fürs Leben gern. Die Erde umgraben und mit dem Rüssel den Boden erkunden – das liegt fest in ihrer Natur. Doch der tierische Trieb wird jetzt zum Politikum: Können Hausschweine in Schweizer Ställen genug wühlen? Oder bekommen sie dafür heute zu wenig geboten?
Die Antworten auf diese Fragen könnten für Schweinehalter teuer werden. Blick weiss: Der Bund will da genauer hinschauen. Er lässt eine Studie zum Wühlverhalten von Hausschweinen durchführen. Die Erkenntnisse sollen zeigen, ob die heutigen Vorschriften zur Beschäftigung der Säuli angepasst werden müssen. Droht der «Meh Dräck»-Befehl aus Bern?
Dahinter steht das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen im Departement von SP-Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider (62). Antworten liefern sollen Wissenschaftler der bundeseigenen Anstalt Agroscope und des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (Fibl).
Was wollen die Tiere wirklich?
Ohne Beschäftigung geht es schon heute nicht. Schweinehalter müssen ihren Tieren jederzeit geeignetes Material dafür anbieten, auch in Ställen mit Teilspaltenböden ohne Einstreu. Die Vorgaben: Es muss kaubar, benagbar, fressbar und ungiftig sein. Erlaubt sind etwa Würfel aus Stroh oder Heu. Ebenso ist Weichholz unter bestimmten Bedingungen zulässig.
In freier Wildbahn verbringen Schweine Stunden damit, Futter zu suchen und ihre Umgebung zu erkunden. Auch Hausschweine zeigen laut Bund das «ausgeprägte Wühlverhalten» ihrer Vorfahren. Schon früher hielten Fibl-Forscher fest: Hätten die Tiere keine Möglichkeiten zum Wühlen, könne es zu Verhaltensstörungen wie Schwanzbeissen kommen.
Gemäss den Experten sind Strohwürfel aus Spendern zwar zur Beschäftigung, aber eigentlich nicht zum Wühlen geeignet. Besser seien erdähnliche Materialien wie Kompost oder Erde. Oder um es mit den berühmten Worten von Rocker Chris von Rohr (74) zu sagen: Es braucht «meh Dräck»!
Für die Säulihalter bedeuten solche Wühlmöglichkeiten mehr Aufwand. Entsprechende Zonen im Auslauf müssen eingerichtet, gepflegt und sauber gehalten werden.
Branche fühlt sich übergangen
Das Bundesamt bestätigt gegenüber Blick, dass die Ergebnisse für die Gesetzgebung relevant werden könnten. Ein Vorentscheid sei aber keinesfalls gefallen. «Ob eine Anpassung notwendig sein wird und wie diese allenfalls ausgestaltet werden könnte, kann erst nach Abschluss und Auswertung des Forschungsprojekts beurteilt werden», sagt eine Sprecherin.
In der Branche sorgt die Studie dennoch bereits für Unverständnis. Bei Suisseporcs, dem Verband der Schweinehalterinnen und Schweinehalter, herrscht Irritation über das Vorgehen Berns. Zumal man erst auf Blick-Anfrage davon erfahren hat. «Gemäss unseren Erkenntnissen wurde die Studie weder mit der Branche abgesprochen, noch wurde diese darüber informiert», sagt der stellvertretende Geschäftsführer Adrian Schütz.
Der Marktspezialist betont: Um das Tierwohl zu verbessern, sei die Branche grundsätzlich an neuen Erkenntnissen interessiert. Allerdings dürfe man das Verhalten von Wildschweinen nicht einfach zum Massstab für Hausschweine machen.
Zusätzliche Wühlmöglichkeiten für Schweine gebe es nicht zum Nulltarif. Sie bräuchten mehr Platz und Material, bedeuteten zusätzliche Arbeit und verursachten Baukosten. Ebenso müsse die Hygiene gewährleistet bleiben. «Mehraufwände müssten logischerweise entschädigt sein», sagt Schütz.
Wird heimische Produktion geschwächt?
Neue Vorschriften hält Suisseporcs nicht für den einzigen Weg. Schon heute gehe ein grosser Teil der Schweizer Schweinehaltung über die gesetzlichen Mindestanforderungen hinaus: Mehr als die Hälfte der Tiere habe zusätzlichen Auslauf ins Freie, mehr als zwei Drittel eine eingestreute Liegefläche und mehr Platz.
Gleichzeitig gibt Adrian Schütz zu bedenken: «Weniger als 30 Prozent der Einkäufe entfallen auf Schweinefleisch mit zusätzlichem Tierwohl.» Er sieht deshalb auch Konsumenten und Abnehmer in der Verantwortung. «Die Nachfrage kann die Tierhaltung ebenfalls steuern.»
Zudem warnt Schütz davor, die heimische Fleischproduktion mit immer höheren Anforderungen zu schwächen. Die Schweiz kenne bereits strengere Tierwohlvorschriften als die EU, sagt er. «Was passiert, wenn Schweizer Schweinefleisch dadurch teurer wird? Es landet letztlich mehr ausländisches Fleisch aus Haltungen mit tieferen Tierwohlstandards auf unseren Tellern.»
Ganz so schnell dürfte es aber nicht gehen, bis sich etwas ändert. Sieht das Departement von Baume-Schneider Handlungsbedarf, müssten neue Regeln zuerst den politischen Prozess durchlaufen.