Schweizer Bauern sind in der Überproduktions-Falle
Milchschwemme, Preissturz, Notexporte

Schweizer Bauern produzieren immer mehr, verdienen aber weniger. Insbesondere bei Milch und Schweinefleisch wird zu viel produziert – auch Preissenkungen helfen nicht. Droht ein Notstand in der Landwirtschaft?
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Die Schweiz hat zu viel Milch – trotz versuchter Massnahmen.
Foto: keystone-sda.ch

Darum gehts

  • Schweiz kämpft mit Überproduktion bei Milch, Schweinefleisch und anderen Agrarprodukten
  • Milchbauern liefern trotz Preissenkungen über 105 Prozent der Vorjahresmenge
  • Suisseporcs-Zielmarke von 45’000 Schweinen pro Woche wird seit Jahren überschritten
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Joschka SchaffnerRedaktor Politik

Auf dem Lande nichts Neues: Zu Beginn des Jahres türmen sich die Milchberge wieder in schwindelerregende Höhen. «Trotz Marktmassnahmen» wie Preissenkungen oder Aufrufen zur Vernunft sei die Produktion in den vergangenen Wochen nicht gesunken, teilte die Branchenorganisation Milch kürzlich mit.

Die Milchbauern sind jedoch nicht die einzigen, die sich zur masslosen Überproduktion verleiten lassen. Auch beim Schweinefleisch müssen die Branchenverbände immer wieder den Krisengipfel ausrufen. Gleichzeitig leiden die Schweizer Bauern bei Kartoffeln und Wein unter überquellenden Lagern. Wirtschaftet sich die Landwirtschaft in den Notstand?

Fehlanreize ohne Ende

2009 hob der Bund die Milchkontingentierung auf. Seither sind die Milchproduzenten dem freien Markt ausgesetzt. Das Resultat: Die Milchmenge stieg in den ersten Jahren rasant an. Was als Lenkungsmassnahme gedacht war, beisst sich mittlerweile in den eigenen Schwanz. Kleinbauern werden verdrängt, grosse Landwirtschaftsbetriebe bauen ihre Kapazitäten stetig aus, um die Kosten abzufedern.

Ändern wird sich das so rasch nicht – das System steckt in einer Krise. «Milchproduzenten sind auf freiwilliger Basis nicht in der Lage, ihre Milchproduktion gemeinsam einzuschränken. Es gibt immer kurzfristige Anreize, mehr zu produzieren», sagt Ökonom Mathias Binswanger (60), Professor an der Fachhochschule Nordwestschweiz.

Die Schweiz ist damit nicht allein: In der EU, die die Milchquoten erst 2015 abschaffte, forderten die Milchproduzenten kurz nach Neujahr die Aktivierung eines Programms zur Milchmengensteuerung. Produzenten, die weniger abliefern, sollen dabei Bonuszahlungen erhalten.

Muss die Schweiz die Milchmenge wieder regulieren?

«Kurzfristig muss man wohl auch in der Schweiz wieder gewisse Systeme von Mengenregulierung einführen», sagt Binswanger. Die hiesige Branchenorganisation empfiehlt den Milchverarbeitern aufgrund der aktuellen Milchschwemme eine sanfte Variante: Würden die Bauern mehr als 105 Prozent der monatlichen Vorjahresmenge abliefern, solle der Überschuss deutlich tiefer vergütet werden.

Für ein verbindliches System fehlt jedoch der Rückhalt. Sowohl in der EU als auch in der Schweiz will die Politik bisher wenig von übergreifenden Massnahmen wissen – der freie Markt geht vor. Zudem weisen die Milchproduzenten immer wieder auf eine steigende Nachfrage hin; langfristig sei also so oder so eine höhere Milchmenge nötig.

Wie bei der Milch ist es auch beim Schweinefleisch: Der Preisdruck war in den vergangenen Jahren gross, die Ställe waren übervoll. Die vom Branchenverband Suisseporcs definierte Zielmarke von 45’000 Schlachtungen pro Woche übertreffen die Produzenten seit Jahren regelmässig, der Selbstversorgungsgrad liegt nur unweit unter 100 Prozent. Zeitweise musste die Branche gar zu Notexporten greifen.

Schweinebranche will lieber besseren Grenzschutz

«Schweinefleisch ist natürlich der Klassiker dieses Phänomens», sagt Binswanger. Gute Marktbedingungen sorgen für Investitionen und anschliessend lange für einen Überschuss und Preiszerfall. Vorausschauend zu handeln, sei in der Branche nicht vorgesehen. «Es geht immer darum, möglichst viel aus der aktuellen Situation herauszuholen.»

Auf Blick-Anfrage gelobt Suisseporcs-Präsident Andreas Bernhard Besserung. Das Überangebot abzubauen, passiere jedoch aufgrund der nötigen Aufzucht der Tiere bis zur Schlachtung nur «sehr träge».

Und längerfristig? Da solle die Politik nicht etwa die Überproduktion angehen, sondern sich für den Grenzschutz einsetzen, so Bernhard. «Es ist festzustellen, dass mit den neuen Freihandelsabkommen der Zutritt für billiges Importfleisch erleichtert wird.» Besonders die gestiegene Lust nach billigem Geflügelfleisch bringt die Schweizer Schweinebauern in Bedrängnis.

Tierbauern arbeiten am Existenzminimum

«Es ist die desolate Situation in der Landwirtschaft, dass der Preis besonders auch durch die Marktmacht des Handels gedrückt wird», sagt Binswanger. Wie die Lohnerhebungen des Agrarforschungsinstitut Agroscope zeigen, liegt das Einkommen auf den Betrieben gefährlich tief.

In der nationalen Agrarpolitik wird daher weiter auf eine Förderung der Produktion gepocht. «Es ist widersprüchlich», sagt Binswanger. «Auf der einen Seite will man immer produktiver werden, auf der anderen Seite möglichst ökologisch produzieren. Das geht nicht auf.»

Staatliche Eingriffe wären denkbar

Durch die Flucht nach oben habe sich besonders die Schweizer Milchindustrie bereits weit davon entfernt, was sie eigentlich ausmachte: Das sonst brachliegende Schweizer Grasland verwerten – besonders in den Bergregionen. «Genau das wird hier torpediert. Wir produzieren sinnlos viel Milch unter Bedingungen, die eigentlich gar nicht gefördert werden sollten», so Binswanger.

Im Idealfall würden die Branchen irgendwann selbst die Kurve kriegen, sagt Binswanger. «Wenn sie das nicht schaffen und das Problem weiter besteht, kann man durchaus auch der Meinung sein, dass der Staat eingreifen muss.»

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